Was Hannes sieht, ist das Seil. Die kleine Schwester hat es im Garten liegen lassen, ein Springseil mit gelben Kordeln. Es scheint lang genug; fünf Meter. Reicht das? Würde es halten, hinge es am Mirabellenbaum im Garten; samt Gewicht?

Hannes denkt über Knoten nach. Wie man sie knüpft. Es gibt Nächte, in denen Hannes sich vorstellt, einen letzten Knoten zu knüpfen. Es gibt immer mehr Tage, an denen er nicht aufsteht. Nicht aufstehen kann, weil nichts ihn in den neuen Tag zieht.

Die Eltern erkennen ihren Sohn nicht wieder. Klar, Hannes mit seinen 15 Jahren pubertiert; er ist im letzten Jahr ihnen gegenüber abweisender geworden als früher - aber er ist bisher doch immer aktiv gewesen. Guter Sportler, guter Schüler, viele Freunde. Selbstsicher, beliebt. Der Sunnyboy. Die Eltern bitten den Sohn, sich ihnen anzuvertrauen, es gebe doch Lösungen für Probleme. Hannes rührt sich nicht aus dem abgedunkelten Zimmer.


Was passiert in der Kinder- und Jugendpsychatrie in Würzburg?

Sie würden mit ihm nach Würzburg in die Kinder- und Jugendpsychiatrie fahren, sagen die Eltern in ihrer Verzweiflung. Zu ihrer Überraschung stimmt Hannes dem zu, sofort, freiwillig. Dem, der jede Nacht hinter den geschlossenen Augenlidern den Mirabellenbaum auftauchen sieht, den Baum mit den tragfähigen Ästen, dem macht Psychiatrie keine Angst. Da, wo Türen abgeschlossen sind und Fenster aus Sicherheitsglas gemacht und vergittert sind, da steht jedenfalls kein Baum.

An einem Freitag um halb zwei kommt Hannes in der Füchsleinstraße an. Die Sonne glänzt, es ist heiß, der Himmel hell. Hannes sieht auf dem Vorplatz ein großes, blaues Trampolin unterm roten Sonnenschirm; es ist das Letzte, was er sieht, bevor er durch die Sicherheitsschleuse in die geschlossene Intensiv-Einheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie begleitet wird. Ins Besprechungszimmer: Tisch, ein paar Stühle, fünf graue Schränke mit der Aufschrift "Verbotene Effekte". Im Schrank Nr. 2 verstaut ein Pfleger das, was Hannes missbrauchen könnte: Rasierklingen, Taschenmesser.

Schnürsenkel. Gürtel. Handy und Laptop - Kommunikation mit "draußen" ist unerwünscht. Hannes fingert an dem Lederband mit dem indianischen Anhänger herum, das er um den Hals trägt. "Das Lederband auch?" Ja, das Lederband auch. Professor Marcel Romanos, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Würzburg, sagt, in dem Moment, wo die jungen Patienten Gürtel, Messer, oder scharfe Klingen abgäben, gäben sie auch die Verantwortung für ihr Leben ab, legten ihr Schicksal für eine gewisse Zeit in andere Hände. "Das ist für die meisten eine große Erleichterung."

Alle 14 Betten der geschlossenen Einheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind schon belegt an dem Tag, an dem Hannes kommt. Ein fünfzehnter Patient schläft auf einer Matratze auf dem Gang; das kommt häufiger vor. Trotz Überbelegung wird auch Hannes bleiben; das ist aus Sicht der diensthabenden Ärztin unausweichlich.


"Ich will nicht mehr leben"

"Ich habe mir das genau überlegt. Ich will nicht mehr leben", hat Hannes ihr gesagt. Im einstündigen Gespräch mit dem Jungen hat die Ärztin abgecheckt, wie ernst ihm das ist. Sagt er das so dahin, wie auch gesunde Menschen das in einer Krise tun? Denkt er wirklich übers Ende nach? Hat er einen Plan? "Ja", sagt Hannes - und hat spätestens mit dieser Antwort die Grenze überschritten, die ihn aus psychiatrischer Sicht von seelisch gesunden, nicht-depressiven Menschen trennt. Ja, er hat einen Plan. Ja, er hat sich vorgestellt, ihn umzusetzen. Und Hannes fügt hinzu, bewusst und glasklar und hart fügt er das hinzu, dass er nicht versprechen könne, diesen Plan nicht auszuführen.

Deshalb ist es richtig, dass er jetzt hier ist. Dass die Tür, durch die er jetzt geht, zugeschlossen wird hinter ihm. Dass er in den nächsten Tagen keinen Schritt tun kann, ohne dass in der Decke installierte Kameras ihn überwachen und die Pflegekräfte ihn beobachten, vom Überwachungspult aus. Auch das Überwachungspult ist sicherheitsverglast, registriert Hannes, verglast bis zur Decke, unzugänglich für Leute wie ihn. "Hi", sagt da einer neben ihm. Am Hosenbund des Typs klemmt kein Schlüsselbund, außerdem sieht er zu jung aus für einen Pfleger - muss ein Patient sein wie er.

"Ich heiße Jakob", sagt der Typ. "Wenn du magst, zeig' ich dir die Station." Den Balkon - Graffiti, Sonne, Gitter. Den Gruppentisch fürs Abendessen - in Blicklinie der Überwachungsdesks. Den Schrank mit Computerspielen, üblicherweise verschlossenen. Jakob sucht nach "Singstar". "Ist doch für Säuglinge", sagt Hannes. "Die Jüngste hier ist erst neun", sagt Jakob. Und dann, nebenbei: "Warum bist du hier?"

