Landkreis Kt/Würzburg Christian Schulz ist besorgt. Um seine Kollegen, aber auch um den Zustand der Gesellschaft. Die Gewalt gegen Polizeibeamte nimmt seit Jahren zu. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Unterfranken will nicht länger schweigen.

Warum wenden Sie sich an die Öffentlichkeit?

Schulz: Weil die Übergriffe auf Polizeibeamte, aber auch Rettungskräfte, seit Jahren zunehmen. Noch nie wurden so viele gemeldet wie 2020. Wir reden von 759 Fällen in Unterfranken und damit einer Steigerung um beinahe 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Man denkt sofort an Corona.

Schulz: Das hat vielleicht auch etwas mit der Pandemie zu tun. Aber die Tendenz hat es vorher schon gegeben. Der Respekt gegenüber der Polizei sinkt seit Jahren. Dieser Zustand ist nicht mehr tragbar.

Wie lässt er sich verändern?

Schulz: Respekt gegenüber Einsatzkräften muss endlich zum Erziehungs- und Bildungsauftrag werden. Im Elternhaus, im Kindergarten und in den Schulen müssen die entsprechenden Werte vermittelt werden. Wir werden schon lange nicht mehr als „Freund und Helfer“ gesehen, sondern sind mittlerweile die Prügelknaben der Nation. Pro Woche werden durchschnittlich fünf Polizisten im Dienst verletzt.

Tragen manche Kollegen eine Mitschuld am schlechten Image der Polizei?

Schulz: Natürlich gibt es Kollegen, die sich falsch verhalten. Aber das sind bundesweit absolute Einzelfälle. Und diese Einzelfälle werden völlig zurecht mit aller Konsequenz verfolgt und bestraft. Das schlechte Image der Polizei hat auch etwas mit dem Einfluss der sozialen Medien zu tun.

Weil Bilder und Meinungen schneller transportiert werden?

Schulz: Weil sie verfälscht oder zumindest verkürzt wiedergegeben werden. Da werden Einsätze aus dem Zusammenhang gerissen, die Hintergründe sind überhaupt nicht klar. So war das auch im letzten Sommer auf dem Bleichwasen in Kitzingen. Die Kollegen haben den Jugendlichen in aller Ruhe erklärt, warum sie den Platz verlassen müssen. All das wird nicht gezeigt. Nur die Szene, in der die Beamten durchgreifen, landet im Netz. Und dann ist der Aufschrei natürlich groß.

Wie lässt sich das ändern?

Schulz: Schwer zu sagen, wir haben selber ein Social-Media-Team bei der Polizei, aber gegen die Flut an Bildern und Informationen ist kaum anzukämpfen. Wie auch immer: Wir müssen den Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen und den Menschen wieder klar machen, dass wir die Guten sind.

Welche Art von Verletzung tragen die Kollegen davon?

Schulz: Das reicht von blauen Flecken über Bissverletzungen bis hin zu Fällen, in denen die Kollegen stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Wie reagieren die Kollegen auf die zunehmende Aggression?

Schulz: Ich ziehe den Hut vor allen, die trotz der vielen Provokationen besonnen reagieren. Wenn Sie sehen, wie aufgeheizt die Stimmung auf einer Corona-Demo ist, ist das beileibe keine Selbstverständlichkeit. Da entlädt sich die Wut von Menschen mit einem egozentrischen Weltbild gegenüber Menschen in Uniform. Das ist so nicht mehr hinnehmbar.

Werden diese Täter bestraft?

Schulz: Auch so ein Thema (seufzt). Wir brauchen eine schnellere und konsequentere Durchführung der Verfahren. Und eine Strafverschärfung. In etwa 75 Prozent der Fälle sind die Täter völlig enthemmt, weil sie Alkohol oder Drogen oder eine Mischung von allem genommen haben. Diese Leute sind teils völlig schmerzunempfindlich und entwickeln unwahrscheinliche Kräfte. Da braucht es mitunter zwei bis drei Kollegen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.

Und wenn die Lage unter Kontrolle ist, werden diese Täter nicht bestraft?

Schulz: Sie gelten vor Gericht als eingeschränkt schuldfähig. Weil sie unter Drogen standen oder betrunken waren. Das wirkt für manche wie ein Freifahrtschein. Dabei wird jeder, der mit Alkohol am Steuer erwischt wird, empfindlich bestraft. Das passt nicht zusammen.

Gibt es angesichts dieser Entwicklung trotzdem noch genug Nachwuchs bei der Polizei?

Schulz: Erfreulicherweise steigen die Zahlen wieder. Und die Ausbildung wird immer spezialisierter. Die jungen Kollegen lernen viel über Konfliktbewältigung, üben praxisbezogene Einsätze, erhalten eine interkulturelle Ausbildung. Sie werden auf die Herausforderungen dieser Zeit bestmöglich vorbereitet. Dennoch braucht es auch ein Umdenken in der Justiz und in der Gesellschaft. Es kann nicht sein, dass wir der Prellbock für all den Hass und die Wut sind.