Party auf dem Hauptmarkt: Zum Auftakt der Sommerferien haben Beachvolleyballer die gute Stube der Stadt erobert. Wo sonst Gurken und Radieschen angeboten werden, turnen jetzt Sportler in knappen Höschen über den Hauptmarkt. Den Bürgern in der Altstadt ist die zunehmende "Eventisierung" auf dem Hauptmarkt ein Dorn im Auge. In einem offenen Brief warnten Bürgervereine gemeinsam mit Vertretern der umliegenden Altstadtkirchen vor einer "schleichenden Demontage eines Kulturgutes". Wenn die Zahl der Events auf dem Hauptmarkt weiter ansteige, verkomme der Platz zum "event place".
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Gazetten baten die Leser um ihre Meinung.


Zu viel Remmidemmi?

In der Stadt entwickelte sich eine hitzige Debatte, ob auf dem Hauptmarkt zu viel Remmidemmi gemacht werde. Die kritischen Stimmen haben die Debatte zu Beginn dominiert. In dem offenen Brief werden freilich nicht die Traditionsveranstaltungen wie das Bardentreffen oder der Christkindlesmarkt kritisiert.
Dafür bekommen moderne Events wie eben das Beachvolleyball-Turnier oder der Weitsprung-Wettbewerb, der kürzlich am Rande der Leichtathletik-Meisterschaften stattfand, ihr Fett weg. Der Hauptmarkt werde durch diese Veranstaltungen zur "pittoresken Kulisse" degradiert. Die Antwort des Oberbürgermeisters ließ nicht lange auf sich warten. Ulrich Maly (SPD) kündigte an, dass es weniger Events auf dem Hauptmarkt geben solle. Damit ging er einen beachtlichen Schritt auf die Kritiker der "Eventisierung" zu.


Missverhältnis Werbung/Sport

Allerdings wollte er wohl den Eindruck vermeiden, dass er sich den Kritikern zu sehr beugt. Maly verwies darauf, dass die Stadtspitze schon im November letzten Jahres in einer Referenten-Runde beschlossen habe, dass das Beachvolleyball-Turnier 2016 nicht mehr auf dem Hauptmarkt stattfinden dürfe, weil hier ein "Missverhältnis" zwischen Werbung und Sport festzustellen sei.
Genau diese Begründung des Oberbürgermeisters hat die Debatte dann erst richtig angefeuert. Philipp Langenbach hat daraufhin eine Online-Petition gestartet. Darin fragt der Werbefachmann aus Nürnberg: "Warum also sollten wir das jüngere, sportliche Leben aus unserer Altstadt verbannen?"
Gerade Events wie der District Ride (Moutainbiker stürzen sich mit spektakulären Sprüngen den Burgberg hinunter) oder das Beachvolleyball-Turnier würden Altes und Neues auf eine "überaus spannende Weise" verbinden, heißt es in der Petition. Über 1300 Bürger haben diese Petition mittlerweile unterzeichnet. Plötzlich schlägt sich mit der CSU auch der Koalitionspartner der SPD im Rathaus vehement auf die Seite der Befürworter der zahlreichen Events. "Warum soll jugendliches Flair vom Hauptmarkt verbannt werden?", wunderte sich beispielsweise der Dritte Bürgermeister, Klemens Gsell (CSU). Als "unangebracht" empfindet Gsell die Kritik an Veranstaltungen für jüngere Besucher auf dem Hauptmarkt und wendet sich damit indirekt gegen Oberbürgermeister Maly. Der verfolgt die Diskussion - die er eigentlich schon für beendet erklärt hatte - sicherlich mit wachsendem Interesse.


Klassiker auf dem Hauptmarkt

Eine große Rolle in der Debatte spielt der Wochenmarkt. Tatsache ist freilich, dass der grüne Markt heuer schon bereits an 149 Tagen von dem Hauptmarkt in die Fußgängerzone verbannt wurde. Das vertreibt den Marktleuten schon seit Jahren die Stammkundschaft. Schuld daran sind laut Wirtschaftsreferent Michael Fraas (CSU) aber nicht die neuen Events sondern die Vielzahl an "Klassikern" auf dem Hauptmarkt wie der Oster- und Herbstmarkt. Gsell hielt den "Traditionalisten" ebenfalls den Spiegel vor und sagte, viele Klassiker auf dem Hauptmarkt seien "stark überarbeitungsbedürftig". Diese Einschätzung dürften nicht wenige Nürnberger teilen. Oft ist der Hauptmarkt kein Schatzkastlein, sondern eher ein Ramschplatz für allerlei Nippes und billigen Plunder. Dass die Debatte um die Eventisierung erst am Anfang steht, belegt ein weiteres Zitat des CSU-Mannes im Rathaus. Gsell wolle nicht, dass Nürnberg erneut zur "langweiligsten Großstadt" gekürt wird. Diese verbale Attacke wird sich Maly kaum gefallen lassen. Denn wer will schon Chef in der Hauptstadt der Langeweile sein?


Kommentar von Redakteur Klaus Angerstein:

Events müssen einfach passen

Ist Nürnberg deshalb aufregend, weil sich Mountainbiker in abenteuerlichem Fahrstil den Burgberg hinabstürzen? Oder weil auf dem Hauptmarkt Beachvolleyballer ihre Kräfte messen? Die Frage darf man getrost verneinen. Im Falle eines Beachvolleyball-Turniers auf dem Hauptmarkt aufregend allenfalls für Sponsoren, die das historische Ambiente der Frankenmetropole für sich genutzt wissen wollen. Der Nutzwert für die Stadt selbst hält sich dagegen in Grenzen.

Es gibt Events, da verhält sich das ganz anders. Nehmen wir Siena. In der toskanischen Stadt findet alljährlich im Stadtzentrum der berühmte Palio di Siena statt. Ein Pferderennen, ein historisches Ereignis, für die Einwohner nachgerade unverzichtbar. Event und Ambiente passen hier zusammen, wenngleich man über Pferderennen auf innerstädtischen Plätzen durchaus seine eigene Meinung haben darf.

Nürnberg hat vergleichbares im Angebot. Auf dem Hauptmarkt findet jährlich der Christkindlesmarkt statt.Und das seit über 300 Jahren. Auch hier korrespondieren Event und Umfeld gut miteinander. Events in Innenstädten, es gab sie, und es wird sie immer geben. Passen müssen sie.