Im Juni 2018 stürzt ein 22-jähriger Asylsuchender auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle aus dem zweiten Stock der Aufnahmeeinrichtung in Schweinfurt. Er überlebt. Im Februar 2019 stranguliert sich ein 22-jähriger Somalier in einer Haftzelle im Dienstgebäude der Schweinfurter Polizei. Wiederbelebungsversuche sind erfolglos, das Ermittlungsverfahren dazu läuft noch. Anfang Februar 2021 legt sich ein 20-jähriger somalischer Bewohner des Ankerzentrums während eines Klinikaufenthaltes in Lohr auf die Bahngleise. Er stirbt. Nur kurze Zeit später wird ein 25-jähriger Marokkaner in der Ankereinrichtung von Bewohnern tot vor einem Wohnblock gefunden.

"So extrem wie jetzt im Ankerzentrum war es noch nie", sagt Dorothea Böttcher. Die Berufsschullehrerin kennt noch die Zeit der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Kasernengelände in der Stadt Schweinfurt. 2018 wurde daraus ein Ankerzentrum, Mitte 2019 verlegte man es in die ehemalige Conn-Kaserne zwischen Geldersheim und Niederwerrn. Hier müssen Flüchtlinge nun bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag bleiben. Daher der Name: Anker steht für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung". Der Bayerische Flüchtlingsrat und Flüchtlingsorganisationen kritisieren diese Einrichtungen, weil hier die Menschen ohne Beschäftigung, ohne Perspektive und von der Außenwelt weitgehend isoliert seien.

Bewohner in Ankerzentrum wie "kaserniert" - Suizide sind Alarmsignal

Dorothea Böttcher unterrichtet in Schweinfurt seit Beginn der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 junge, berufsschulpflichtige Asylbewerber im Fach Werken. In den Anfangsjahren fand der Unterricht noch in der Alfons-Goppel-Berufsschule in Schweinfurt statt. Seit dem Umzug der Aufnahmeeinrichtung an die Peripherie ist die Berufsschule für Flüchtlinge nun dort integriert. So wie auch Schule, Kindergarten, Ärztezentrum, Flüchtlingsberatung und alle zur Bearbeitung eines Asylantrags notwendigen Behörden im Ankerzentrum zentralisiert sind. Die Pädagogin hält dies für "keine gute Lösung". Die Bewohner seien durch die Entfernung zur Stadt wie "kaserniert". Viele der Geflüchteten kämen traumatisiert in Deutschland an, "und diese Lebenssituation im Anker verstärkt das", ist Böttcher überzeugt. Die beiden Suizide im Februar sieht sie als Alarmsignal, das zeige, wie "dramatisch" das Leben im Ankerzentrum für manche sei. "Wir sind alle sehr betroffen."

Auch Dr. Özlam Anvari haben die Suizide sehr betroffen gemacht. Die Leiterin des Ärztezentrums in der Ankereinrichtung betreute die Bewohner danach psychologisch, auch den Jugendlichen in der Berufsschule hat sie Gespräche angeboten. Flyer wurden verteilt mit Informationen, wo man bei psychischen Problemen im Anker Hilfe finden kann. Erste Anlaufstelle ist "Soul Talk", ein niederschwelliges Angebot mit ausgebildeten Laienberatern, die selbst Fluchterfahrung haben und Gespräche in Muttersprache führen können. Der Anker sei durch die lange Aufenthaltsdauer für die Geflüchteten per se problematisch, so die Ärztin. Und durch die Pandemie habe sich die Lage - wie überall - noch verschärft. Sie sagt: "An der Wurzel des Problems können wir nichts ändern, aber wir versuchen die Nöte in unserer Arbeit aufzugreifen." Dabei helfe gerade die Zentralisierung aller für Asylbewerber wichtigen und erforderlichen Angebote. Caritas und Diakonie seien mit der Flüchtlingsberatung vor Ort, hier stehe jederzeit ärztliche und psychologische Hilfe bereit. Und die Wege zu den Behörden seien kurz: "Draußen müssten sie sich um alles selbst kümmern."

"Wir haben keine Indizien gefunden, dass die Situation im Anker Auslöser für die Suizide war", sagt denn auch Benjamin Kraus, Verwaltungsleiter der Einrichtung. Der 25-jährige Marokkaner sei erst an Weihnachten in die Bundesrepublik eingereist und Anfang Januar ins Ankerzentrum gekommen.

Situation in Ankerzentrum als Auslöser für Suizide? Verwaltungsleiter äußert sich

Auch durch die Verlagerung der Einrichtung an den Stadtrand sieht Kraus keine Verschlechterung für die Asylbewerber. Es gebe eine gute Busanbindung, einen sehr gut ausgebauten Radweg nach Schweinfurt und Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Alle bisherigen Hilfs- und Freizeitangebote bestünden weiter, dank der großflächigen Außenareale seien die Möglichkeiten sogar besser geworden. Einschränkungen gebe es, wie allerorten, lediglich aufgrund der Corona-Pandemie, resümiert Kraus. Offiziell soll eigentlich niemand länger als anderthalb Jahre in einem Ankerzentrum bleiben. Bei eindeutigen Fällen wie Syrern aus Kriegsgebieten, die aktuell wieder Schweinfurt zugeteilt werden, geht das Verfahren tatsächlich schnell. Aber bei schwierigen Fällen, das räumt Kraus ein, könne sich die Abwicklung schon mal bis zu zwei Jahre hinziehen. Und solche Asylverfahren hat das Ankerzentrum viele. "Länger als zwei Jahre war aber noch kein Asylbewerber hier", versichert der Leiter.

Viermal hat das Staatliche Gesundheitsamt im vergangenen Jahr das Ankerzentrum unter Quarantäne gestellt. Dank konsequenter Kontaktverfolgung und Reihentestungen musste die drastische Maßnahme zuletzt nicht mehr angeordnet werden. "Wir hatten keine größeren Ausbrüche mehr, und aktuell gibt es auch keinen Corona-Fall", lobt Regierungssprecher Johannes Hardenacke das vom ärztlichen Team und der Anker-Verwaltung erarbeitete Konzept. Coronabedingt verteilt die Ankerverwaltung seit März vergangenen Jahres auch die Zimmer großzügiger: "Die meisten Bewohner sind zu zweit in Vier-Bett-Zimmern untergebracht", sagt Kraus. Hier kommt der Leitung entgegen, dass die Einrichtung derzeit mit 765 Bewohnern nur gut zur Hälfte belegt ist. Die beiden Suizide könne man deshalb in keinerlei Zusammenhang mit der Unterbringung vor Ort bringen, sagt Regierungssprecher Hardenacke. Es seien Einzelschicksale. Anker-Chef Kraus machen sie betroffen: "Der Tod der beiden Bewohner ist unendlich tragisch."

Hinweis der Redaktion: Wir berichten für gewöhnlich nicht über Selbstmorde. Eine Ausnahme bilden Fälle von großem öffentlichen Interesse. Bei der Telefonseelsorge erreichen Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Hilfe in schwierigen, möglicherweise ausweglos erscheinenden Situationen. Unter www.frnd.de ("Freunde fürs Leben") finden Sie zudem weitere Informationen und Hilfsangebote.

Irene Spiegel