Ein junger Kulmbacher ist tot. Er wurde nur 19 Jahre alt. Er wollte Chemielaborant werden. In Selb besuchte er die Berufsschule. Und in Selb starb er am 6. Februar - überfahren von einem jungen Mann, damals auch erst 20, der zum Spaß mit seinem Audi A4 und bis zu 100 Sachen durch die Selber Innenstadt gerast sein soll.

Seit gestern steht der Selber Todesfahrer vor Gericht. Ihm wird in Hof der Prozess gemacht. Die Jugendkammer des Landgerichts ist zuständig und muss klären: War es ein verbotenes Autorennen? Und: War es Mord?

Blicke der Familie aushalten

Der inzwischen 21-jährige Angeklagte sitzt seit Februar in Untersuchungshaft. Er wurde mit Fußfesseln in den Sitzungssaal geführt. Sein Gesicht verbarg er vor den Kameras der zahlreichen Journalisten hinter einem Aktenordner. Doch in der Verhandlung musste er die Blicke der Familie des Opfers aushalten, die nur wenige Meter entfernt saß.

Eltern und Geschwister des 19-Jährigen treten als Nebenkläger auf. Für den Prozess sind bis 14. Oktober zwölf weitere Termine vorgesehen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass dem Unfall ein illegales Rennen vorausging und erhob Mordanklage. Laut Staatsanwalt Dominic Pyka haben sich der Angeklagte, sein Beifahrer und ein 19-jähriger BMW-Fahrer um 20 Uhr bei McDonald's zu dem verbotenen Autorennen verabredet. Auf der 2,9 Kilometer langen Strecke habe ein Katz-und-Maus-Spiel stattgefunden: Der Vordermann mit dem BMW sollte "entkommen" und der Audi von hinten aufschließen. Nach der zweiten Runde sei der BMW-Fahrer ausgestiegen.

"Aber der Angeklagte hatte noch nicht genug und fuhr eine dritte Runde", sagte Pyka. In der Wittelsbacher Straße habe er versucht, die höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen, um einer elfköpfigen Personengruppe zu imponieren, die ihm schon vorher aufgefallen sei.

Durch die Luft geschleudert

Hier waren der Kulmbacher und seine Freunde von der Berufsschule unterwegs zu einer Bar. Dort kamen sie nicht mehr an. Der 19-Jährige habe gerade die Wittelsbacher Straße überquert, so der Staatsanwalt, und sei schon fast drüben gewesen, als der Angeklagte mit 80 bis 90 Stundenkilometern auf der linken Straßenseite heranbrauste. Der Audi habe den "wehrlosen Fußgänger" erfasst, vier Meter hoch und 30 Meter weit durch die Luft geschleudert. Das Opfer sei gegen ein Firmenschild geprallt und mit schwersten Kopfverletzungen noch am Unfallort gestorben. Pyka: "Der Angeklagte nahm den Tod eines Fußgängers billigend in Kauf."

Die Verteidigung widerspricht der Staatsanwaltschaft. In einer Verhandlungspause sagte Rechtsanwalt Klaus Wittmann, Ingolstadt, zur Presse: "Der Fall eignet sich nicht, einen Mord anzunehmen, und unterscheidet sich eklatant von den Fällen, bei denen der BGH einen Mord bejahte." Es sei auch kein illegales Autorennen gewesen: "Das sehe ich nicht."

Im Gerichtssaal kündigte Wittmann an, dass der Angeklagte, der außerdem von Rechtsanwältin Regina Rick, München, verteidigt wird, zunächst keine Fragen des Gerichts beantworten werde. Er werde eine Erklärung abgeben, diese aufgrund seiner Aufregung aber vom Blatt ablesen.

Büblagesicht und Tränen

Dazu erhob sich der junge Mann mit dem Büblagesicht und dem blütenweißen Hemd von seinem Platz neben den Verteidigern. Er kämpfte mit den Tränen, als er sagte: "Ich bedauere unendlich, dass dieses Unglück geschehen ist und dass ich dafür verantwortlich bin und so vielen Menschen Kummer bereitet habe." Er bitte die Familie um Verzeihung, wohl wissend, dass man ihm nicht vergeben könne. "Ich würde alles tun, um es ungeschehen zu machen."

Weiter beteuerte er, dass es kein Rennen gewesen sei. Er gab zu, zu schnell gefahren zu sein. "Ich wollte ausweichen, habe es aber nicht geschafft", sagte er. "Ich hatte bisher ein unbeschwertes Leben, das ist jetzt vorbei. Ich habe unendliches Leid über viele Menschen gebracht. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ein Auto zu steuern." Danach setzte sich der Angeklagte und hielt ständig den Kopf gesenkt, um die Angehörigen nicht ansehen zu müssen.

"Fürchterliche Einsatzstelle"

Ausführlich hörte die Kammer mit dem Vorsitzenden Richter Jochen Götz einen Polizeibeamten, der am Unfallort war und zur Ermittlungsgruppe "Wittelsbacher" gehörte. Der Mann sprach von einer "fürchterlichen Einsatzstelle". Aufgrund der Aussagen von Zeugen und der Spurenlage sei klar gewesen: "Es muss eine enorme Geschwindigkeit im Spiel gewesen sein." Nicht nur der Audi sei erheblich deformiert gewesen, sondern auch zwei weitere Fahrzeuge, die vom Unfallwagen gegen eine Mauer gedrückt worden waren.

Der Polizeihauptmeister hatte auch die Handys des Angeklagten, seines Beifahrers und des zweiten Fahrers sichergestellt. Er war mit der digitalen Forensik beschäftigt: "Ich habe unfassbare Datenmengen ausgelesen und Hunderttausende von Nachrichten des Beschuldigten gesichtet." Durch die Chats, Bilder und Videos habe er ein zwiespältiges Bild vom Angeklagten gewonnen, sagte der Zeuge. Der Angeklagte sei sehr technikaffin, sei als Maschinen- und Anlagenführer angesehen im Betrieb und kommuniziere altersgerecht mit den Arbeitskollegen. Er habe Zukunftspläne geschmiedet mit Familie, Haus und Kindern.

Auf der anderen Seite habe er einen "abgebrühten Straftäter" kennengelernt, so der Beamte. Der Angeklagte habe sich damit gebrüstet, jemanden mit einem einzigen Faustschlag niedergestreckt zu haben. Er definiere sich hauptsächlich über seinen Wagen. Auto fahren und Computerspiele seien offenbar seine einzigen Interessen. Er verkehre in einem Freundeskreis, der sich als "Alpha-Mafia" bezeichne und dessen Ziel es sei, gefürchtet zu werden. Vom Beifahrer in der Unfallnacht sei der Angeklagte als "Adrenalin-Junkie" hingestellt worden.

Alle Zeugen vereidigen

Verteidiger Wittmann ließ durchblicken, dass die Polizei möglicherweise nicht unvoreingenommen ermittelt habe. Man werde bei allen Zeugen Vereidigung beantragen, "auch bei Polizeibeamten". Außerdem widersprach der Anwalt der Sicherstellung des Handys und beantragte ein Beweisverwertungsverbot. Der Prozess wird heute fortgesetzt.