Wir sind auf der A 70 in westlicher Richtung unterwegs. Unser Ziel: Rohrbach, ein Stadtteil von Karlstadt am Main im Main-Spessart-Kreis. Keine Ahnung, was uns erwartet. Ich selbst war noch nie in der Gegend. Am Autobahnkreuz bei Werneck, wo ich für gewöhnlich von der A70 auf die A 7 Richtung Würzburg wechsle, halte ich mich zum ersten Mal auf der linken Spur, folge dem Schild Richtung B 26 und Arnstein. Von dort geht es weiter nach Karlstadt. Ein Mittelzentrum, das mit seiner schönen historischen Altstadt und der Ruine der Karlsburg über dem Main schon auf den ersten Blick beeindrucken kann. Nur der riesige Klotz eines Zementwerks stört die optische Anmutung.

Wir sind noch nicht ganz am Ziel, fahren weiter in den Stadtteil Rohrbach, queren dazu die hier verlaufende ICE-Trasse von Würzburg Richtung Fulda. Und gelangen endlich dorthin, wo unser Pfeil einschlug.
Exakt an der Kreuzung zweier Feldwege, ungefähr eineinhalb Kilometer südlich von Rohrbach. Es ist halbelf Uhr vormittags. Keine Menschenseele zu sehen. Ein großes Maisfeld, dazu jede Menge abgeerntete Getreidefelder, sonst nichts.
In der Nähe bewegen sich die Flügel von einem guten Dutzend Windrädern, zu hören ist gar nichts. Die Ruhe pur. Es ist sommerlich heiß, die Luft flimmert. Wir machen uns zu Fuß auf Entdeckungsreise. In einiger Entfernung höre ich ein Traktorengeräusch. Nichts wie hin. Wir beobachten einen Riesentraktor beim Grubbern - dem Auflockern des Ackerbodens.

Mit 83 wird noch gegrubbert
Bei dem landwirtschaftlichen Gerät handelt es sich um einen imposanten Lamborghini, eine Marke, die ich bislang mehr auf Rennstrecken als auf einem fränkischen Acker vermutete. Der Fahrer namens Hugo entpuppt sich als leidenschaftlicher Landwirt, der auch noch mit 83 Jahren von der Ackerarbeit nicht lassen kann. Er helfe seinen beiden Söhnen in der Landwirtschaft, erzählt er. Die würden ihre Höfe im Nebenerwerb betreiben. Hier bei Rohrbach wird auf fünf Hektar Vertragsgerste angebaut. Braugerste, die nach Schweinfurt in die Mälzerei Schubert geliefert werde. Hugo, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, verabschiedet sich und grubbert weiter. Na denn.

Wir laufen zurück zu unserer "Einschlagstelle" und werden auf zwei Mitarbeiter der Stadtwerke Karlstadt aufmerksam, die am Boden knien und an irgendetwas herumschrauben. Es handelt sich um Florian Mück und Michael Schwehla, die sich gerade auf Inspektionstour befinden. Sie überprüfen die Kanäle im Stadtgebiet auf Verschmutzung. Und tatsächlich verläuft hier mitten in der Flur ein mehrere Kilometer langer Kanal. Wir sehen den abgeschraubten Kanaldeckel und den ordentlichen Zustand des darunter liegenden Abflusses."Alles in Ordnung", befinden die beiden. Der Deckel wird wieder fest angeschraubt. Angeschraubt deshalb, damit keiner Unfug anstellt "hier mitten in der Pampa".

Jedes Jahr kommen sie nur einmal hierher zur Inspektion. Überprüfen auf einer Länge von fünf Kilometern insgesamt 25 Kanaldeckel. Unser Treffen: reines Glück. So schnell, wie sie kamen, sind die beiden auch schon wieder Richtung Karlstadt verschwunden. Wir beschließen, uns Richtung Rohrbach auf den Weg zu machen. Dabei fallen uns rechter Hand einige fahnenähnliche Gebilde und eine Hütte auf. Wie sich herausstellt, handelt es sich nicht um die zunächst vermutete Kunst in der Landschaft, sondern um einen ehemaligen Steinbruch, in dem Feste gefeiert werden. Erzählt uns ein Rohrbacher, der gerade mit seinem Hund unterwegs ist und unsere neugierigen Fragen gerne beantwortet. In der ersten Hütte würden die Jungen feiern, die "unter 25". Wasser müsse man mitbringen, ein Generator sorge für Strom, auf alten Sofas kann man es sich bequem machen.

Badewannen als Bestuhlung
Für die etwas Älteren gibt es einige hundert Meter ein zweites Feierrefugium. Rund um das Lagerfeuer hat man hier alte Badewannen aufgestellt. Einfach halbiert dienen sie quasi als Bestuhlung - einfach irre. Die Rohrbacher scheinen ein lustiges Völkchen zu sein. Inzwischen ist es Mittag, wir haben Hunger. Fahren in die Ortsmitte von Rohrbach, in die einzige Wirtschaft der 446-Seelen- Gemeinde. Sie hat geschlossen. Unter der Woche öffne man erst um 14 Uhr, erzählt uns die Wirtin, die nachschauen kommt, wer sich da für ihr Gasthaus interessiert. Das diene schon seit Jahren als zentrale örtliche Anlaufstelle für Stammtischler und diverse Kaffeekränzchen älterer Damen. Trotz der diversen Partyzonen der Rohrbacher und trotz eines Schützenhauses, wo ebenfalls viele Festlichkeiten stattfänden.
Ansonsten ist es allerdings eher ruhig in Rohrbach. Schon seit Jahren gebe es keinen Bäcker und keinen Metzger mehr im Ort. Geschweige denn einen Supermarkt oder Arzt. Zum Einkaufen geht's halt nach Karlstadt. Dorthin treibt uns dann auch der Hunger. Und in dem nur wenige Kilometer entfernten Städtchen, zu dem Rohrbach seit 1978 gehört, gibt es im Vergleich zu dem eher ruhigen Rohrbach ein geradezu pulsierendes Stadtzentrum mit einem Bauernmarkt, jeder Menge Schiffs- und Radtouristen und diversen Gasthöfen. In einem davon können wir endlich unseren Hunger stillen. Um abschließend festzustellen, dass es sich bei aller Verschiedenheit sowohl in Rohrbach als auch in Karlstadt offenbar gut leben lässt.