• Nürnberg: Verletztes Opfer von Schießerei soll abgeschoben worden sein
  • "Unverständlich": Nachricht sorgt für Unverständnis in türkischer Community
  • "Viele werden verhört": Gemeinde-Vorsitzender berichtet von Polizei-Vorladungen
  • Täter weiterhin auf der Flucht - "hatte sich falsche Papiere besorgt"

Auch knapp einen Monat nach der tödlichen Schießerei in der Nürnberger Landgrabenstraße ist der mutmaßliche Täter Mert Fahri Akin weiter auf der Flucht. Die Ermittlungsbehörden konnten bei der Fahndung bisher keinen entscheidenden Erfolg vermelden - der 28-Jährige ist noch immer nicht gefasst. In der türkischen Community in Nürnberg herrsche daher weiterhin "große Verunsicherung", erklärt der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion, Bülent Bayraktar, gegenüber inFranken.de. Während sich die Staatsanwaltschaft nur spärlich äußert, brodelt die Gerüchteküche

Wurde der angeschossene Orhan A. abgeschoben? Zweites Opfer soll sich nicht mehr in Nürnberg aufhalten

Anfang November hatte die Polizei Mittelfranken aufgrund eines Überwachungsvideos einen erneuten Zeugenaufruf gestartet. Dieses zeige das Tatgeschehen und lasse unter anderem erkennen, dass es weitere, bislang unbekannte Tatzeugen gebe, hieß es. Demnach seien in dem Video zwei Personen mit Kinderwagen zu erkennen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Geschehens befanden. "Ich kann weder bestätigen noch dementieren, ob sich mittlerweile Zeugen auf den Fahndungsaufruf gemeldet haben", erklärt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth gegenüber inFranken.de

Allgemein gibt sich die Staatsanwaltschaft bezüglich Informationen zum aktuellen Stand der Ermittlungen bedeckt. "Wir wollen unter gar keinen Umständen die Ermittlungen gefährden, jedes öffentliche Detail könnte hier Einfluss haben", so die Sprecherin. Und doch werden durch die sozialen Medien und Berichte aus der Türkei, sowie von Personen aus dem Bekanntenkreis der Beteiligten, immer mehr Hintergründe bekannt. So ist mittlerweile klar, dass der mutmaßliche Täter zuvor in der Ukraine gemeldet war und am Tag der Tat einen negativen Aufenthaltsbescheid der Nürnberger Stadtverwaltung erhielt.

Auch Bülent Bayraktar liegen diverse Schriftstücke zu dem Fall vor, der Vater des Toten ist ein guter Bekannter des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde. Wie Bayraktar im Gespräch mit inFranken.de erklärt, habe er von diesem die Nachricht erhalten, dass der angeschossene Orhan A. nach seiner Behandlung in einem Krankenhaus mittlerweile abgeschoben worden sein soll. "Der Vater hat mich natürlich gefragt, wie das sein kann, obwohl der Fall noch nicht abgeschlossen ist, für ihn ist das unverständlich", so Bayraktar. Die Information hält er für glaubwürdig - sie stamme aus dem engen Freundeskreis des getöteten Sahan Ö. 

Südstadt-Todesschütze soll sich gefälschten Pass besorgt haben - "Vermutung liegt nahe"

Gleichzeitig soll der mutmaßliche Täter noch im August dabei erwischt worden sein, wie er mit einem gefälschten Pass aus Estland über die bayerisch-tschechische Grenze Waldsassen-Cheb eingereist sei. Hier liege Bayraktar ein entsprechendes Sicherstellungsprotokoll vor. "Die Vermutung liegt nahe, dass er einen europäischen Pass wollte, weil er wusste, dass sein Aufenthaltstitel abgelehnt werden wird", so der Gemeinde-Vorsitzende. Eine offizielle Bestätigung vonseiten der Behörden gibt es für beide Sachverhalte nicht. "Auch ausländerrechtliche Fragestellung beantworten wir nicht, weil es die Ermittlungen behindern könnte", so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. 

Die türkische Zeitung Hürriyet berichtete Anfang November detailliert darüber, wie der Kontakt zwischen dem verletzten Orhan A. und Mert Akin zustande gekommen sei. Nach Schilderungen von A. gegenüber dem Medium habe man sich von einem Autokauf in der Heimatstadt der beiden Männer, Manisa in der Westtürkei, kennengelernt. Orhan A. habe in Duisburg gelebt und gearbeitet, als er einen Anruf von einem gemeinsamen Freund der beiden erhalten habe. Seinen Schilderungen zufolge soll ihm Akin einen Job in einem Unternehmen in Nürnberg angeboten haben, das er gegründet habe. 

Laut Bayraktar habe es sich dabei um "eine Art Inkassotätigkeit" gehandelt, mit denen Akin unter deutsch-türkischen Händlern in Nürnberg für Angst und Schrecken gesorgt haben soll. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in der Metropolregion hält es allerdings für "nicht nachvollziehbar, warum man nach Nürnberg kommen sollte, wenn man sich gar nicht gut kennt". Dass der mutmaßliche Täter immer noch nicht geschnappt wurde, sorge weiter für "große Verunsicherung" in der Gemeinschaft. "Aktuell werden sehr viele Menschen mit türkischen Wurzeln von der Polizei in Nürnberg verhört", weiß er zu berichten. Allerdings sei die Hoffnung, Akin zu erwischen, deutlich gesunken. "Viele vermuten, dass er sich längst aus Deutschland entfernt hat."

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