• Kurzbiografie zu Norbert Elias
  • Die Grundsätze der Theorie
  • Zentrale Erkenntnisse
  • Die Duerr-Kontroverse: Kritik an der Theorie

Wer schon einmal versucht hat, den Zivilisationsprozess zu beschreiben, ist sicherlich schnell an seine Grenzen gestoßen. Immerhin handelt es sich um ein komplexes und nur schwer greifbares Konstrukt. Norbert Elias hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Mechanismen hinter den Veränderungen der Zivilisation zu umfassen.

Norbert Leo Elias: Das Leben des Soziologen

Das Leben von Norbert Leo Elias begann 1897 in Breslau. Dort wuchs er in einer Familie der Mittelschicht auf. Elias besuchte ein städtisches Gymnasium, bestand dort auch die Reifeprüfung und begann nach seinem Kriegsdienst im Jahr 1918 ein Studium. An der Universität Breslau studierte er Philosophie; 1924 erhielt er seinen Titel Dr. phil. an ebendieser Universität. Im selben Jahr setze er sein Studium an der Universität Heidelberg im Bereich der Soziologie fort. Zu Beginn der nationalistischen Herrschaft der NSDAP schloss das Institut für Soziologie und Elias ging ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er hauptsächlich als Soziologieprofessor beschäftigt.

 

Sein Hauptwerk "Über den Prozeß der Zivilisation" schrieb er bereits 1939. Grundlage seiner Forschung waren "Manierenbücher": Er richtete sein Augenmerk vor allem darauf, wie sich im Laufe der Jahre die Peinlichkeitsempfindungen sowie die Verhaltenskontrolle der Gesellschaft verändert hat. Er untersuchte, was als "sittlich" galt, was verboten wurde und wie sich die Grenzen im Verlauf der Zeit veränderten.

Norbert Elias Karriere erreichte einen Hochpunkt, als die Rezeption und Anerkennung seines Werkes "Über den Prozeß der Zivilisation"(1976) erfolgte. Im Jahr 1977 erhielt er für sein Werk den Theodor W.Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main. In seinem Werk entwickelte er eine originäre soziologische Theorie, die auch heute noch eine signifikante Rolle spielt, da sie als eine Grundlage der Zivilisationsforschung fungiert, auf welcher heute noch aufgebaut wird. 1990 starb Norbert Elias in Amsterdam.

"Über den Prozeß der Zivilisation": die Grundsätze

Mit seiner Theorie verfolgte er einen Anspruch auf Universalität und Interdisziplinarität, da durch sie eine Verbindung zwischen der Geschichtswissenschaft, der Soziologie und der Psychologie herstellt werden kann, sie aber auch Berührungspunkte zur Staatskunde und den Literaturwissenschaften aufweist.

Norbert Elias sah eine Notwendigkeit darin, die Gesellschaft nicht von dem Einzelnen aus zu denken, sondern von den Menschen in seinem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. "Die Zivilisation" wurde von Elias grundsätzlich als Prozess angesehen: Er beschrieb sie als dynamisch und sich im Laufe der Zeit wandelnd. Dieser Wandel ist einerseits historisch bedingt, andererseits auch soziogenetisch und psychogenetisch. Der erste Band seines Werkes behandelt im Detail die Psychogenese der Persönlichkeitsstruktur. Als "Psychogenese" wurde die langfristige Veränderung in der psychischen Struktur der Individuen beschrieben; dabei gebe es eine Übereinstimmung zwischen dem Gesellschaftstypus und dem Persönlichkeitstypus. Zentrale Frage war hierbei also, wie die Persönlichkeit sich den gesellschaftlichen Anforderungen anpasste. Dabei durfte die Entwicklung des Individuums nur in seinen Interdependenzketten untersucht werden. Elias teilte diese Entwicklung der Persönlichkeitsstruktur in drei Stadien ein: die mittelalterliche courtoisie, die höfische civilité und der neuzeitliche civilisation. Das Individuum reguliere seine eigenen Wünsche und Triebe entsprechend der Gesellschaft, um nicht negativ aufzufallen; die Normen und Werte der Gesellschaft werden dabei verinnerlicht. Elias meinte damit den Wandel von Außenzwängen zu Innenzwängen.

Im zweiten Band erweiterte Elias seine Theorie parallel dazu und ging näher auf die Soziogenese ein. Auch diese wurde in drei Prozessstadien eingeteilt: die Feudalisierung, die Monopolisierung von Machtmitteln und die Vergesellschaftung dieser Monopole. Der Untersuchungsgegenstand war hierbei nicht das Individuum, sondern die menschlichen Gemeinschaften: Es galt, mehr über die langfristige Veränderung der Struktur der Gesellschaft herauszufinden. Die Gesellschaft selbst teilte Elias in sogenannte Figurationen ein. Es handele sich um Verflechtungszusammenhänge, also eine wechselseitige Abhängigkeit und Angewiesenheit zwischen den Beteiligten. Dabei konnten diese Zusammenhänge sowohl auf emotionaler Basis entstehen (z.B.: Familien) oder auch auf andere Weisen, wie einer Institution (z.B.: Schule). Diese Figurationen folgten nach Elias sittlichen und rechtlichen Vorschriften. Mit der Zeit entwickelten sie eine gewisse Eigendynamik, sodass sie unabhängig von den Wünschen des Individuums wurden. Veränderte sich die Gesellschaft, veränderten sich zeitgleich auch die Figurationen und deren Verflechtungszusammenhänge.

