Über Depressionen spricht niemand gern. Nicht mit Freunden, nicht mit Bekannten und schon gar nicht mit seinen Kindern. Doch die leiden am stärksten, wenn Mama oder Papa plötzlich "komisch" sind und unberechenbar werden in ihren Reaktionen. In einem Moment drücken sie einen ganz fest, im nächsten Augenblick sind sie weit weg, hören nicht zu, sind komplett gefühllos und oft auch gemein.

Weil Kinder solche extremen Stimmungsschwankungen nicht einordnen können, trifft es sie mit voller Wucht. Immer wieder aufs Neue. Schuldgefühle wachsen in den Himmel. Was habe ich falsch gemacht? War ich nicht lieb zu Mama? Was kann ich tun, damit Mama und Papa wieder fröhlich sind? Es kommt zu einer Rollenumkehr, die Kinder nehmen Rücksicht, stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück.

Bedürfnisse, die Eltern in ihrer Krankheitsphase leicht aus dem Blick verlieren. Die meisten Eltern glauben, sie müssten die Krankheit vor den Kindern verbergen.

Die Folge: die Kinder verstehen die Welt nicht mehr. Die Gefahr für Kinder psychisch erkrankter Elternteile, selbst anfällig für psychische Störungen zu werden, ist lange Zeit unterschätzt worden. Etwa 60 Prozent, so hat man nun festgestellt, entwickeln deutliche psychische Auffälligkeiten. Leiden beide Elternteile unter einer Störung, wächst das Risiko für die Kinder auf das Vier- bis Fünffache.


Alarmierende Zahlen

Das sind alarmierende Zahlen, die auch Experten in Unterfranken umtreiben. Bei der Fachtagung "Kinder psychisch kranker Eltern" im Bezirkskrankenhaus Lohr jedenfalls waren die Stuhlreihen bis auf den letzten Platz besetzt.

Psychotherapeuten, Heilpädagogen, Sozialpädagogen, Lehrer - sie alle haben zunehmend mit Kindern zu tun, die sich aufgrund der veränderten familiären Situation völlig aus ihrem Sozialleben zurückziehen. Die nicht in die Schule gehen wollen oder können, wenn Mama einen Anfall hat oder Papa wieder so traurig ist. Kinder, die aggressiv sind, deren Leistungen in der Schule in den Keller rutschen, die plötzlich überempfindlich und ängstlich reagieren.

"Sie stehen permanent unter Druck, sie managen teilweise den ganzen Haushalt, auf ihnen lastet eine unglaubliche Verantwortung", erklärte Professor Dominikus Bönsch, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin Bezirk Unterfranken in Lohr. Diese Kinder, so waren sich Referenten und Diskutanten einig, brauchen möglichst schnell Hilfe.

Das Motto der Tagung, "Vom Dialog zum Trialog", unterstreicht, worum es geht: Bislang steht fast ausschließlich der erkrankte Elternteil im Fokus medizinischer und therapeutischer Interventionen und erhält professionelle Hilfe. "Dabei benötigen gerade auch die betroffenen Kinder individuelle Unterstützung und Hilfsangebote", so Bönsch. Doch das ist kein leichtes Unterfangen, denn die Hilfe ist gekoppelt an ein System, das ganz klar unterscheidet zwischen Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe. Synergien zu schaffen, etwa durch Familiensprechstunden, das ist ein Ansatz, mit dem Diplom-Psychologe Andreas Schrappe, Leiter des evangelischen Beratungszentrums in Würzburg, gute Erfahrungen gemacht hat.


Zuschüsse vom Jugendamt

"Gute Zeiten - schlechte Zeiten" heißt das Beratungsangebot für Kinder und ihre psychisch erkrankten Eltern. Das Angebot wird mit öffentlichen Mitteln gefördert und Familien aus Stadt und Landkreis Würzburg, Kitzingen sowie Main-Spessart angeboten.

