Kurt Petzold ist 1970 im Alter von 34 Jahren in seine Geburtsstadt zurückgekommen, um Stadtkämmerer zu werden. 1972 wurde er Bürgermeister der Stadt, 1974 als Nachfolger von Georg Wichtermann zum Oberbürgermeister gewählt, der er 18 Jahre bleiben sollte. Mit dem Thema Atomkraftwerk Grafenrheinfeld wurde Petzold gleich nach seiner Rückkehr konfrontiert, als sich die "ersten kritischen Stimmen zu der Planung" meldeten, wie sich der Alt-OB im Gespräch mit dieser Zeitung erinnert.
"Heute herrscht bei uns in Deutschland im Gegensatz zu vielen anderen Ländern durchgängig die Überzeugung, dass die Gewinnung elektrischen Stroms mittels Kernspaltung einen höchst gefährlichen und obendrein sehr kostenträchtigen Abweg darstellt", bedauert Petzold. "Das war damals anders", sagt er und erinnert, dass schon 1959, also noch unter Kanzler Konrad Adenauer, der Bundestag mit dem Atomgesetz die "friedliche Verwendung der Kernenergie" für wünschenswert und förderungswürdig erklärte.
Die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt und danach unter Helmut Schmidt habe daran festgehalten. Und auch die Gewerkschaften setzten sich vehement für den Bau von Atomkraftwerken ein.

36 000 Unterschriften

Der Schweinfurter Stadtrat war demgegenüber quer durch die Parteien (fast) immer einig im Nein zu Grafenrheinfeld. "Wir von der Schweinfurter SPD standen damit in einem gewissen Gegensatz zu unseren Genossen im Bundestag", sagt Petzold und erinnert an eine Diskussion mit dem damaligen SPD-Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi in Schweinfurt.
Schwerer hatte es die Schweinfurter CSU, zumal der Freistaat für die Genehmigung zuständig war. "CSU-Umweltminister Max Streibl hat sich nicht besonders beeindruckt gezeigt von den immerhin 36 000 Unterschriften gegen das KKG", die Schweinfurt ihm 1972 in München überreichte. Und CSU-Staatssekretär Franz Lauerbach habe gar den Kreistag nach Mühleberg bei Bern geschleppt, um den Kreisräten vorzuführen, "wie dort gesunde Schweizer Kühe auf den saftigen Wiesen neben einem Atomkraftwerk grasen".
Unter diesen Umständen habe er sich damals "jedenfalls nicht veranlasst gesehen, den Bau von Atomkraftwerken grundsätzlich zu verwerfen", sagt Petzold heute. Vielmehr sei es ihm von Anfang an um den aus vielerlei Gründen ungeeigneten Standort gegangen: Erwärmung des Mainwassers, Gefährdung von Natur und Landschaft bis hin zur Beeinträchtigung der neuen Erholungsanlage Baggersee waren einige Argumente, "mit denen wir unsere verschiedenen Gerichtsverfahren zu untermauern suchten".
"Jedenfalls krempelte ich die Ärmel hoch", sagt Petzold. 1972 machte er - schon Bürgermeister - in der gerade gegründeten Bürgerinitiative mit, wurde ihr stellvertretender Vorsitzender. "Wir suchten die Menschen in ihren Wohnungen auf und sammelten die besagten Unterschriften." Fast alle unterschrieben, aber viele merkten an, dass "die da oben ja doch machen was sie wollen". Wie wahr, fügt Petzold an, "Politikverdrossenheit nennt man das heute wohl".

10 000 Demonstranten

Dennoch sei es dem parteiübergreifenden Einsatz der Bürgerinitiative gelungen, die Bürger auf die Straße zu holen. Namentlich nennt er hier den unermüdlichen Karl Riederer (FDP) und German Cramer (CSU). Auf über 10 000 schätzte damals das Tagblatt die Zahl der Teilnehmer an einem Demonstrationszug im April 1975. Als aber immer neue Teilgenehmigungen erteilt wurden, immer mehr Gerichtsverfahren aussichtslos erschienen und vor allem 1981 die Anlage in Betrieb ging, sei auch die Zahl der engagierten Gegner spürbar zurückgegangen. "Das Ding war nun einmal da und in Betrieb - was konnte man da noch groß dagegen tun."
Beeindruckend Petzolds Resümee: "Bis jetzt ist nichts Ernsthaftes passiert. Das verdanken wir unserem Glück und der sorgfältigen Arbeit der im Kraftwerk beschäftigten Menschen, hoffen wir auf beides auch für die Zukunft. Denn die Gefahr bleibt, auch wenn die Kühltürme nicht mehr dampfen werden". Hannes Helferich