Erst knackt der Lautsprecher, dann scheppert Marschmusik durch die Straßen, Gassen und Plätze. Zwei ältere Menschen eilen aus der Tür, lassen sich auf die Bank vor dem Haus fallen. Die Musik verklingt, einen Moment ist es still. "Bekanntmachung", ertönt eine Stimme. "Das Schnupperangeln am kommenden Samstag beginnt um 9 Uhr am Baggersee. Um pünktliches Erscheinen wird gebeten." Montag, halb zwölf im unterfränkischen Weinort Wipfeld (Landkreis Schweinfurt). Der Bürgermeister hat gesprochen.

Früher zog ein Beamter durchs Dorf, schellte mit der Handglocke und verlas die Neuigkeiten. Bis in die 1930er-Jahre war das Brauch. Heute erscheint das Amtsblatt selbst im Internet, doch die Ortsrufanlage von Wipfeld gibt es immer noch. Mehr als 25 Lautsprecher hängen an Hauswänden und Laternen, die Durchsagen erreichen 1200 Menschen. Selbst in den Weinbergen rund um das Dorf hört man die Marschmusik.

Im Rathaus sitzt Peter Zeissner, der Bürgermeister, und ordnet seine Zettel. Vor ihm steht ein Mikrofon - dünn, silbern, daneben dreht ein klobiger Kasten eine gelbe Musikkassette, "Deutsche Märsche" steht darauf. Zeissner sagt: "Ein schnelleres Medium gibt es nicht." Mit keinem Gerät könne er seine Bürger besser erreichen als mit der Ortsrufanlage. Seit 22 Jahren macht Zeissner schon Durchsagen, die Anlage ist über 70 Jahre alt.

Durchsagen gibt's zweimal pro Woche


Jeden Montag und Mittwoch hallt Zeissners Stimme durch das Dorf. "An den übrigen Tagen benutze ich die Anlage nur in dringenden Fällen", sagt der 63-jährige Bürgermeister. Vor allem offizielle Termine schallen aus den Lautsprechern: die nächste Bürgerversammlung, Gottesdienstzeiten und das Neueste aus den Vereinen.
Der Bürgermeister rückt die Brille zurecht, biegt das silberne Mikrofon zum Mund und liest: "Der Gesangsverein Liederkranz gibt bekannt: Für den Ausflug am Samstag sind noch Plätze frei." Auch wenn kurzfristig das Fußballtraining entfallen muss, schaltet Zeissner die Ortsrufanlage ein. Neue Mitteilungen fischt er aus dem Briefkasten am Rathaus.

So praktisch die Anlagen auch sind, so dunkel ist ihre Vergangenheit. Denn die ersten Ortsrufanlagen schraubten Nationalsozialisten an die Dorfwände. "In der NS-Zeit wurden die Anlagen genutzt, um die ländliche Bevölkerung ohne Radio politisch im Griff zu halten", sagt Karin Falkenberg, Historikerin im Rundfunkmuseum Fürth. Joseph Goebbels, Reichspropagandaminister der NS-Zeit, ließ 6000 Apparate aufhängen. Damals hießen Ortsrufanlagen noch "Reichslautsprechersäulen".

In der DDR wurden Anlagen weiter genutzt


Nach dem Krieg verschwanden die meisten Anlagen wieder. "Nur in Ostdeutschland gab es in vielen Orten noch Beschallung", sagt Falkenberg. Diesmal für sozialistische Propaganda. Wie viele Ortsrufanlagen noch im Betrieb sind, ist unbekannt. Die Historikerin schätzt die Zahl aber sehr gering. In Stammheim, einem Nachbarort von Wipfeld, musste der Betrieb vor kurzem eingestellt werden. Die Lautsprecher waren kaputt.

Trotz zweifelhafter Vergangenheit - die Einwohner von Wipfeld lieben ihre Anlage. "Natürlich steht alles im Amtsblatt", sagt die 26-jährige Julia Schäfer. "Aber vieles vergisst man wieder, da machen die Durchsagen schon Sinn." Sobald die junge Frau die Marschmusik hört, öffnet sie das Fenster. Fast immer erfährt sie etwas Neues.

"Wir betreiben die Ortsrufanlage nicht aus nostalgischen Gründen", sagt Bürgermeister Zeissner. "Aus den Lautsprechern ertönen nur Durchsagen, die wichtig sind - zweimal, damit auch jeder alles hört." Vor Jahren hatte der Schulbus einen harmlosen Unfall. Zeissner fuhr zufällig vorbei - und lenkte sofort zum Rathaus. "Sonderdurchsage: Die Schulkinder werden heute später nach Hause kommen." Noch schneller wäre das wohl nicht gegangen. Hannes Vollmuth, dpa