Schweinfurt — Gertrud Schätzlein leitet das Schweinfurter Frauenhaus seit 33 Jahren. Seit dem wurde viel erreicht. Heute zweifelt kaum jemand an der Notwendigkeit dieses Schutzraums für bedrohte Frauen. Schätzlein engagiert sich auch auf Bundesebene. Sie hat an Standards mitgearbeitet, die der Paritätische Wohlfahrtsverband 2013 bundesweit für Arbeit und Ausstattung von Frauenhäusern herausgegeben hat. Fast drei Jahre lang hat sie Qualitätsempfehlungen für Frauenhäuser und Fachberatungsstellen miterarbeitet, die von allen Verbänden mitgetragen werden. Trotz vieler Erfolge bleibt noch viel zu tun. Die 62-Jährige sagt, sie habe vor der Rente noch viel vor.

Der städtische Finanzausschuss hat am Montag den Antrag der SPD-Fraktion abgelehnt, das Frauenhaus mit zweimal 5000 Euro zusätzlich zu unterstützen. Vorerst, wie es hieß. Im Fall der Hauswirtschafterin müsse man erst mit den anderen Zuschussgebern aus der Region reden, beim Thema Rufbereitschaft würden noch Unterlagen fehlen. Was sagen Sie dazu?
Gertrud Schätzlein: Seit 20 Jahren finanzieren wir die Hauswirtschafterin aus Spenden. Das sind rund 25 000 Euro im Jahr. Diese Mitarbeiterin kocht und putzt nicht etwa für die Frauen, wie das oft gesagt wird, sondern erledigt kleine Reparaturen, sorgt dafür, dass die Frauen die Räume beim Auszug ordentlich verlassen und für Kleidung und Nahrungsmittel in Notfällen. Wenn jeder der fünf Zuschussgeber 5000 Euro bezahlen würde und wir unseren Eigenanteil von zehn Prozent, könnten wir die Hauswirtschafterin finanzieren und hätten Spielraum für andere Bereiche. Wir könnten endlich einen Transporter anschaffen, für die Kinder zusätzliches Personal einstellen und die Rufbereitschaft besser ausstatten.

Das war ja der zweite Punkt des Antrags. Was wäre zu verbessern?
Die Rufbereitschaft nachts und am Wochenende wird von Ehrenamtlichen übernommen, die pro Nacht nur eine kleine Aufwandsentschädigung bekommen. Aber im Hintergrund muss immer eine von uns Hauptamtlichen in Bereitschaft sein, die in Notfällen einspringt. Es gibt ja ganz schwierige Situationen. Wir brauchen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Aber die Rufbereitschaft stellt so große Herausforderungen, dass hauptamtliches Personal eigentlich immer vor Ort sein müsste. Davon sind wir weit entfernt, das gibt es nur in wenigen großen Frauenhäusern.

Wer die Sachberichte des Frauenhauses liest, müsste das alles wissen.
Alle Zahlen sind bekannt und die Stadträte, die den Antrag gestellt haben, kennen sie sicher. Es gibt einen einstimmigen Beschluss des Schweinfurter Kreistages, in dem Landrat Töpper beauftragt wurde, mit seinen Kollegen ein Gespräch zu führen und sie zu überzeugen, dass die vier Landkreise und die Stadt jeweils 5000 Euro für die Hauswirtschafterin bezahlen. Bedingung war, dass wir unsere Finanzen offen legen. Das haben wir getan. Wir haben nichts auf der hohen Kante - außer den Geldern, die wir für den laufenden Betrieb brauchen. Das Gespräch fand wohl bereits im Mai statt, aber die Landräte und der Schweinfurter Oberbürgermeister haben sich nicht geeinigt. Aber jetzt zu sagen, man müsse erst Gespräche führen, ist doch sehr seltsam.
Im Sachbericht 2013 schreiben Sie: "Es war wieder einmal überdeutlich, dass die zwölf Plätze im Frauenhaus für die Region Main-Rhön zu knapp bemessen sind." Ein Grund ist, dass jeder Platz nur vier- bis fünfmal im Jahr belegt werden kann und nicht sechs bis achtmal, wie im Konzept vorgesehen.
Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer sind 78 Tage. Manche Frauen wohnen bis zu einem Jahr bei uns. Frauen, die zu ihrem Partner zurückgehen, bleiben kürzer. Wer eine Wohnung sucht, muss meist länger bleiben. Wohnungsnot ist ein Problem, aber oft sind die Frauen nicht stabil oder sicher genug, um alleine zu leben. Oder sie brauchen eine Therapie, bevor sie sich stabilisieren. Zu glauben, jede Bewohnerin könne nach vier bis sechs Wochen wieder ausziehen, ist unsinnig.