Vielleicht redet Hannes, vielleicht hört er dem anderen nur zu. Wichtig sei, dass Hannes möglichst am ersten Tag Teil der Gruppe werde, sagt Kinder- und Jugendpsychiatrieleiter Romanos. Dass er erfahre, dass er nicht der Einzige sei mit psychischer Krankheit. Nicht der Einzige, der nach einem Trauma aus dem Alltag gefallen ist. Romanos malt eine sanft ansteigende Zeitlinie, markiert am Linienbeginn einen fetten Punkt:
Das Trauma.

Hannes, und das ist real, ist Monate zuvor verprügelt worden abends, vor einem Jugendtreff. Er, der coole selbstsichere Überflieger, war, als es drauf ankam, nicht stark genug, nicht aggressiv genug, nicht Held genug.
Schlimmer noch: Er hat, und auch das ist real, nicht gegen gehalten, als seine Freundin bedroht wurde, Todesangst ausstand, er hat sie nicht verteidigt, sie alleingelassen, hat gekniffen.

Hannes, der Heulbubi. Hannes, der Schwächling. Hannes, der Loser.

Romanos lässt die Kugelschreiberlinie, auf der er den Zeitpunkt des Traumas markiert hat, leicht ansteigen. "Es war eine Situation, die dem Hannes radikal die Grenzen aufgezeigt hat", sagt Romanos. "Der Junge, dem sonst alles zugeflogen ist, der alles konnte, hat sich als komplett hilflos erlebt." Dass Hannes nach dem Vorfall begonnen habe, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln, an allen seinen Fähigkeiten, dass er danach sein Selbstbild infrage gestellt habe - das sei alles im Rahmen des Erwartbaren, des Nicht-Krankhaften gewesen.

Warum aber hat Hannes dem einmaligen Ereignis so viel Macht gegeben? Warum hat er sich, statt loszulassen, statt den Vorfall abzuschütteln, verhakt ins hässliche Bild von sich, sich verbissen, sich verbunden mit dem Loser-Image? Warum hat er, statt sein Verhalten an dem einen Abend zu verurteilen, sich selbst verurteilt? Dazu verurteilt, dass sein ganzes Leben keinen Wert hat.

Romanos sagt, seine Ärzte und er erlebten zunehmend Jugendliche, oft solche aus "gutem Haus", für die alles geregelt sei, für die bestens gesorgt sei - und die dann angesichts einer Härte des Lebens überfordert seien. Er referiert Studien, die belegen, dass jene, die schon in der Kindheit Misserfolge verkraften mussten, Krisen besser bewältigen als jene, die nur Erfolge und Fürsorge gewöhnt seien. "Aber das sind Modelle, die Wahrscheinlichkeiten aufzeigen." Warum einer zurückfinde nach einem Trauma und der andere in den Abgrund der Depression sinke, das zu wissen maße man sich nicht an. "Es ist auch nicht wichtig."

Wichtig sei - und jetzt hämmert Romanos auf dem Gipfel seiner Kugelschreiberkurve Pfeile ins Papier - , dem Patienten in der Akutphase zu helfen: Einzelgespräche. Gruppengespräche. Entspannungstherapie. Bewegungstherapie. Sport. Gegebenenfalls Psychopharmaka.


Depression kann man behandeln

Wenn alles gut geht, wird Hannes sein Leben neu zusammensetzen. Hannes ist intelligent, er wird verstehen, dass das Unwert-Gefühl, das ihn gefangen hält, nicht ihn beschreibt, sondern Ausdruck seiner Krankheit ist. Krankheiten kann man behandeln. Wenn die Therapie so läuft, wie die Psychiater das erhoffen, wird Hannes in den nächsten Tagen und Wochen schrittweise wieder Verantwortung für sein Leben übernehmen. Wird sein Selbstwertgefühl zurückerobern durch Erfolge, die von außen gesehen lächerlich klein sind, zunehmend größer werden. Ja, er kann in der Kunsttherapie aus einem Stück Holz einen Löffel schnitzen, er bringt das tatsächlich zu Ende. Ja, er steht auf, er geht in der Bewegungstherapie auf den Fußballplatz, rennt dem Ball nach. Ja, er kann sich vorstellen, manchmal jedenfalls, dass sein Leben weitergeht. Er kann sich drauf einlassen, gemeinsam mit einem Therapeuten in der Einzeltherapie, Ziele seines neuen Lebens zu planen.

Ein paar Tage drauf ist Hannes derjenige, auf den der Blick des Arztes fällt. Der Arzt hat einen Neuen im Schlepptau. Hannes versteht. "Hallo", sagt er freundlich zu dem Neuen, "ich zeig dir hier mal alles, wenn du magst."

Hannes wird nur eine Woche auf der geschlossenen Einheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie Würzburg verbringen; damit liegt er unterm Durchschnitt von rund zehn Tagen Verweildauer.

Danach zieht Hannes für weitere sechs Wochen auf die offene Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Und dann wird er in sein Leben zurückkehren. Zu den Eltern, der Freundin, der Schwester. Dem Haus. Dem Garten mit dem alten Mirabellenbaum.
Der Baum ist nur ein Baum.

Und ein zufällig im Garten vergessenes Springseil ist - eine Erinnerung.

Nein. Ein Springseil ist ein Springseil. Gisela Rauch