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Cannabisrezept

Cannabis auf Rezept: Die wichtigsten Fakten

Schwer kranken Menschen soll das 2017 eingeführte Gesetz "Cannabis als Medizin" helfen. Wir erklären, wie Betroffene an ein Rezept kommen.
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Schwer kranken Menschen soll das 2017 eingeführte Gesetz "Cannabis als Medizin"   helfen. Wir erklären, wie Betroffene  an ein  Rezept kommen.  Symbolbild: dpa
Schwer kranken Menschen soll das 2017 eingeführte Gesetz "Cannabis als Medizin" helfen. Wir erklären, wie Betroffene an ein Rezept kommen. Symbolbild: dpa
Am 10. März 2017 trat in Deutschland das Gesetz "Cannabis als Medizin" in Kraft. Seitdem kann jeder Arzt - ausgenommen Zahn- und Tierärzte - Cannabis auf einem Betäubungsmittelrezept (BtM-Rezept) verschreiben. Im Folgenden ein Überblick.

1. Der Arzt entscheidet darüber, ob der Patient sinnvoll durch THC-haltige Medikamente mit den Inhaltsstoffen Dronabinol oder Nabilon behandelt werden kann. Dies kann unter anderem in der Schmerzmedizin der Fall sein oder bei bestimmten chronischen Erkrankungen, ebenso bei schwerer Appetitlosigkeit und Übelkeit. Allerdings ist es dem Vernehmen nach nicht leicht, einen Arzt zu finden. Nicht jeder kann sich auf das Thema Cannabisarzneimittel spezialisieren, manche Ärzte möchten sich auch nicht damit in Verbindung bringen lassen oder sind von der Wirksamkeit der Therapie für den Patienten nicht überzeugt.

2. THC, der Hauptwirkstoff von Cannabis, ist seit 1998 in Deutschland als Medikament verschreibungsfähig. Die Patienten mussten für eine Therapie jedoch eine Sondergenehmigung beim Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) einholen. Für einige wenige Anwendungsgebiete, etwa Krämpfe bei Multipler Sklerose, waren Cannabispräparate zugelassen. Außerhalb dieser Zulassungen übernahmen die Krankenkassen nur in absoluten Ausnahmefällen die Kosten. Durch das neue Gesetz können neben bereits zugelassenen Fertigarzneimitteln auf Cannabis-Basis (Mundspray und Kapseln) auch getrocknete Cannabisblüten und -Extrakte von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden.

3. Die Kosten für die Cannabis-Therapie können von der Krankenkasse nur übernommen werden, wenn vor Beginn der Behandlung ein Antrag gestellt wurde. Darum muss sich der Patient mit Unterstützung seines Arztes selbst kümmern. Der Arzt muss die Voraussetzungen für die Erstattungspflicht "angemessen berücksichtigen". Bedeutet: Er muss den Antrag aussagekräftig begründen. Dies ist für jeden Patienten einzeln zu bewerten, nicht jede gleichlautende Diagnose ist per se eine schwerwiegende Erkrankung.

4. Anlaufschwierigkeiten gab es mit dem Inkrafttreten der Cannabisregelung auf allen Seiten, da Ärzte und Krankenkassen Neuland betreten haben. Auf Nachfrage sagten AOK, Techniker- und Barmer Krankenkasse, dass sie der Thematik positiv gegenüberstünden. Anträge auf Kostenübernahme würden individuell geprüft. Bei der Barmer Krankenkasse wurden beispielsweise in Bayern seit März 2017 von 663 eingereichten Anträgen 498 (Stand Januar 2018) bewilligt, 165 wurden aus unterschiedlichen Gründen abgelehnt. Die AOK Bayern hat von 2035 Anträgen 1690 - das entspricht einer Quote von 83 Prozent - genehmigt, 349 Anträge wurden abgelehnt. Und bei der Techniker Krankenkasse, die keine spezifischen Zahlen für Bayern herausgibt, gingen seit vergangenen März bundesweit 2200 Anträge auf die Kostenübernahme einer Cannabis-Therapie ein. 64 Prozent wurden genehmigt. Ablehnungen resultierten nach Angaben der Krankenkassen daraus, dass die Cannabis-Therapie bei bestimmten Erkrankungen als ungeeignet erscheint oder dass Anträge fehlerhaft eingereicht wurden.

