Man darf Wolfgang Urmetzer einen "Corona-Relativierer" nennen und auch einen "Verschwörungstheoretiker". Er hält diese Begriffe für "stigmatisierend", das schon. Aber sich von ihnen berühren und verstören lassen? Nein. Weil sie ihn ohnehin nur bestätigen in seinem Blick auf das Land und seine Menschen: "Deutschland ist eine durch die Corona-Pandemie gespaltene Gesellschaft."

Wolfgang Urmetzer und wie er auf seine Heimat schaut: Hier der Virologe Christian Drosten und alle, die an seinen Lippen hängen. Die, die alles glauben und nichts hinterfragen. Und dort die selbsterklärten Querdenker, die Zahlen in Zusammenhänge setzen und wissenschaftlich korrekt interpretieren. Die, die noch im ohrenbetäubenden Trommelfeuer einer Pandemie sich ihres eigenes Verstandes bedienen: "Es fängt damit an, dass nicht jeder positiv Getestete infiziert und krank und damit auch ansteckend ist. Das wissen viele gar nicht!"

In Opposition zur Mehrheit

68 Jahre alt, Facharzt für Anästhesie, Naturheilverfahren und Akupunktur. Zehn Jahre lang tätig im Münchner Klinikum rechts der Isar. Seit 1998 eine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in Nürnberg. In Netz beschreiben Patienten Wolfgang Urmetzer als "kompetenten" und "gewissenhaften" Arzt.

Jetzt hat ihn seine Gewissenhaftigkeit, so sieht das Urmetzer jedenfalls selbst, in Opposition gebracht zur Bundesregierung, zu vielen Ärztekollegen und Wissenschaftlern.

Veranschaulichen lässt sich Urmetzers Konflikt mit dem pandemischen Konsens am Beispiel der sogenannten Alltagsmasken: Ihre glühendsten Befürworter feiern die Masken als ein leuchtendes Symbol gesellschaftlicher Solidarität. Abgeklärtere Gemüter billigen sie als ein wirksames Mittel, um dem Virus ein Höchstmaß an gesellschaftlicher Normalität abzutrotzen.

Nachfrage ist enorm

Wolfgang Urmetzer dagegen urteilt kühl: Die Masken schaden mehr als sie nutzen. Masken verhindern virale Infektionen? "Dazu fehlt bisher jede Evidenz." Masken und Hygiene? "Haben Sie schon einmal gesehen, wie die Leute mit den Masken umgehen? Raus aus der Hosentasche, rein ins Gesicht und wieder zurück." Kann man Schülern zumuten, im Unterricht eine Maske zu tragen? Nein, könne man aus gesundheitlichen Gründen nicht. "Ich kann", sagt Wolfgang Urmetzer, "gar nicht anders, als bei entsprechenden Vorerkrankungen und Symptomen Atteste für die Befreiung zu schreiben." Ansonsten, sagt er, "würde ich meinen hippokratischen Eid brechen".

Die Nachfrage sei "enorm", nicht zu bewältigen eigentlich, etwa 30 Interessierte meldeten sich täglich in seiner Nürnberger Praxis. Zwischen 100 und 200 Atteste gegen die Maskenpflicht, schätzt Urmetzer, hat er bis zum heutigen Tage ausgestellt.

Er nehme sich für jeden Patienten Zeit, sagt Urmetzer, "mindestens 20 Minuten". Ein Attest ausschließlich dann, wenn "gesundheitliche oder medizinische Gründe" es erfordern: "Zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenproblemen, Angst- und Panikstörungen, bei Migräne, Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen."

Von weltanschaulich motivierten Gefälligkeitsgutachten eines Kollegen hat er gehört, er selbst will davon nichts wissen: "Ich bin doch nicht verrückt und setze meine berufliche Existenz aufs Spiel!"

In "unzähligen Stunden", sagt Urmetzer, habe er sich über die Pandemie schlau gemacht. Er sei es seinen Patienten schuldig. Er hat sich über Statistiken gebeugt und Zusammenhänge studiert, "an Feierabenden und an freien Wochenenden".

Erkrankte Patienten

In diesen Stunden wurde aus Wolfgang Urmetzer ein Zweifler und Kritiker. Die Brücke zum Coronaleugner dagegen überschritt er nicht. Er hat ja selbst Patienten, die am Virus erkrankten. Er kennt Kollegen, die es erwischte, "zum Teil auch heftig".

Covid-19, sagt Wolfgang Urmetzer, kann eine gefährliche, auch tödlich verlaufende Erkrankung sein: "Besonders für Ältere mit Vorerkrankungen und schlechtem Immunsystem." Für diese Gruppe, sagt Urmetzer, "ist aber auch die Influenza gefährlich".

