Unaufgeregt, das ist wohl die treffendste Beschreibung für Josef Schuster. Der Würzburger Internist wirkt souverän und entspannt. Seit 1998 ist er Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken, seit zwölf Jahren auch Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Am Sonntag wurde er in Frankfurt am Main zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Schuster folgt Dieter Graumann, der nach vier Jahren als oberster Repräsentant der deutschen Juden nicht für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stand.

Den 60-jährigen Schuster drängt es nicht in die Öffentlichkeit - und er lässt sich auch nicht dorthin drängen. Er meldet sich nur dann zu Wort, wenn er es für nötig hält, nicht, sobald man etwas sagen könnte. Der Tonfall ist zugewandt freundlich, der Inhalt durchaus deutlich. So auch nach den israelfeindlichen Kundgebungen im Sommer: Jeder dürfe gegen die Politik Israels demonstrieren, sagte Schuster. Er erwarte aber "von rechtschaffenen Bürgern, dass sie eine solche Demonstration verlassen, wenn antisemitische Parolen gegrölt werden".
Er sieht sich durchaus auch als Mahner gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus, doch beschränken will er sich nicht darauf. Schuster, 1954 im israelischen Haifa geboren, kam als Kleinkind nach Unterfranken zurück, wo seine Familie seit Jahrhunderten lebte. Sein Vater David stammt aus Bad Brückenau. 1938 zwangen die Nationalsozialisten die Familie, Deutschland zu verlassen. 1956 kehrten die Schusters zurück nach Würzburg. David Schuster initiierte den Neubau der Würzburger Synagoge, 1970 wurde sie eingeweiht. Vorsitzender der Gemeinde war er von 1958 bis 1996.

In den 90er Jahren wuchs die jüdische Gemeinde in Würzburg von ungefähr 200 Mitgliedern auf mehr als 1.000 - wegen der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Unter Josef Schusters Regie wurde das neue jüdische Gemeindezentrum "Shalom Europa" gebaut. Die Integration der Spätaussiedler ins Gemeindeleben war ihm ein Herzensanliegen.

Schuster ist Unterfranke mit Leib und Seele - er hat die Region nicht einmal während des Studiums verlassen. In der Würzburger Innenstadt betreibt er seit 1988 eine internistische Praxis. Auch außerhalb der jüdischen Gemeinschaft engagiert sich Schuster: Der verheiratete Vater von zwei Kindern ist Mitglied der Bioethikkommission und des Zukunftsrates der bayerischen Staatsregierung, seit Jahren übernimmt er ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienste an christlichen Feiertagen.

Auch während der Beschneidungsdebatte meldete sich Josef Schuster zu Wort - wieder moderat und trotzdem deutlich. Er kritisierte, dass einzelne Themen als Vorwand für einen grundsätzlichen Antisemitismus genutzt würden. Es sei gefährlich, dass antijüdische Vorurteile mit Begründungen wie "Man wird doch mal sagen dürfen ..." auch auf Champagner-Empfängen wieder "salonfähig werden", sagte er 2012. Die Beschneidungsdebatte habe gezeigt, dass Antisemitismus keine Frage von Bildung sei. Die teils antisemitischen Aussagen hätten ihn nicht überrascht, wohl aber deren Vehemenz.

Schuster, politisch durchaus konservativ, schreckt auch nicht vor deutlichen Worten an die Politik zurück. Nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie kritisierte er die Sicherheitsbehörden der Länder und des Bundes massiv, weil diese Ermittlungen im rechten Spektrum "nicht mit der gleichen Konsequenz" führten wie in anderen Milieus. Auch wenn die Ermittler vielleicht auf ihren rechten Augen nicht ganz blind seien, so bedürfe es "zumindest einer Verbesserung der Sehschärfe auf dem rechten und antisemitischen Auge", sagte Schuster nach dem Überfall auf einen Berliner Rabbiner.

Dass es den Würzburger ins Amt des Zentralrats-Präsidenten gedrängt hat, darf bezweifelt werden. Als Graumann Anfang November seinen Rückzug ankündigte, stand Schuster aber bereit. Er weiß, was auf ihn zukommt: Seit 15 Jahren ist er im Zentralrat aktiv, zuletzt als Graumanns Vize. Schuster wird künftig wohl noch weniger Freizeit haben - seine Tätigkeit als Arzt einzuschränken, komme für ihn nicht infrage, sagte er kurz nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur. Das Präsidentenamt sei ein Ehrenamt, er werde daher "nach wie vor primär als Arzt tätig sein. Die Brötchen kommen aus meiner Praxis."