5. Die Cannabis-Therapie darf nur in Ausnahmefällen verweigert werden. Die Krankenkasse muss innerhalb von drei Wochen über den Antrag entscheiden, bei Patienten in ambulanter Palliativversorgung innerhalb von drei Tagen. Wird der medizinische Dienst hinzugezogen, gilt eine Frist von fünf Wochen.

6. Für Verordnung und Kostenübernahme gelten enge gesetzliche Voraussetzungen. Die wichtigsten sind: Der Patient muss an einer schwerwiegenden Erkrankung leiden; es steht keine alternative Behandlungsmethode zur Verfügung, etwa weil der Patient austherapiert ist und Standardbehandlungen (beispielsweise wegen der Nebenwirkungen) nicht mehr in Frage kommen; der behandelnde Arzt erwartet einen spürbar positiven Einfluss auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome durch das Cannabismittel.

7. Der Patient muss zustimmen, dass seine Daten anonymisiert an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übermittelt werden. Die dort angesiedelte Bundesopiumstelle führt über fünf Jahre auf Basis der Patientendaten eine Erhebung durch, die weitere Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis ermöglichen soll. An der Aussagekraft dieser Erhebung gibt es allerdings Zweifel. Mediziner und Krankenkassen fordern hochwertige Studien, um mit handfesten wissenschaftlichen Informationen den Stellenwert von Cannabis in der Medizin objektiv beurteilen zu können.

8. Cannabisprodukten werden entzündungshemmende, krampflösende und schmerzlindernde Effekte zugeschrieben. Unter anderem gelten sie in der Palliativmedizin und bei Patienten in der Chemotherapie als wirksam gegen Übelkeit und Erbrechen, in Frage kommen sie auch bei Multipler Sklerose. Einige Mediziner und auch Krankenkassen geben zu bedenken, dass Cannabis keine medizinische Wunderwaffe und nicht für jeden Patienten geeignet sei. Es gebe auch Patienten, bei denen es überhaupt nichts bringt.

9. Cannabis hat Nebenwirkungen. Häufig zu beobachten sind Medizinern zufolge Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und eine Verminderung der Leistungsfähigkeit. Patienten mit einem hohen Risiko für Psychosen oder Vorerkrankungen am Herzen sollten beim Konsum von Cannabis vorsichtig sein. Das Bundesinstitut für Arzneimittel rät von einer aktiven Teilnahme am Straßenverkehr zumindest zu Beginn der Therapie und in der Findungsphase für die richtige Dosierung ab. Auch rät die Behörde davon ab, Cannabis zu rauchen, da durch den Verbrennungsprozess Giftstoffe entstehen. Weitere Infos gibt es unter www.bfarm.de.

10. Fünf Prozent der Konsumenten von medizinischem Cannabis laufen laut einem Bericht in der Dezember-Ausgabe des AOK-Magazins Gefahr, abhängig zu werden. Laut Drogenbericht 2017 ist es die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Deutschland. Rund zwei Millionen Jugendliche greifen regelmäßig zum Joint. Das ist Experten zufolge vor allem deshalb bedenklich, weil der Wirkstoffgehalt von Cannabis heute etwa fünfmal höher liegt als vor 30 Jahren.


Cannabisagentur steuert deutschen Anbau

Cannabis als Medizin soll künftig unter staatlicher Aufsicht vertrieben werden. Dafür wurde beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine "Cannabisagentur"eingerichtet. Sie soll den Anbau in Deutschland und die Auslieferung von Cannabis für medizinische Zwecke an Apotheken steuern.

Deutscher Anbau Das BfArM rechnet damit, dass von 2019 an Cannabis in pharmazeutischer Qualität aus deutschem Anbau zur Verfügung stehen wird. Dafür wird die Cannabisagentur ein Ausschreibungsverfahren in der EU starten und anschließend Aufträge zum Anbau an geeignete Unternehmen vergeben. Laut AOK-Bundesverband wurde für die Jahre 2021 und 2022 ein Cannabisbedarf für 5000 Patienten ausgeschrieben. Das werde bei der sich abzeichnenden Nachfrage und Verordnungspraxis nicht ausreichen.

Import Bis der deutsche Anbau soweit ist, wird Cannabis aus den Niederlanden und Kanada importiert. Durch den sprunghaft angestiegenen Bedarf infolge des neuen Gesetzes kommt es bereits jetzt zu Lieferengpässen. irfe
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