Das Ende des Leistungsbetriebs in einem Atomkraftwerk ist das eine, der Abriss der Anlage etwas völlig anderes. Weshalb im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld auch ein knappes Jahr nach Ende der Stromproduktion noch keine Muldenkipper oder Bagger angerückt sind. Beim letzten Grafenrheinfelder Kraftwerksgespräch verwies der Leiter der Anlage, Reinhold Scheuring, auf einen genau einzuhaltenden Fahrplan für den Nachbetrieb und den Rückbau. Grundsätzlich würde ein Kernkraftwerk von Innen nach Außen rückgebaut. Stark kontaminierte Teile wie der Reaktordruckbehälter hätten zunächst Vorrang. Erst gegen Ende des Rückbaus kämen die weniger bis gar nicht belasteten Teile des Kraftwerks an die Reihe. Die Kühltürme beispielsweise. Wobei sich Scheuring nicht auf einen genauen Zeitpunkt für den Abriss festlegen wollte. Kann er derzeit auch gar nicht angesichts einer ganzen Reihe laufender Genehmigungsverfahren. Eine Einschätzung hat er gleichwohl. Das Jahr 2030 hält er für eine realistische Zielmarke. Was ist seit Ende des 33 Jahre währenden Leistungsbetriebs in Grafenrheinfeld passiert?

Inzwischen sind alle 193 Brennelemente aus dem Reaktordruckgefäß entfernt, befinden sich inzwischen zur Abkühlung im Nasslager. Die vorbereitenden Arbeiten zur Reinigung und Dekontaminierung des Primärkreises seien in vollem Gang. Gleichzeitig erstelle man die für die Genehmigung von Stilllegung und Rückbau notwendigen Unterlagen. Wobei Scheuring noch einmal darauf verwies, dass man sich bei den atomrechtlichen Alternativen zwischen sofortigem Rückbau und sicherem Einschluss für die Variante des sofortigen Rückbaus entschieden habe. Weil die Infrastruktur der Kraftwerksanlage noch funktioniere und das fachkundige Personal noch vorhanden sei. Voraussetzungen, die so in 30 Jahren nicht mehr gegeben wären. Inzwischen will die Atomkommission der Bundesregierung diese Wahlmöglichkeit eh nicht mehr zulassen. Ihre Empfehlung: Unverzüglicher Rückbau.

Bis 2018 wolle man in Grafenrheinfeld eine Personalstärke von 210 Mitarbeitern erreicht haben, bis 2021 sollen es noch 181 sein. Man liege im Plan, so Scheuring. Nach Abschluss der Nachbetriebsphase, rechnet der Kraftwerkleiter bis 2018 mit einer Genehmigung für die Stillleung. Voraussetzung dafür, um mit den einzelnen Abbauphasen beginnen zu können. In einem ersten Schritt sollen bis 2020 die Brennelemente aus der Anlage entfernt sein. Ein zweiter sieht dann die vollständige Dekontaminierung der Anlage vor. Voraussetzung dafür, um aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen zu werden.

Voraussetzung dafür: Die Einhaltung des 10-Mikrosievert-Konzepts. Das heißt, durch den Rückbau darf für Einzelpersonen der Bevölkerung jährlich nur eine effektive Dosis im Bereich von zehn Mikrosievert auftreten. Zum Vergleich: An natürlicher Strahlung nimmt der Mensch im Verlauf eines Jahres 2100 Mikrosievert auf. Alle Maßnahmen müssten zudem behördlich genehmigt werden und würden ständig überwacht. Im Verlauf der Rückbauarbeiten rechnet man mit rund 3500 Tonnen radioaktivem Material für die Zwischen bzw. Endlagerung. Um diesen Abfall lagern zu können, ist eine 100 Meter lange und 28 Meter breite Bereitstellungshalle vorgesehen.
Mit der grünen Wiese rund ums Kraftwerk wird es also so schnell nichts werden. Dazu wäre ein Endlager für den atomaren Müll notwendig. Mit den Voraussetzungen zur Suche beschäftigt sich eine Regierungskommission. Das Projekt könnte eventuell bis zum Jahr 2170 realisiert werden, heißt es.


Rückbau, Zwischenlager, Endlager und die Kostenfrage

Der Vorschlag der Kernenergiefinanzierungskommission (KFK) liegt auf dem Tisch: Die Atomkonzerne sollen gut 23 Milliarden Euro in einen öffentlich-rechtlichen Fonds einzahlen.
Es geht schlicht und ergreifend um die Kosten des Atomausstiegs. Die Kommission wollte dabei einerseits sicherstellen, dass sich bei Stilllegung und Rückbau der Meiler inklusive der Zwischen- und Endlagerung des Atommülls die Energiekonzerne nicht aus der Verantwortung stehlen können. Andererseits aber auch das wirtschaftliche Überleben der jetzt schon angeschlagenen Konzerne sicherstellen.

