Frauen haben dem Neubürger-Empfang in der Rathausdiele ihren Stempel aufgedrückt. Zuerst Belma Semsovic. Die heute 37-Jährige schilderte stellvertretend für alle letztes Jahr Eingebürgerten eindrucksvoll die Flucht ihrer Familie aus Bosnien-Herzegowina 1992 und den oft steinigen Weg bis heute in ihrem neuen "Zuhause Schweinfurt".
Dann Aichat Gnandi. Die Freude darüber, dass ihre Familie - Mann, Tochter und Sohn - nun Deutsche sind, drückte die Frau aus Togo auf besondere Weise aus: Sie erschien im Dirndl.
Schließlich das Musikensemble Rafiki. Die vier Damen hatten neben der Nationalhymne auch das Schlachtschüssellied im Repertoire. Mehr Schweinfurt geht nicht.
Zurück zu Belma Selmovic. Den ihr angetragenen Part, über die Flucht ihrer Familie zu sprechen, habe sie aus Verpflichtung den vielen in Deutschland lebenden Flüchtlingen gegenüber, angenommen. "Diese Menschen stehen da, wo meine Familie und ich vor 23 Jahren standen, wir waren Kriegsflüchtlinge"

Nicht aushalten lassen

Im April 1992 hatte ein serbischer Freund zur Flucht geraten. Genau einen Tag später verließ ihre Mutter mit dem damals zehnjährigen Bruder und ihr (damals 14) das schöne, erst drei Jahre alte Haus. Der Vater blieb zunächst zurück in Bosnien. Als am 1. Mai 1992 offiziell der Krieg erklärt wurde, war an die erhoffte schnelle Rückkehr nicht zu denken. Auch die Oma war mit einer Tante und deren drei Kindern geflohen. In Sennfeld kamen die drei Frauen und fünf Kinder, von neun Monaten bis 14 Jahre, unter. Man hatte ein zum Abriss bestimmtes Haus mieten können.
Sozialhilfe habe die Mutter nie beantragt, sie arbeitete bei der Firma Kühne als Saisonarbeiterin, später bei Mainfrucht in Gochsheim, weil sie es "nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, sich aushalten zu lassen". Im Oktober 1992 kam der Vater nach.
Sie schilderte die wochenlange Suche nach einer neuen Bleibe. "Wir gingen in Sennfeld die Straßen entlang und klingelten überall, wo keine Vorhänge zu sehen waren, leider erfolglos". Fündig wurde man in Bergrheinfeld.

Fortbildung zur Betriebswirtin

Heute nun stehe sie hier als deutsche Staatsbürgerin, verheiratet, eine Tochter, Job in Würzburg. "Und ich bin stolz drauf, sagen zu können, dass ich mich hier richtig wohlfühle. Ich fühle mich hier zu Hause. Ich bin hier zu Hause".
Dafür gab es Beifall. In den letzten 23 Jahren hatte die Familie das Glück, immer wieder "weltoffene, nette und hilfsbereite Menschen zu treffen".
Namentlich nannte sie die Familie Völk aus Bergrheinfeld, die "uns sogar den Hausrat bereitstellten, Möbel, Bettdecken, das Geschirr, Handtücher, alles". Sie dankte dem Sennfelder Lehrer Manfred Kester, mit dessen Hilfe sie die Mittlere Reife schaffte. Danach Ausbildung zur Bürokauffrau, später Fortbildungsstudium zur Betriebswirtin. Ihre Mutter ist noch heute bei der Firma Mainfrucht beschäftigt, der jüngere Bruder leitet ein Unternehmen mit sechs Angestellten.
Als Bosnierin fühle sie sich noch, ja, "beim Plätzchenbacken an Weihnachten höre ich bosnische Volksmusik". Sie könne aber auch bei jedem deutschen Schlager, besonders an Fasching, mitsingen. "Ich bin hier zu Hause, weil hier meine Freunde sind. Menschen, die ich gerne habe. Mit denen ich gerne zusammenarbeite. Deshalb wollte ich auch die deutsche Staatsbürgerschaft."

Tendenz steigend


Die Zahl der Schweinfurter Ausländer, die den deutschen Pass beantragen, steigt kontinuierlich. 2014 haben sich 139 einbürgern lassen. Im Vergleich: 2009 wollten nur 77 Mitbürger Deutsche werden. 2012 waren es dann schon 128, im Jahr 2013 mit 120 allerdings wieder ein paar weniger. Wie nötig die Stadt die Neubürger hat, zeigt eine andere Entwicklung: Die Einwohnerzahl der Stadt reduzierte sich 2014 um 95 Personen auf 52 670, obwohl die Zahl der Einwohner ohne deutschen Pass um 296 zunahm. Derzeit leben genau 15 356 Menschen mit einem ausländischen Pass in Schweinfurt, was einem Anteil von rund 30 Prozent entspricht. "Es gibt also noch Potenzial, das es zu heben gilt", merkte Oberbürgermeister Sebastian Remelé an.

Sie kommen aus 30 Ländern, aus Afghanistan, China, Eritrea über Marokko, Irak und Polen bis hin zur Schweiz, Sambia, Türkei und eben Togo. Die Wartezeit bis zur Einbürgerung dauert in der Regel acht Jahre, kann aber durch besonderes bürgerschaftliches Engagement, zum Beispiel bei der Feuerwehr oder in einem Sportverein, auf sechs Jahre reduziert werden. Dazu animierte der OB die Neubürger. Möglichkeiten dazu gebe es in 370 Vereinen, aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Migranten könnten ihre Wurzeln pflegen, aber sie sollten "nicht nur den Pass entgegennehmen", sondern auch in ihrer neuen Heimat Wurzeln schlagen". Hannes Helferich