Der Hausherr öffnet die Tür. Ein freundliches, aber scheues Lächeln, ein kurzer Händedruck. "Meine Frau erwartet Sie schon", sagt Dieter Leipold und führt den Reporter ins Wohnzimmer des Hauses oberhalb des Bionade-Firmengeländes in Ostheim vor der Rhön. Sigrid Peter-Leipold wird an diesem Tag ein exklusives Interview geben. Das Thema ist brisant: Es geht an diesem Novembertag 2011 um den Ausstieg der Familie aus dem Unternehmen Bionade. Das aber ist Sache von Sigrid Peter-Leipold. Ihr Mann will davon nichts wissen. Er hat sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.

Doch Bionade gäbe es ohne Dieter Leipold nicht. Er hat das Wundergetränk aus der Rhön erfunden, hat abends, nach der Arbeit des Tages, herumgetüftelt. Ein Tüftler ist er auch im fortgeschrittenen Alter geblieben: Der Erfindergeist war bei Dieter Leipold stets ausgeprägter als der Geschäftssinn.
Als junger Braumeister holt ihn Ludwig Peter, Seniorchef der kleinen Peter-Bräu in Ostheim, aus dem fernen Würzburg, wo Leipold aufgewachsen war, in die Rhön. Im Sommer 1964.

Die Welt der mittelständischen Brauer ist da noch in Ordnung. Schon damals lernt Leipold seine spätere Ehefrau Sigrid Peter kennen. Sie soll später einmal den Betrieb leiten, so will es der Vater. Doch vorerst bleiben Sigrid Peter und Dieter Leipold nur eines: Kollegen. Denn Sigrid Peter heiratet einen anderen: Bernd Kowalsky. Der Bekannte von Dieter Leipold wird nach Ostheim holt, um bei der Arbeit in der florierenden Brauerei zu helfen - auch Kowalsky ist ja Braumeister. Aus dieser Ehe stammen die beiden Söhne Peter und Stephan.

Viele Veränderungen in den 80ern

In den 80er Jahren verändert sich viel bei der guten alten Peter-Bräu in Ostheim. Die Ehen von Sigrid Peter und Dieter Leipold - der inzwischen ebenfalls geheiratet hat - scheitern. Sigrid übernimmt 1987 von ihrem Vater die Brauerei, doch die hat Schieflage.

Viele kleine Brauer stehen vor dem Aus, die Konzerne haben das Sagen übernommen, Billiganbieter und Discounter-Biere überschwemmen den Markt. Und noch etwas passiert: Sigrid Peter und Dieter Leipold werden ein Paar. Ein junges Paar - mit erwachsenen Kindern. Der älteste Sohn, Peter Kowalsky, macht in Weihenstephan seinen Brau-Ingenieur und kehrt in die Rhön zurück. Sein Eintritt in die Firma eröffnet Dieter Leipold eine Chance, die, einer alten Idee zu folgen. "Wir machen gutes Bier für die Erwachsenen", sagt er immer wieder zu seiner Frau - "aber Mensch, was kriegen denn die Kinder zu trinken?"

Sein Ziel: eine Brause aus der Rhön. Vor der Haustüre der Brauer-Familie öffnet sich in dieser Zeit die Grenze zum nahen Thüringen, Wiedervereinigung. Doch in Ostheim brennt oft noch spätabends das Licht. Bei Sigrid Peter-Leipold und Peter Kowalsky, die jede Mark umdrehen, um den Betrieb zu halten. Und bei Dieter Leipold in seinem kleinen "Labor" in der Wohnung, wo er am Herstellungsprozess seiner Brause tüftelt. Dabei stößt er auf die Gluconsäure. Bienen verwandeln Fruchtzucker in diese sehr milde Säure, um ihren Honig haltbarer zu machen. Leipold ist sich sicher: Für sein Getränk muss er diese Verwandlung von Zucker in Gluconsäure imitieren.

Mehr als ein Nischenprodukt

Zum einen, um eine natürliche Alternative zu der in vielen Limonaden verwendeten Phosphorsäure zu haben. Zum anderen, um die beim Brauen übliche Umwandlung in Alkohol zu verhindern. Die Forschung verschlingt viel Geld. Dann ist es geschafft: Dieter Leipold hat einen Weg gefunden, einen in der Natur ablaufenden Prozess auf die Getränkeherstellung umzusetzen. Doch Bionade ist nicht mehr als ein Nischenprodukt einer kleinen Brauerei. Niemand will etwas davon wissen. Siebenmal muss das Etikett umgestaltet werden, bis das Motiv mit dem blauen Streifband, der weißen Schrift und dem roten Punkt im "O" feststeht. Leipolds ursprünglicher Entwurf - Höhenzüge der Rhön - besteht im Marketingtest nicht. Doch die Zeit scheint noch nicht reif für ein nachhaltiges und regionales Produkt wie Bionade.

Der Rest der Geschichte ist Legende. Ausgerechnet in Hamburg wird die Brause über Nacht zum Renner - Göttsche, ein findiger Getränkegroßhändler, sorgt dafür, dass Bionade in Szeneclubs und an den Stadtstränden der Hansestadt Kult wird. Dieter Leipold beobachtet all das von Ostheim aus.

Rezept aus dem Dorf der Unbeugsamen

Der wahre Boom aber steht noch bevor. Er beginnt, als Branchengigant Coca-Cola 2004 Bionade als Handelsware in sein Sortiment aufnimmt. Bundesweit steht die Biobrause aus der Rhön nun in den Regalen. Die Wirtschaftspresse wird aufmerksam - und verliebt sich in den Familienbetrieb. Die Rede ist vom "Rezept aus dem Dorf der Unbeugsamen", Dieter Leipold wird zum "Miraculix aus der Rhön". Deutschland schwelgt im Bionade-Rausch, 2007 liefert man mehr als 200 Millionen Flaschen aus.

Eine satte Preiserhöhung im Sommer 2008 lässt die Euphoriewelle abebben. Zudem steigt die Radeberger-Gruppe in das Unternehmen ein. Die Zeit des Familienbetriebs geht langsam zu Ende. Heute ist Bionade eine Marke im Radeberger-Sortiment - Produktion und Firmensitz sind immer noch Ostheim.

Bis zuletzt konnte Dieter Leipold von seinem Wohnzimmer hinüberblicken, da wo sich die blauen Getränkekisten auf dem Firmengelände stapeln. Am vergangenen Sonntag ist er nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben.

Mit Informationen von Franzi Strobl und Georg Stock