"Die heutige Jugend kennt ja keine Redensarten und Sprichwörter mehr" - diese These kommt dem Redensarten-Profi Rolf-Bernhard Essig immer wieder zu Ohren. Das treffe aber nicht den Nagel auf den Kopf, sagt der Bamberger Dozent und Autor.

Alle Nase lang werden neue Sprüche geklopft. Heute sagt man: "Wann kommt der Bus?", wenn das Gegenüber sehr langweilige Sachen erzählt, oder "Was geht ab?". Kids erfinden Sprüche mit tollen Abkürzungen wie NKA für "Niveau kniende Ameise" oder AAAAA - "Alle Arbeit Auf Andere Abwälzen".

Jeder Mensch, jung oder alt, gebraucht Tag für Tag um die 100 Redensarten. "Sie begleiten uns wie ein treuer Hund", sagt Essig. "Wenn man sie vermeiden wollte, wäre das wie Kinder, die nicht auf die Ritzen der Gehwegplatten treten wollen."


Redensarten sind ständige Begleiter im Alltag

Man hat Redensarten auf der Pfanne, um witzig zu sein und zu unterhalten, Bildung zu zeigen oder vorzutäuschen, erklärt Essig deren Funktion. "Vielen Menschen macht das Spiel mit Redensarten Spaß", erklärt der Experte, der seit vielen Jahren die SWR-Radiokolumne "Butter bei die Fische" hat. Sie können trösten: "Wenn ich sage, der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Sie können auch fokussieren: "was du tust, tue gleich - ganz und gern". Sie können aber auch unangenehme Erziehungsbegleiter sein: "Freundchen, dir werde ich den Brotkorb höher hängen."

Essig, der sich mit Haut und Haaren den Floskeln, Slogans und Sprichwörtern verschrieben hat, hat im Museum für Kommunikation in Nürnberg eine umfangreiche Ausstellung dazu auf die Beine gestellt. Sie wird in weiteren Stationen auch Frankfurtern und Berlinern aufs Auge gedrückt. Ihr Titel: "Mein Name ist Hase".

"Ich weiß von nichts", soll der Jurastudent Viktor Hase 1854 vor Gericht hinzugefügt haben. Mit diesem Satz, der einen Kommilitonen beschützte, brannte sich sein Name in die deutsche Sprache ein. Er wurde bekannter als ein bunter Hund. Zu beinahe jeder Floskel, jedem Sprichwort geht Essig der Mund über. Er schüttelt die Geschichtchen, die Philosophen oder Romanautoren, die hinter den bekanntesten Sätzen stehen, aus dem Ärmel. Soldaten, Handwerksberufe und die Landwirtschaft standen oft Pate, unter ihnen die Spinnerinnen, die sich bei ihrer Arbeit verrückte Geschichten erzählten. Seither fragen wir: "Spinnst du?"

So mancher Satz stammt aus dem Buch der Bücher: Vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als ein Reicher in den Himmel kommt, liest man in der Bibel. Der anderen eine Grube gräbt und selbst hineinfällt oder der Bescheidene, der sein Licht unter den Scheffel stellt, kommt auch darin vor.
Essig aber warnt: "Der Ton macht die Musik". Es gibt auch die missbrauchten Redensarten. "Jedem das Seine", der römische Rechtsgrundsatz, war eher harmlos, bis ihn sich die Nationalsozialisten unter den Nagel rissen und ihn über die Konzentrationslager stellten. Genauso machten sie es mit dem Romantitel "Arbeit macht frei" des Autors Lorenz Diefenbach.


Tiere sind beliebte Protagonisten von Redensarten

Sprichworte und Redensarbeiten bekommen aber auch Witzbolde in die Finger und finden Vergnügen daran, sie zu verballhornen. Während das "zweigleisige Schwert" noch unbemerkt durchrutscht, sind die "Säulen, die nach Athen getragen werden", schon auffälliger. Im Original muss es natürlich Eulen heißen, was auf die Zahlungsmittel mit dem Symbol der Göttin Athene anspielt. Aber Sprichwörter-Experte Essig findet die veränderte Version inzwischen sogar besser. Sie bringe noch mehr Absurdität hinein.

Ameisen, Eulen, Hasen - in Redensarten stehen Tiere nicht selten im Rampenlicht. Auch in moderne Redensarten schleichen sie sich ein. "Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab", verrät Essig eines seiner derzeit favorisierten Sprichwörter. Der Satz setze sich gerade bei Sozialpädagogen, aber auch Managern immer mehr durch, da beiße die Maus keinen Faden ab, berichtet er.

Auch was hinter dieser Redensart steckt, wird der Ausstellungsbesucher erfahren: Es hat mit der Heiligen Gertraud zu tun, der Schutzheiligen gegen die Getreideschädlinge wie den Mäusen, an deren Gedenktag früher das Gesinde die Hausarbeit mit Nadel und Faden sein ließ und wieder aufs Feld hinaus ging.

Wer wissen will, was der Rote Faden ist, und was der Nürnberger meint, wenn er sagt: "Das kannst du dem auf der Fleischbrücke erzählen", der kann sich ab 19. Februar auf die Socken machen. Wir lassen aber schon an dieser Stelle die Katze aus dem Sack: Der rote Faden geht auf das Diebstahlssicherungssystem der englischen Marine für ihre Seile zurück. Und auf der Fleischbrücke thront ein Ochsenkopf aus Stein, der ein ziemlich uninteressierter Gesprächspartner ist. Die moderne Entsprechung hierzu ist der Satz: "Wo kommt der Bus", ebenfalls eine inzwischen unmissverständliche Variante von "Kau' mir nicht das Ohr ab". Aber dennoch - wer schreibt, der bleibt. Und immer will man das letzte Wort haben..


So können Sie die Ausstellung besuchen

Eröffnung Die Ausstellung "Mein Name ist Hase! - Redewendungen auf der Spur" öffnet am Donnerstag, 18. Februar, um 19 Uhr im Museum für Kommunikation in Nürnberg. Ein Grußwort spricht der Schirmherr der Ausstellung, der Kinderbuchautor Paul Maar.

Dauer Die Ausstellung in Nürnberg dauert bis zum 5. Juni.

Führungen Anmeldungen für Erwachsene unter 0911/ 1331238 oder erwachsene@kpz-nuernberg.de. Für Schulklassen unter 0911/ 1331241 schulen@kpz-nu ernberg.de