Guido Knott, seit gut einem halben Jahr Vorsitzender der Geschäftsführung bei Eon Kernkraft in Hannover, fehlt Geld. Bis 2018 in seiner mittelfristig angelegten Finanzplanung allein 200 Millionen Euro. Der dramatische Rückgang des Strompreises verschärft die Situation weiter, sagt Knott. Dabei begrüßt er das Ergebnis der Kernenergiefinanzierungskommission sogar. Insbesondere die Aufteilung der atomrechtlichen Verantwortung für Rückbau, Zwischen- und Endlager zwischen Staat und Energieunternehmen. Geradezu entsetzt gab er sich allerdings mit Blick auf den von der Kommission geforderten 35prozentigen Risikoaufschlag. So sehr er die jetzt gemachten Vorschläge im Grundsatz begrüße, in Sachen Risikoaufschlag müsse man sich noch einmal zusammensetzen. Knott hält die Rückstellungen seines Unternehmens für solide und ausreichend. Zumal Eon von seinen ursprünglichen Plänen abgerückt ist, die Kernenergiesparte komplett auszulagern. Etwaig aufkommenden Verdachtsmomenten, das Unternehmen könne sich so aus seiner Verantwortung stehlen, begegnete man dadurch, dass die Kernenergiesparte fest im Konzern verbleibt. Allerdings mit neuem Namen. Weil, so Knott, die Kernenergie bei Eon nicht mehr so wie früher zum Kerngeschäft zähle, sondern eher an der Peripherie angesiedelt sei. Das verdeutlicht künftig auch ein neuer, alter Name. Ab 1. Juli firmiere Eon Kernkraft wieder unter dem Namen PreussenElektra.

Bis Ende 2014 hatten die Energiekonzerne Rückstellungen in Höhe von mehr als 38 Milliarden Euro für Abriss und Entsorgung gebildet. Dazu waren sie verpflichtet. Ende 2015 lag diese Summe bei 40,1 Milliarden. Wegen der niedrigen Zinsen mussten die Unternehmen nachlegen.
Der Vorschlag der Kommission sieht nun vor, diese Milliarden praktisch aufzuteilen: Die Hälfte der Rückstellungen sollen die Konzerne behalten. Damit sollen Stilllegungen, Rückbau und die endlagergerechte Verpackung des Atommülls bezahlt werden.

Für die langfristige Zwischen- und Endlagerung sollen die Konzerne etwa 17,2 Milliarden Euro aus den Rückstellungen plus einen Aufschlag von gut 6,1 Milliarden Euro an einen Entsorgungsfonds bis zum Jahr 2022 zahlen. Daraus könnte dann über Jahrzehnte die Zwischen- und Endlagerung finanziert werden. Das Ganze ohne zusätzliche Belastungen für den Steuerzahler.
Ein Stresstest ergab: Es könnte reichen. Aber: Das Zinsrisiko bleibt. Es braucht eventuell noch mehr Rückstellungen. dpa




Ein Kommentar von Klaus Angerstein:

Eine unendliche Geschichte

Die Frage der Sicherheit, sie stellt sich bei Atomkraft immer. Auch dann, wenn eine Anlage wie die in Grafenrheinfeld keinen Strom mehr produziert. Weil es eben nicht nur durch den reinen Betrieb provozierte Sicherheitsrisiken gibt, sondern auch im Nachbetrieb und bei der Zwischenlagerung äußere Sicherheitsrisiken fortbestehen. Hackerangriffe auf die Leitstelle von Kraftwerken, Pläne von Atomanlagen in Terroristenhand, all das lässt Befürchtungen aufkommen, dass sich radikale Kräfte zur Verfolgung ihrer Ziele zunehmend auch für nukleares Material interessieren. Und in den bundesdeutschen Zwischenlagern lagert davon jede Menge. Zwischenlager als tickende Zeitbomben?

Die Kraftwerksbetreiber verneinen eine unmittelbare Gefahr durch Terrorattacken. Man stehe mit den staatlichen Stellen diesbezüglich in ständigem ständigem Kontakt.
Und: Die Sicherheitsvorkehrungen in den Anlagen würden immer weiter optimiert. Mag sein. Aber uns allen wäre sicher wohler, wenn das Zwischenlager-Szenario in den Atomkraftwerken überall im Land möglichst bald abgelöst würde durch eine vernünftige Endlagerung.

Nur: Bei der Endlagersuche stehen ja noch nicht einmal die Suchkriterien fest. Eine unendliche Geschichte.