Schnaittach
Schwerer Verlauf

Drei Wochen im Corona-Koma: Martin nimmt trotzdem eine Sache wahr

Drei Wochen lang lag Martin Linek aus Schnaittach im Corona-Koma. "Das ist, als wäre man tot", sagt er. An eine Sache kann er sich dennoch erinnern.
 
Schnaittacher überlebt schwere Corona-Infektion nur knapp
Nach Corona-Infektion: Im künstlichen Koma nimmt Martin Linek immer noch eine Sache wahr. Foto: Privat/Martin Linek
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  • Martin Linek wird nach einer Corona-Infektion ins künstliche Koma versetzt
  • 59-Jähriger kann sich dennoch an eine Sache erinnern
  • Erkrankung überlebt: Am Freitag (18. Juni 2021) darf er wieder zurück nach Schnaittach, seinem Zuhause

Der Schnaittacher Martin Linek hat sich im Januar 2021 im Laufer Krankenhaus (Landkreis Nürnberger Land) mit Corona infiziert. Mit inFranken.de spricht er über Todesängste, den harten Kampf zurück ins Leben und wie er zu der aktuellen Corona-Politik steht. "Der Arzt und meine Schwester standen weinend neben meinem Bett", so Linek über Berichte aus seiner Zeit im künstlichen Koma. In wenigen Tagen wird der 59-Jährige aus der Corona-Reha in Sachsen entlassen - und braucht noch immer einen Gehstock. 

Schnaittacher erkrankt nach Corona-Ausbruch in Klinik schwer - "Ich war völlig weg"

Bereits mehrere Wochen vor Beginn des Lockdowns im März 2020 habe er sich freiwillig in Quarantäne begeben, so Linek. Denn der sportbegeisterte Mann, der in seinem Leben bereits viele Marathons gelaufen sei, ist seit fünf Jahren Dialysepatient. "Zuhause pflege ich gleichzeitig meine 86-jährige demente Mutter", erzählt der Schnaittacher. Durch eine Begleiterkrankung der Nerven, die sogenannte Polyneuropathie, sei er dann am 19.01.2021 zu Hause kollabiert und habe sich den Oberschenkelhals gebrochen. 

Im Laufer Krankenhaus wird Lineks Bruch behandelt - doch kurz vor der Entlassung bricht in der Klinik das Coronavirus aus. Auch der Test des Schnaittachers ist positiv. "Während einer Dialyse hat eine behandelnde Ärztin dann festgestellt, dass die Sauerstoffsättigung im Blut unter 80 Prozent lag. Ich selbst habe davon nichts mitbekommen, keine Lungenschmerzen, keine Atemnot." Linek wird nach Neumarkt auf die Corona-Intensivstation gebracht. "Die Fragen, die mir der Arzt gestellt hat, konnte ich da schon kaum noch beantworten. Ich hab nichts mehr gerafft, war einfach völlig weg."

Zunächst wird der 59-Jährige über eine Sauerstoffmaske beatmet. "Aber das hat irgendwann nicht mehr geholfen. Als der Arzt nach einer Woche kam und meinte, wir müssen Sie ins künstliche Koma versetzen, hatte ich zum ersten Mal richtig Angst. Ich habe mich gewehrt, weil ich die Kontrolle behalten wollte. Meine Schwester war kurz zuvor aus Köln angekommen und ich habe gesagt: 'Da werden keine Maschinen abgestellt, ich will auf jeden Fall leben.' Wenn man weiß, etwa zwei Drittel der künstlich Beatmeten sterben - so eine Entscheidung will man nicht treffen."

Künstliches Koma: An eine Sache kann sich Martin dennoch erinnern

Nachdem Linek ins künstliche Koma versetzt wird, setzen die Ärzte einen Luftröhrenschnitt an, erzählt er. "Um mich besser beatmen zu können, war das nötig." Mehrere Wochen bekommt der 59-Jährige nichts von der Außenwelt mit. "Das ist, als wäre man tot. Nur an eine Sache kann ich mich erinnern: Man hat mir Märchen und meine Lieblingsmusik vorgespielt, Bruce Springsteen und Tom Petty. Das war eine Idee meiner Tochter, die in Wien Medizin studiert. Solche Reize sollen ja helfen." Für seine Angehörigen eine brutale Zeit. "Ich habe im Nachhinein erfahren, dass die Hälfte der Ärzte gesagt hat, ich werde sterben. Meine Schwester hat erzählt, dass der Arzt und sie weinend neben meinem Bett standen." 

