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Selb/Hof
Raser vor Gericht

Mit 90 km/h durch fränkische Kreisstadt: Fahrer (21) zeigt Reue nach tödlichem Unfall

Der tödliche Unfall, der sich im Februar in Selb (Landkreis Wunsiedel) ereignet hatte, erschütterte ganz Franken. Ein damals 20-Jähriger hatte wohl mit seiner Geschwindigkeit protzen wollen - und fuhr dabei einen Fußgänger (19) tot. Nun muss sich der Fahrer vor dem Landgericht Hof verantworten. Der Vorwurf: Mord.
 

Starke Motoren, Geschwindigkeitsrausch und Imponiergehabe: Mit bis zu 90 Kilometern pro Stunde soll ein damals 20-jähriger Mann im Februar dieses Jahres durch das Zentrum der oberfränkischen Stadt Selb gerast sein. Er erfasste dabei einen 19-jährigen Berufsschüler, für den jede Hilfe zu spät kam. 

Beim Prozessauftakt am Dienstag (15. September 2020) vor dem Landgericht in Hof zeigte sich der inzwischen 21 Jahre alte Deutsche reuig. Mit gesengtem Kopf starrte er auf den Tisch, wischte sich mit einem Taschentuch Tränen von den Augen, als der Staatsanwalt die Anklage verlas.

Todesfahrer von Selb vor Gericht: "Ich bedauere unendlich, dass dieser Unfall passiert ist"

"Ich bedauere unendlich, dass dieser Unfall passiert ist", sagte er und bat die Familie um Verzeihung. Vier Angehörige des Opfers saßen als Nebenkläger im Gerichtssaal, alle in Schwarz gekleidet.

Durch den Zusammenstoß wurde der 19-Jährige etwa vier Meter hoch und 30 Meter weit in die Luft geschleudert, bis er auf das Metallschild einer Firma stürzte. Einsatzkräfte versuchten, ihn zu reanimieren - vergeblich. Etwa zwei Dutzend Menschen, darunter Ersthelfer und Zeugen, mussten nach dem Unfall psychologisch betreut werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Fahrer vor, durch sein Rasen den Tod des Schülers billigend in Kauf genommen zu haben. Ermittlungen ergaben zudem Hinweise auf ein illegales Autorennen. Das Rennen war laut Anklage vorbei, als sich der Mann erneut entschloss, an einer Gruppe Berufsschüler vorbeizurasen. Vermutlich wollte er mit seiner riskanten Fahrweise den jungen Leuten imponieren, hieß es in der Anklageschrift.

Angeklagter bestreitet Autorennen

Der Angeklagte bestreitet ein Autorennen.

Er sei wohl zu schnell gefahren, wollte ausweichen, habe es aber nicht geschafft. "Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Auto zu steuern", sagte er.

Kommt es zu einer Verurteilung wegen Mordes nach Jugendstrafrecht, droht ihm eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, nach Erwachsenenstrafrecht lebenslange Haft. Der Prozess soll noch bis Mitte Oktober andauern.

Die vorangegangene Berichterstattung: 

Nachdem ein 19-jähriger Fußgänger bei einem illegalen Autorennen im Februar in Selb ums Leben kam, soll nun der Todesfahrer zur Rechenschaft gezogen werden. Die Staatsanwaltschaft Hof verkündete am Mittwochmorgen (1. Juli 2020), dass der 20-jährige Fahrer wegen Mordes angeklagt wird. Die genaue Anklage lautet "wegen Teilnahme an verbotenen Kraftfahrzeugrennen und Mord in Tateinheit mit verbotener Fortbewegung im Straßenverkehr mit Todesfolge".

Selb: Illegales Autorennen endet mit tödlichem Unfall

Am Donnerstag, 6. Februar 2020, kurz nach 20 Uhr, war der Autofahrer aus dem Landkreis Wunsiedel mit seinem Audi auf der Wittelsbacher Straße in Selb unterwegs und erfasste den 19-jährigen Fußgänger in Höhe der Abzweigung zur Jägerstraße frontal. Der Audi des 20-Jährigen kollidierte in der Folge mit zwei am Straßenrand geparkten Fahrzeugen und kam letztlich an einer Mauer zum Stehen. Trotz sofortiger Reanimationsversuche erlag der Fußgänger aus Kulmbach noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen.

Nach den umfangreichen Ermittlungen der Polizei Marktredwitz hatte sich der junge Mann aus dem Landkreis Wunsiedel zuvor ein illegales Autorennen mit einem 19-jährigen BMW-Fahrer quer durch die Selber Innenstadt geliefert. Die beiden Fahrzeuge befuhren dabei unter anderem die Wittelsbacher Straße, an deren Fahrbahnrand sich eine Personengruppe befand. Nachdem der 19-jährige BMW-Fahrer das Rennen beendet hatte, wendete der Audifahrer.

Unfall-Fahrer wollte angeben - und überfährt dabei den 19-Jährigen

Er entschloss sich, mit höchstmöglicher Geschwindigkeit nochmals an der zuvor in der Wittelsbacher Straße gesichteten Gruppe vorbeizufahren, um dieser zu imponieren. Der auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Hof hinzugezogene Sachverständige konnte bereits feststellen, dass der 20-Jährige sein Auto, als er die Wittelsbacher Straße hinabfuhr, auf zirka 100 Kilometer pro Stunde beschleunigte. Infolge dieser Geschwindigkeit erkannte er den 19-jährigen Fußgänger, der gerade die Straße überquerte, zu spät und erfasste ihn mit seinem Audi.

20-Jähriger wollte Zeugen beeinflussen

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Hof erging Haftbefehl gegen den Audifahrer, da dieser zusätzlich auch noch versucht hatte, auf Zeugen des Unfallgeschehens in Hinblick auf deren Aussagen einzuwirken. 

Die Staatanwaltschaft Hof geht in ihrer Anklageschrift davon aus, dass neben dem neuen Straftatbestand des § 315d StGB (Verbotene Autorennen) vor allem auch der Tatbestand des Mordes erfüllt ist. Da der Angeschuldigte zur Tatzeit das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte und damit Heranwachsender war, wurde Anklage zur Jugendkammer des Landgerichts Hof erhoben. Der Angeschuldigte befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft.

Der zweite Teilnehmer des Rennens, ein 19-jähriger BMW-Fahrer, muss sich ebenfalls wegen Teilnahme an dem illegalen Rennen strafrechtlich verantworten. Die weiteren Ermittlungsarbeiten der Polizei Marktredwitz, in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Hof, dauern an.