Auch Familien aus anderen unterfränkischen Städten und Landkreisen können teilnehmen, sie müssen eine Kostenübernahme beim zuständigen Jugendamt beantragen. Überhaupt ist Experte Andreas Schrappe guten Mutes, dass man im Bereich der Zuständigkeiten und Finanzen etwas bewegen kann. "Es ist gar nicht so schwierig, wie wir immer glauben!" Der Bezirk Unterfranken etwa habe die Zeichen der Zeit erkannt. Wichtig sei es, dass Ärzte bei einer entsprechenden Diagnose automatisch nach im Haushalt lebenden Kindern fragen.

Diese müssten dann gegebenenfalls gleich mit einbezogen werden in Gesprächskreise. "Die Kinder müssen von der Last befreit werden, schuld zu sein oder für das Befinden der Eltern verantwortlich zu sein." Sie müssen gestärkt werden, um wieder Zuversicht zu bekommen und Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Es gibt, so Schrappe, viele Familien, in denen die Kinder die Eltern ins Bett bringen, in denen sie es sind, die als Letzte das Licht ausknipsen. Ihnen tue es deshalb unendlich gut, wenn man ihnen klar mache, dass es sich bei dem schwierigen Verhalten der Eltern um eine Krankheit handle, für die niemand etwas könne: "Krankheiten kann man nicht beeinflussen, die muss man hinnehmen. Und es sind Ärzte da, die sich jetzt kümmern, die die Erkrankung von Mama oder Papa heilen können."

Die Kinder sind ab diesem Moment nicht mehr einem dauernden Scheitern ihrer eigenen Aktionen ausgesetzt. Sie dürfen wütend sein auf Mama, wenn die wieder alles verpennt hat. Sie müssen nicht dauernd aufpassen, dass Mama sich nicht tötet. Dass Papa in ihrer Abwesenheit wieder Unsinn macht. Sie dürfen wieder Kind sein.


Schwer zu erkennen

Wichtig, so Schrappe, sei auch eine erwachsene Vertrauensperson, an die sich das Kind Tag und Nacht wenden könne. "Und den meisten Kindern hilft es schon ungemein, wenn sie hören, dass sie nicht alleine sind mit ihrer Situation. Dass die Mama von einem anderen Kind genau die gleiche Erkrankung hat."

Hochrechnungen gehen davon aus, dass etwa 1,6 bis 3 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland einen psychisch kranken Elternteil haben. Zu den Erkrankungen gehören auch Suchterkrankungen mit ihren Folgen. Man schätzt, so die Experten, dass mindestens 200 000 bis 500 000 Kinder und Jugendliche mit ihrer kranken Mutter oder ihrem kranken Vater in einer Hausgemeinschaft leben.

Doch Kinder, die zu Hause in eine solche Situation geraten, sind nicht immer schnell zu erkennen. Deshalb, so erklärte Referentin Angela Langenstein, Sonderschuldirektorin der Wichern-Schule-Würzburg, brauche es feine Antennen seitens der Lehrkräfte. Manchmal seien Veränderungen so signifikant, dass ein Gespräch mit den Eltern unumgänglich sei. Es gibt aber auch unspezifische Zeichen, die sich erst in der Summe zu einem klaren Bild formen. "Achten Sie darauf, ob das Kind häufig deutlich zu spät oder gar nicht zum Unterricht erscheint, ob es seit Wochen kein Pausenbrot mithat, ob es völlig erschöpft ist, vielleicht sogar im Unterricht einschläft", so Langenstein.


Soziale Isolation

Wenn man einen Verdacht habe, sollte man den auch gegenüber den Eltern äußern. Hier sei Fingerspitzengefühl gefragt, denn viele Eltern wollen nicht, dass ihre Krankheit öffentlich wird. "Vertraulichkeit zusichern, Hilfen anbieten, aber nicht besserwisserisch oder mit Druck agieren", rät Langenstein, die Fortbildungen in diesem Bereich befürwortet.

Psychisch kranke Eltern quälen sich häufig mit Schuldgefühlen. Eltern kennen ihre Grenzen hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder, wissen um ihre Überforderung, haben aber häufig Angst davor, ihr Kind zu verlieren, wenn sie um Unterstützung nachfragen. Die Folgen sind Verleugnung, Verdrängung und soziale Isolation. Melanie Jäger