In dieser Situation sei nicht sicher gewesen "ob ich die nächsten sechs Stunden überlebe". Als Martin Linek nach über drei Wochen langsam unter Gabe von Medikamenten "aufgeweckt" wird, versteht er zunächst nicht, was passiert ist. "Das ist nicht wie im Fernsehen, wo Leute einfach plötzlich wach sind und lächeln. Ich dachte, es war alles gar nicht so dramatisch." Doch der Todeskampf hat Spuren hinterlassen. "Ich hatte vom Liegen Wunden an den Fersen, habe gezittert wie Espenlaub und konnte weder aufstehen noch einen Löffel halten." 

Die schrecklichen Folgen seiner Erkrankung; "Meine Lunge ist zu 75 Prozent zerstört, Corona hat auch andere Organe wie die Leber und das Herz angegriffen." Trotzdem bezeichnen die Ärzte seine Fortschritte als "Wunder", erzählt der Schnaittacher. Kurze Zeit später wird Martin Linek auf dem Krankenbett ins sächsische Kreischa gebracht, um hier eine Corona-Reha zu absolvieren. Stück für Stück kämpft sich der 59-Jährige hoch, wird vom Sauerstoff entwöhnt, baut nach "rapidem Schwund" verloren gegangene Muskulatur wieder auf. "Es gab immer wieder Rückschritte, von denen ich niemandem in der Familie erzählt habe. Und Situationen, in denen ich mich damit abgefunden habe, den Rest meines Lebens im Rollstuhl verbringen zu müssen. Da fragst du dich, wie mache ich das zu Hause, wenn ich nicht mal alleine aufs Klo kann?"

Schnaittacher zu Corona-Demonstranten: "Dann wissen sie, was Freiheitseinschränkung bedeutet"

Doch Linek gibt nicht auf: "Ich habe gesagt, ich will die Institution aufrechten Ganges verlassen." Mittlerweile habe er nur noch einen Gehstock "zur Sicherheit" bei sich, könne auch die 250 Meter zum Speisesaal mehrmals am Tag problemlos laufen. Nur beim Machen des Bettes fühle er sich noch schwach. "Dass ich den Rollstuhl abgeben könnte, war der größte innere Triumph für mich", sagt er.

Und es gebe einen Grund, warum er, auch nach Einschätzung der Ärzte, überlebt haben könnte, sagt Martin Linek. "Ich war von Mai bis September2020, als die Hallenbäder noch offen hatten, jeden Morgen ab acht Uhr zwei Stunden im Wasser, bin geschwommen, habe getaucht und Aquagymnastik gemacht. Meine Konstitution war dadurch sehr viel besser, mein Ruhepuls ist von 100 auf 80 gesunken." Ihm sei es wichtig, über die Erkrankung zu sprechen, denn "Tote können nicht mehr reden". Es könne jeden treffen, sagt der 59-Jährige. "Egal ob gesund oder krank, egal welches Alter. Ich kenne 26-jährige Sportler, die hat das weggerafft."

"Jeder, der immer noch der Meinung ist, dass Corona mit einer Grippe verglichen werden kann, ist ein Idiot", findet der Schnaittacher. "Menschen, die demonstrieren, sollen mal ein halbes Jahr ins Krankenhaus, dann wüssten sie, was Freiheitseinschränkung bedeutet. Diesen Menschen ist nicht mehr zu helfen", beendet Linek seine knallharte Botschaft. Er selbst freut sich indes auf ein ganz besonderes Ereignis: Am Freitag (18.06.2021) werde er - nach rund drei Monaten in Kreischa - mit seiner "gepackten Tasche ins Taxi steigen und nach Hause fahren".

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