Lutschpastillen gegen Corona

In dieser Auffassung liegt die Pointe von Urmetzers Verständnis der Pandemie. Lockdown, eingeschränkte Grundrechte und die Pflicht zum Maskentragen: Alles nicht gerechtfertigt in den Augen Urmetzers. Stattdessen lenkt er den Blick auf das, was er "alternative Schutzmaßnahmen" gegen Corona nennt: naturheilkundliche Produkte, die das Immunsystem stärken. "Nachweislich stärken", wie er sagt. Ans Herz legt er seinen Patienten außerdem bestimmte pflanzliche Lutschpastillen. Pastillen gegen Corona: Wirklich? Ja, sagt Urmetzer: "Sie sind in Mund und Rachen antibakteriell und antiviral wirksam, verringern die Virenlast und lindern Krankheitssymptome."

Ausgerechnet Drosten

Dass die Deutschen im Kampf gegen das Virus mehrheitlich den Masken vertrauen und nicht Pastillen zum Lutschen, weiß Urmetzer. Er erklärt es sich mit vorsätzlich geschürter "Angst", "Panikmache" und "Zensur".

Und dann ausgerechnet Prof. Dr. Christian Drosten: "Der hat schon bei der Schweingrippe das Land grundlos in Angst und Panik versetzt." Jetzt ziehe Drosten dasselbe Spiel ein zweites Mal durch: "Ich bin vom Glauben abgefallen, als ich überall nur Drosten gesehen habe."

Wer am regierungsamtlichen Kurs zweifle, so sieht das Wolfgang Urmetzer, bezahle dies mit Spott und Diffamierung. Er vermisst die Vielstimmigkeit, die Aufgeschlossenheit für einen alternativen Umgang mit der Pandemie. Für "gegenteilige Meinungen" fehle allerdings weniger das öffentliche Interesse als die für einen offenen Diskurs nötigen Plattform. Dagegen ließe sich der von Tatsachen gedeckte Einwand formulieren, dass sich die organisierten Corona-Kritiker mit Erfolgsbüchern wie "Fehlalarm Corona", Demonstrationen und Kanälen in den sozialen Medien längst ihre eigene Öffentlichkeit geschaffen haben. Urmetzer aber sagt: "Selbst auf Youtube findet ständig Zensur gegen nicht staatskonforme Meinungen statt." Mit konkreten Beispielen tut er sich schwer, "weil es diese Videos auf Youtube eben nicht mehr gibt".

Für Urmetzer offenbart sich die Pandemie deshalb nicht nur als Krise der öffentlichen Gesundheit, sondern auch als die von "Politik und Mainstream-Medien". Mit seinem Verständnis von Demokratie, sagt Wolfgang Urmetzer "hat das nicht mehr viel zu tun".

Befreiung von der Maskenpflicht: Diese Regeln gelten für Ärzte und Patienten

Wer ist in Bayern von der Maskenpflicht befreit?

Grundsätzlich müssen Kinder bis zu ihrem sechsten Geburtstag keine Maske tragen. Von der Pflicht befreit sind darüber hinaus Menschen, denen das Tragen aufgrund aus gesundheitlichen Gründen nicht zumutbar wäre. Welche Krankheitsbilder rechtfertigen eine Befreiung? Ein verbindlicher Katalog existiert nicht. Das bayerische Gesundheitsministerium billigt "unter Umständen" Asthmatikern oder an Demenz Erkrankten eine Befreiung zu. Frank Powitz, Vorsitzender des Berufsverband der Pneumologen in Bayern, hält eine Befreiung nur für Patienten "mit ausgeprägter und kontinuierlich vorhandener Luftnot" und "massiv eingeschränkter Lungenfunktion" für denkbar. Aus Sicht des Berufsverbands Deutscher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie rechtfertiget auch "Erfahrung eines Beinahe-Erstickens" eine Befreiung von der Maskenpflicht. Muss die Befreiung grundsätzlich mit einem Attest belegt werden? Die Haltung des bayerischen Gesundheitsministerium ist unscharf. Zwar müsse die Unzumutbarkeit "glaubhaft" gemacht werden. Wie? "Das kann durch eine (formlose) ärztliche Bestätigung erfolgen", teilt das Ministerium mit. Von "müssen" istkeine Rede. Macht sich strafbar, wer mit Berufung auf ein ungenügendes Attest keine Maske in der Öffentlichkeit trägt? Verstöße gegen die Maskenpflicht können mit einem Bußgeld von 250 Euro geahndet werden. Darüber kann laut Gesundheitsministerium "auch der Gebrauch eines unrichtigen Gesundheitszeugnisses eine Straftat sein".

Macht sich strafbar, wer auf falscher medizinischer Grundlage ein Attest ausstellt?

"Wer ohne die notwendige Sorgfalt oder gar nur aus Gefälligkeit ein Attest ausstellt, verstößt nicht nur gegen die Berufsordnung, sondern macht sich unter Umständen auch strafbar", sagt Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK). Allerdings betont Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU): "Wir haben keine Anhaltspunkte, dass es sich um ein Massenphänomen handelt." Wie viele Atteste sind in Bayern ausgestellt worden? "Von staatlicher Seite werden dazu keine Informationen gesammelt", sagt Huml. Wer sich in der Öffentlichkeit umschaue, "der sieht, dass die allermeisten Menschen mit Masken unterwegs sind".