Wer Fußball-Geisterspiele vom Fernsehen her kennt, kann sich das Szenario vorstellen, das am Sonntagnachmittag in der Shakehands-Arena herrschte. Dort, wo der TSV Bad Königshofen zum Auftakt der Saison 2020/21 den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell mit 3:0 abfertigte. TSV-Manager Andy Albert hat manchmal wässrige Augen: vor Freude, beim Blick auf die üblicherweise gut gefüllten Tribünen. Diesmal waren sie auch wässrig. Aber er gestand: "Ich könnte heulen, wenn ich das sehe." Die Hygenie-Auflagen der Landkreis-Behörden sahen vor, dass die Ränge geschlossen bleiben mussten.

Bad Königshofens Neuer fehlt, Fuldas Top-Mann ist dabei

Acht Mal hatten sich die Osthessen in einem Grabfeld-Rhön-Derby in Liga oder Pokal gegen die Bad Königshofer durchgesetzt. Beim neunten Mal jubelte Bad Königshofen. Meistens waren die Grabfelder mit einem personellen Handicap angetreten. Diesmal wieder. Es fehlte bei den Gastgebern Neuzugang Abdel-Kader Salifou. Während bei den Gästen die Neuerwerbung Quadri Aruna aus Nigeria, die Nummer 20 der Weltrangliste, mit an Bord war.

Es wäre müßig zu ergründen, welches Handicap die Bad Königshöfer mehr beschäftigte. Das personelle oder das emotionale? Es fehlte diesmal nämlich noch die Unterstützung der Zuschauer. Wie alle TSV-Spieler bestätigen, seien die Fans in der Shakehands-Arena für zwei bis drei Punkte pro Satz gut. Und das bei so vielen engen Ausgängen in dieser prickelnden Sportart. Apropos prickelnd: Das war die Partie auch diesmal, vom ersten Ballwechsel an. Nur anders.

Klinische Laborbedingungen in der Shakehands-Arena

Die ganze Show begann und verlief völlig anders als vor der Coronapandemie. Kein Füllen der Halle von mehr als einer Stunde vorher an. Keine Begrüßung des Nachbarn auf dem Saisonkarten-Platz nebenan. Kein spätes Eintreffen der Zuschauer auf den Sponsoren-Plätzen. Kein Einpeitschen und die Fans auf Betriebstemperatur bringen durch Hallensprecher Jürgen Halbig. Keine Vorstellung des Neuzugangs Abdel-Kader Salifou. Kein Bratenduft aus der VIP-Longue heraus in die Arena hinein. Keine Einlaufkinder. Kein rhythmisches Klatschen, keine personalisierten Gesänge für die TSV-Spieler. Kein Gänsehaut-Feeling, noch dazu zum Saisonauftakt. Stattdessen: klinische Laborbedingungen.

Schnellster Sieg der Königshöfer Bundesliga-Geschichte

Am Tisch feierte dann der TSV Bad Königshofen den schnellsten Sieg seiner TTBL-Geschichte. Und "zum dritten Mal in Serie heißt der Tabellenführer des ersten Spieltags TSV Bad Königshofen." Dies musste der Hallensprecher Halbig fünf Minuten vor 17 Uhr unbedingt noch loswerden. Gemessen an den Weltranglisten-Positionen ihrer Spitzenspieler (Fulda: Aruna 20, Filus 42, Meng 241 - Bad Königshofen: Steger 126, Ort 198, Zeljko 276) glich das 3:0 des TSV einer Sensation. Die es realistisch gesehen nicht ist. "Ich gebe da eh nicht viel drauf", beteuert Kilian Ort immer wieder, so auch nach dem statistisch gesehen größten Sieg seiner Laufbahn. Besser als die Nummer 20 der Weltrangliste war nie ein Gegner, den er geschlagen hat.

Doch jeder der drei Helden des ersten Spiels vor leeren Rängen trug seinen Teil auf seine Weise bei. Gemeinsam war ihnen nur der Erfolg. Der so nach den ersten zwei Sätzen nicht zu erwarten war. Der Frontmann Basti Steger startete gegen den Abwehrspezialisten Ruwen Filus mit 0:2-Satzrückstand. Es war der Kampf der beiden Nationalmannschafts-Kollegen mit völlig verschiedenen Waffen. Obwohl hundert Mal im gemeinsamen Training und Wettkämpfen erprobt, muss man gegen einen Filus immer wieder neu ins Spiel finden. Das gelang Steger, mit einem Riesen-Aufwand von Energie und Konzentration gegen Abwehrspieler Filus: 3:2, eine Steilvorlage für Kilian Ort.

Kilian Ort ist von Aruna nicht zu bremsen

Hypernervös startete der Lokalmatador gegen den Afrika-Meister, der bei Olympia Deutschlands Besten Timo Boll geschlagen hat: 3:11. Die Wende kam im zweiten Satz bei 8:8 und Timeout: Die Tipps von Trainer Koji Itagaki umgesetzt, 11:8. Im dritten war Ort unaufhaltsam, über 10:2 zum 11:7. Und im vierten war er nicht mehr zu bremsen, klare Sache über 9:5 zum 11:9.

Wie würde Filip Zeljko Andy Alberts Vertrauen in ihn und dessen Prognose eines Entwicklungssprungs rechtfertigen, hatte der etatmäßige Ersatzmann bisher in der TTBL doch meistens begeistert, aber selten gewonnen? Ganz überzeugend. Die Rechnung "gesteigertes Selbstvertrauen plus ein bisschen Glück ergibt Erfolg" ging auf: 3:1, Punkt, Satz und Sieg für Zeljko und den TSV.Rudi Dümpert