Erkenntnisse auf Grundlage seiner Theorie

Laut Elias verlaufe der Zivilisationsprozess ungeplant, aber nicht ohne Regeln. Es gehe eher um die erwähnte Eigendynamik der Verflechtungsordnungen, die anschließend die Veränderungen produzieren. Bei dem Prozess gebe es keinen Nullpunkt und keinen Endpunkt: Es gab für ihn also keine „gar nicht zivilisierte“ Gesellschaft und keine „vollkommen zivilisierte“ Gesellschaft. Zudem entwickele sich die Zivilisation nicht geradlinig; sie kann sogar rückläufig sein.

Elias war auf der Suche nach allgemeinen Regeln, die erklärten, wie sich die abendländische Gesellschaft von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft bis ins 19. Jahrhundert, vor dem Hintergrund der wechselseitigen Beeinflussung von Individuum und Gesellschaft, entwickelt hat. Er beobachtete, dass die Affektkontrolle im Mittelalter noch nicht in hohem Maße notwendig gewesen sei: Es habe kaum langfristige Folgen gewaltsamen Handelns gegeben. Auch die Verflechtungsketten der Gesellschaften wären eher kurz gewesen, da es nur eine eingeschränkte Arbeitsteilung gab. In der Zeit der "Verhöflichung der Krieger" (vom etwa 11./12. bis zum 17./18. Jahrhundert) wurden die Aktionsketten komplexer, der freie Krieger verschwand infolge einer zunehmenden Monopolisierung. Wer ein hohes Ansehen in der Gesellschaft haben wollte, musste sein eigenes Verhalten nun bereits stärker anpassen und kontrollieren.

Zentrale Erkenntnisse waren, dass vor allem in der Soziogenese die funktionale Differenzierung zunahm und damit einhergehend kam es zu einer Verlängerung der Verflechtungsketten. Die Folgen eines Fehlverhaltens sorge für einen Zwang zur Langsicht; andernfalls müsse mit gravierenden sozialen und ökonomischen Nachteilen gerechnet werden (Beispiel: Gefängnis). Die Notwendigkeit der Affektbeherrschung nehme also zu. Eine weitere Aussage Elias' besagte, dass die Psychologisierung und Rationalisierung der Gesellschaft fortlaufend zunehme. Zuletzt sollte noch genannt werden, dass laut Elias auch die Scham- und Peinlichkeitsschwellen steigen. Scham entspreche dabei der Angst vor drohendem Prestigeverlust nach dem Überschreiten einer Norm oder einer Regel; Peinlichkeit im Gegensatz dazu das Empfinden, wenn jemand anders eine Regel überschritt.

Kritische Stimmen gegen die Zivilisationstheorie

Im Zentrum der Kritik an Norbert Elias liegt die "Elias-Duerr-Kontroverse". Hans Peter Duerr übte in seinem Werk "Der Mythos vom Zivilisationsprozeß“ umfangreiche Kritik an den Grundsätzen Elias'. Einer der Hauptkritikpunkte war die Quellenauswahl und die Analyse seiner Quellen. Duerr postuliert, dass der Sadismus und die Gewalt im mittelalterlichen Leben längst nicht so erlaubt und akzeptiert worden sei, wie Elias es beschrieb. Zudem sei es ein zu einseitiges Bild, welches Elias von der Lebenswirklichkeit des Mittelalters zeichne, sodass ein Vergleich zur Gegenwart nicht möglich sei.

Duerr warf Elias zudem vor, dass er satirische Schriften nicht von ernsthaften Werken unterscheiden könne, sodass seine Schlüsse nur trughaft seien. Er übte auch politisch-moralische Kritik an der Zivilisationstheorie: Sie stehe Ideologien wie dem Evolutionismus, dem Kolonialismus oder dem Eurozentrismus nahe. Elias verbreite mit seiner Theorie den Gedanken, es gäbe eine „höhere Zivilisiertheit“ und eine „machtvollen Überlegenheit“ mancher Zivilisationen.

Verteidiger Elias' stellen dagegen an, dass Elias seine Theorie selbst überarbeitet habe und die Neuauflage von 1969 unbeachtet bleibe. Zudem wird Duerr vorgeworfen, er gehe feindselig, vernichtend und mit Hass auf Elias zu. Letztlich sei der Begriff „Zivilisation“ bei Elias auch rein deskriptiv genutzt worden; er habe keine Wertung oder Hierarchisierung der Kulturen beabsichtigt. Die auch heute noch zahlreichen Rezeptionen und Anwendungen seiner Theorie zeigen, dass Elias in seiner Theorie wichtige Denkanstöße und Anknüpfpunkte gegeben hat; beispielsweise werden unter Nutzung der Theorie Fragestellungen rund um den Prozess der Globalisierung und der Weltgesellschaft untersucht.