Noch ein bisschen schüchtern lugt Lasse hinter dem Eichenstamm hervor. Was wohl die ganzen Leute mit diesen klackernden Dingern wollen? Er dreht die langen Ohren in Richtung Zaun, lauscht den
erfolglosen Lockversuchen der Reporter. Er macht den Eindruck, als sei er unsicher und neugierig zugleich. Es ist Lasses erster Pressetermin im Schweinfurter Wildpark an den Eichen. Erst am Donnerstag war das sechs Monate alte Kalb in seiner neuen Heimat angekommen. Sein Job: Wappentier. Lasse, inoffiziell Lasse II, ist der Nachfolger des "alten" Wildparkelchs Lasse, der vor knapp drei Wochen nach langer Krankheit eingeschläfert werden musste.
Mit dem Pferdeanhänger hatte Wildparkleiter Thomas Leier den kleinen Lasse im Tierpark Suhl abgeholt, wo er geboren wurde. In Thüringen lebte er noch mit seinen Eltern zusammen. Jetzt wurde es ohnehin Zeit, dass der junge Bulle von seinem Vater getrennt wird, so Leier. Noch etwas müde von der fürs Verladen nötigen Narkose stakste Lasse in Schweinfurt in sein neues Gehege. Und traf auch gleich seine neue Gefährtin, die Elchkuh Daya. Sie war es, die auf ihn zuging und den Kontakt aufnahm. Ganz vorsichtig beschnupperten sich die beiden. Keines der beiden Tiere zeigte bislang Aggression gegen das andere. Sie scheinen sich zu mögen.

Wildparktleiter ist zufrieden

"Wir sind alle hochzufrieden", sagt Leier. Aus der Erfahrung wisse man, dass die Kombination ältere Kuh und junger Bulle grundsätzlich unproblematischer sei, als wenn eine junge Kuh auf einen ausgewachsenen Bullen treffe. Die beiden Elche durften sofort ohne Zäune das Gehege teilen. Weil das erste Treffen so gut funktioniert hatte, ließ man die Tiere auch in der Nacht ohne Aufsicht alleine. "Ich habe natürlich gehofft und gebetet, dass alles gut geht", erzählt der Wildparkleiter. Er ist überzeugt, dass eine Aufsicht mit Taschenlampen die Wildtiere eher irritiert hätte.
Lasse beobachtet indes noch immer aufmerksam das Menschengrüppchen im Morgennebel. Jetzt siegt die Neugier, und er kommt etwas näher an den Zaun. Doch die große Daya schirmt ihn ab, die beiden beschnuppern gegenseitig ihre Hälse. "Sie wird jetzt vermutlich erst mal die Ersatzmama spielen", meint Leier, "und ihn ein bisschen an den Huf nehmen."
Bis Lasse ausgewachsen ist, muss er nun noch ordentlich Blätter futtern, im Moment wiegt er zwischen 90 und 100 Kilogramm. Bis zu eine halbe Tonne kann ein Elchbulle auf die Waage bringen. Noch ein weiter Weg - allerdings können Elchkälber bis zu einem Kilo pro Tag zunehmen. Mit einem bis eineinhalb Jahren wird Lasse ausgewachsen sein. Schon im kommenden Sommer könnte der junge Elch geschlechtsreif sein. Leier zeigt den Reportern ein ausgedrucktes Foto des stattlichen Vaters von Lasse. Das Fell des Tieres glänzt, auf dem Kopf trägt er ein sehenswertes Schaufelgeweih. "Auch die Mutter ist eine ganz Schöne!", betont Leier. Vorfreude schwingt in seiner Stimme mit, Vorfreude auf den künftigen Prachtburschen. Denn was man sich im Wildpark an den Eichen schon lange wünscht, aber nie geklappt hat: eigener Elch-Nachwuchs. Der "alte" Lasse litt unter einer hormonellen Störung, vermutlich ausgelöst durch den Tod seiner ersten "Frau" Lina. Durch seinen Körper floss kein Testosteron mehr. Entsprechend war bei Lasse I und Daya nicht mit Babys zu rechnen. "Aber jetzt lassen wir den Kleinen natürlich erst mal ankommen", verspricht Leier.