Es ist eine Untersuchungsausschuss-Sitzung, wie man sie im Landtag selten erlebt. Ein Zeuge, der nur unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen aussagt - Presse und Besucher können seinen Worten, die technisch verzerrt werden, nur per Videoübertragung folgen.

Carsten S. wurde im Münchner NSU-Prozess rechtskräftig wegen Beihilfe zum Mord verurteilt. Nun muss er stundenlang den bayerischen Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Der junge Mann hatte in dem Verfahren als einziger umfangreich ausgesagt. Seine Tat - die Übergabe der späteren Mordwaffe "Ceska" an die NSU-Terroristen - hatte er gestanden und Reue gezeigt. Seitdem gilt er in der rechtsextremen Szene als Verräter, lebt in einem Zeugenschutzprogramm.

Untersuchungsausschuss zum "Taschenlampen-Anschlag" - Hohe Sicherheitsvorkehrungen 

Die Sitzung am Donnerstag wird zu einer Zeitreise, 23 Jahre zurück, ins Jahr 1999. Es geht um den damaligen Anschlag auf die Nürnberger Gaststätte "Sonnenschein". Erst durch die Aussage von Carsten S. im Jahr 2013 im NSU-Prozess kam heraus, dass die Tat dem "Nationalsozialistischen Untergrund" zuzurechnen ist. Die Terrorzelle NSU - Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe - war von 2001 an jahrelang mordend durch Deutschland gezogen. Ihre Opfer waren neun Gewerbetreibende türkischer und griechischer Herkunft sowie eine deutsche Polizistin. Mundlos und Böhnhardt verübten zudem zwei Bombenanschläge in Köln mit Dutzenden Verletzten. Sie töteten sich 2011, um ihrer Festnahme zu entgehen - erst damit flog der NSU auf. Zschäpe, die einzige Überlebende des Trios, wurde 2018 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Taschenlampen-Anschlag in Nürnberg wurde im NSU-Prozess zwar behandelt, er wurde aber nicht mehr Teil der Anklage der Bundesanwaltschaft. Deshalb will der Untersuchungsausschuss hier noch einmal nachbohren. Er vernimmt nacheinander S., einen einst zuständigen Staatsanwalt und schließlich den damaligen Pächter der Gaststätte "Sonnenschein", der aber faktisch schon an seinen Nachfolger übergeben hatte.

S. berichtet erneut über Andeutungen von Mundlos und Böhnhardt über den Anschlag: Bei einem Treffen, bei dem S. den beiden Uwes die spätere Mordwaffe "Ceska" übergab, hätten sie erzählt, dass sie "eine Taschenlampe" in einem Geschäft in Nürnberg hingestellt hätten. So stoßen die Ermittler auf die Tat im Jahr 1999: Die Täter hatten eine als Taschenlampe getarnte Rohrbombe in der Gaststätte abgelegt. Der junge Mann, der die Gaststätte gerade erst faktisch übernommen hatte, fand die Lampe, betätigte den Schalter und die Bombe explodierte. Der Mann wurde verletzt, überlebte aber.

Fast die erste Mordtat - Pächter überlebt Taschenlampen-Anschlag nur knapp

Der ab 2013 zuständige Ermittler der Bundesanwaltschaft erläutert, man habe zwar keine konkreten weiteren Hinweise auf die Täter gefunden. Man habe die Aussage von S. aber als glaubhaft erachtet, zudem habe die Tat sich in frühere Handlungen des NSU-Trios "eingefügt". Eindrücklich schildert der Ermittler aber vor allem, dass der Anschlag beinahe die erste Mordtat des NSU geworden wäre. Wären zwei Verschlusskappen an den Seiten des Metallrohrs der Taschenlampe bei der Explosion des enthaltenen Schwarzpulvers nicht weggeflogen, "dann wäre die Tötungswahrscheinlichkeit sehr hoch gewesen", sagt er.

Viele Fragen rund um den Anschlag bleiben weiter offen. Hat der Verletzte womöglich die Ehefrau von einem der fünf Verurteilten im NSU-Prozess, eine enge Freundin Zschäpes, auf einem Foto erkannt? Warum wurde genau diese Gaststätte zum Tatort? Und warum wurde damals, 1999, "nur" wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt - und erst nach der Aussage von S. wegen versuchten Mordes? Der spätere Ermittler bei der Bundesanwaltschaft betont allerdings, es sei 1999 schon sehr intensiv ermittelt worden.

Wenig zur Erhellung trägt auch der damalige Pächter der Gaststätte bei, der ebenfalls als Zeuge aussagen muss. Er erzählt, er sei damals von einem privaten Streit zwischen zwei Männern als Motiv ausgegangen - obwohl ihn die Polizei auch nach einem rassistischen Motiv gefragt habe. Und noch überraschender: Weil er mit der Gaststätte schon damals faktisch quasi nichts mehr zu tun hatte und inzwischen seit längerer Zeit im Ausland lebt, hat er bis jetzt offenbar nichts über die wahren Hintergründe erfahren. Als Ausschusschef Toni Schuberl (Grüne) ihm sagt, Neonazis seien die Täter gewesen, sagt er, das habe er "echt nicht gewusst".

Versäumnisse der Ermittlungsbehörden? Viele Fragezeichen bleiben

Am Ende bleiben auch nach dieser Ausschusssitzung ebenso viele Fragezeichen wie vorher. Auch dem Ziel, mögliche Verbindungen des NSU in die bayerische Neonazi-Szene aufzuklären, kommen die Abgeordneten nicht näher. Einzelne Kontakte zwischen der rechtsextremistischen Szene in Thüringen und einzelnen Personen in Bayern habe es schon gegeben, räumt S. ein. Von einer organisierten Zusammenarbeit zwischen Thüringen und Bayern sei ihm aber nichts bekannt gewesen.