Den Krankenkassen in Deutschland fehlt Geld, um ihre Ausgaben zu begleichen. Vor einigen Wochen hat Gesundheitsminister Jens Spahn einen Rekordzuschuss von sieben Milliarden Euro für die gesetzliche Krankenversicherung angekündigt, um das Defizite zu begleichen - das Problem ist damit jedoch nicht gelöst, findet Christian Höftberger, Chef des Rhön-Klinikums.

Wie eine aktuelle Studie der DAK gezeigt hat, droht den Krankenkassen selbst mit dem Zuschuss der Regierung im kommenden Jahr ein Finanzloch von 8,6 Milliarden Euro. Bis 2025 könnte der zusätzliche Finanzierungsbedarf auf 27,3 Milliarden Euro steigen - womit auch die Versicherungsbeiträge enorm steigen müssten.

Krankenkassen droht Finanzloch von Milliarden: Rhön-Klinikum-Chef fordert Reform

"Um die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung stabil zu halten, ist eine – ordnungspolitisch ohnehin gebotene – schrittweise Anhebung der Steuerfinanzierung versicherungsfremder Leistungen notwendig", fordert DAK-Vorstandschef Andreas Storm als Konsequenz. Ansonsten sei die Handlungsfähigkeit der Versicherungen bedroht. Höftberger spricht sich dagegen für eine grundlegende Reform der Krankenkassen aus.

"Statt in den finanziellen Abgrund zu starren und zu erwarten, dass hier jemand mit Steuermitteln einspringt, sollten die Krankenkassen als Erstes prüfen, was sie selbst zur Kostensenkung beitragen könnten", so Höftberger in einer Mitteilung der Rhön-Klinikum AG. Zwar sehe der Rhön-Klinikum-CEO auch den Einfluss von versicherungsfremden Leistungen, der demographischen Entwicklung und des medizinisch-technischen Fortschritts, doch von jedem Unternehmen werde erwartet, dass es in einer solchen Situation erstmal seine eigene Struktur und die Prozesse auf den Prüfstand stellt.

Diesem ökonomischen Druck seien all diejenigen, die die Patienten behandeln, auch ausgesetzt. Kliniken werden stattdessen mit "immer neuen Sparaktionen und Vorwürfen konfrontiert". Dass die Versicherungen mit ihrer rein verwaltenden Tätigkeit ihre Defizite bislang weiterreichen können, bezeichnet Höftberger als absurd.

Sparen die Krankenkassen lieber bei den Kliniken als bei sich selbst?

Er schlägt daher eine Reduzierung der Krankenkassen in Deutschland vor und verweist auf andere Länder wie Israel. Dort komme man zum Beispiel mit einem halben Dutzend Versicherungen aus. Auch bei der Bürokratisierung sieht Höftberger Einsparpotenzial. "Der zunehmende Dokumentationsaufwand beschäftigt sowohl auf Kassenseite wie in den Kliniken - unabhängig von ihrer Trägerschaft und Einrichtungsgröße - immer mehr Mitarbeitende und bindet damit wertvolle Ressourcen, die anderswo sinnvoller eingesetzt werden können", so Höftberger. Inzwischen entfalle 44 Prozent der Arbeitszeit der Ärzte auf bürokratische Aufgaben, beim Pflegepersonal seien es 36 Prozent.

Zuletzt könne auch beim Marketing der Krankenkassen eingespart werden. Für Höftberger zählen dazu auch Behandlungsformen, für deren Wirksamkeit es keinen medizinischen Beleg gibt, die aber trotzdem oft übernommen werden, um "Versicherte an sich zu binden". Stattdessen würden die Kassen seit Jahren bei den Klinikleistungen sparen, sodass das Personal in Deutschland doppelt so viele Patienten behandeln muss, wie in anderen vergleichbaren Ländern.

So leiden auch die Krankenhäuser darunter, dass die Politik keine Reform der Struktur der Krankenkassen angeht. "Wenn den Kassen dann trotzdem die Kosten aus dem Ruder laufen, obwohl sie die Pandemiekosten gar nicht stemmen müssen, viele Behandlungen und Operationen coronabedingt zurückgestellt oder abgesagt werden mussten und Patienten auf notwendige Behandlungen sogar verzichtet haben, die Ausgaben der Krankenkassen für Kliniken, Reha und Vorsorge gesunken sind, besteht offenbar dringender Reformbedarf, um sich selbst zu überdenken und überflüssige Ausgaben zu senken", fasst Höftberger zusammen.

Die Krankenkassen forderten zuletzt ebenfalls eine grundlegende Strukturreform - allerdings bei den Krankenhäusern. Der Verwaltungsrat der DAK sprach sich für eine "qualitätsorientierte Strukturbe­reinigung bei gleich­zeitiger Definition von regionalen Umkreis- oder Verantwortungskorridoren" aus. Zudem solle die Grundversorgung mit "ambulanten medizinischen Versorgungs­zentren und regionalen Pflegekompetenzzentren" verstärkt werden. Beide Wünsche nach Reformen werden jedoch wohl bei der nächsten Bundesregierung liegen.