Sie mussten 76 Frauen abweisen. Was passierte mit denen?
Wir versuchen, sie in anderen Häusern unterzubringen. Das klappt aber nicht immer. Denn wenn wir keinen Platz haben, gibt es in den benachbarten Frauenhäusern auch keinen. Wir stehen nicht alleine da. 2012 hat das Bundesfamilienministerium einen Bericht über die Situation der Frauenhäuser herausgegeben. Dabei kam heraus, dass die Situation überall schwierig ist und Bayern an vorletzter Stelle steht, was die Zahl der Frauenhausplätze und die Zahl der Beratungsstellen angeht. Das Gesamtkonzept, auf dem die Frauenhausfinanzierung in Bayern fußt, ist 20 Jahre alt.

Ziel wäre also ein größeres Frauenhaus. Damit komme ich zum dritten Thema im Finanzausschuss. Nach dem Willen der SPD sollte die SWG dem Frauenhaus Wohnungen zur Verfügung stellen. Wäre das eine Lösung?
Es scheint erst einmal naheliegend, Notwohnungen zur Verfügung zu stellen, ähnlich wie bei den Flüchtlingen. Das funktioniert für ein Frauenhaus aber nicht. Die Frauen brauchen Schutz und Sicherheit, ohne das entsprechende Personal geht das nicht. Als Bayern 2012 nach der Veröffentlichung des Berichts am Pranger stand, hat das Sozialministerium die Kommunen gefragt, ob sie nicht Wohnungen zur Verfügung stellen könnten. Das bringt niemandem etwas. Die Frauen, die zu uns kommen, fallen in ein tiefes Loch. Wir müssen sie und ihre Kinder gut auffangen. Wichtig wäre, den Frauen nach dem Aufenthalt schneller Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Da könnte die Zusammenarbeit mit der SWG noch besser sein. Unsere Frauen sollten keine Angebote bekommen, bei denen von vorneherein klar ist, dass sie sie nicht bekommen. Das enttäuscht sie nur.

Wie viele Plätze bräuchte Schweinfurt?
Nach europäischen Richtlinien über 50. Ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden. Dann könnten wir auch Frauen mit mehreren Kindern ein zusätzliches Zimmer geben. Und wir bräuchten ein barrierefreies Haus. Wir haben mit Überzeugungsarbeit einiges erreicht, aber wir haben auf vieles keinen Rechtsanspruch. Alle Zuschüsse sind freiwillige Leistungen. Es gibt staatliche Richtlinien, die sehen ein Mini-Minimum vor, an dem orientieren sich die Kommunen. Jetzt hat das Sozialministerium eine Bedarfsermittlung in Auftrag gegeben. Das wird dauern. Und die Kommunen sagen, da warten wir erst einmal ab. Was die Finanzierung angeht, werden wir hin und her geschoben. Wir Frauenhäuser fordern gleich gute Verhältnisse bundesweit. Dafür müsste der Bund sorgen. Wir versuchen auf vielen Ebenen, politische Überzeugungsarbeit zu leisten.

Und das Beratungsangebot in Schweinfurt?
Schätzlein: Wir würden gerne in der ganzen Region Beratungsstunden vor Ort anbieten, aber das ist mit dieser personellen Ausstattung nicht zu schaffen. Dabei wäre es wichtig. Nicht alle betroffenen Frauen müssten ins Frauenhaus. Wenn sie gut beraten werden, schaffen viele es so. Auch da ist noch viel zu tun.
Das Gespräch führte
Katharina Winterhalter


Die Finanzierung des Frauenhauses