Der junge Afghane, bei dessen Abschiebeversuch es am Mittwoch in Nürnberg Tumulte gegeben hatte, hat nach offiziellen Angaben die bayerischen Ausländerbehörden jahrelang systematisch getäuscht.

Der Anfang 2012 in Deutschland illegal Eingereiste sei nach Ablehnung seines Asylantrags acht Mal aufgefordert worden, sich für die Rückführung in sein Heimatland einen afghanischen Pass zu beschaffen. Das habe er jedes Mal abgelehnt, berichtete der mittelfränkische Regierungspräsident, Thomas Bauer (CSU), am Donnerstag.
Als der heute 20-Jährige schließlich im März eine Aufenthaltserlaubnis beantragt habe, habe er zur Überraschung der Zentralen Ausländerbehörde plötzlich einen bereits 2007 ausgestellten afghanischen Pass vorgelegt. Damit sei klar geworden, dass er die Behörden in der Passfrage seit Jahren getäuscht habe.

"In dem Sinne ist das eine Straftat", unterstrich Bauer. Bei dem Versuch, den 20-Jährigen abzuschieben, war es am Mittwoch vor einer Nürnberger Berufsschule zu Tumulten mit der Polizei gekommen.


Drohte Afghane mit Gewalt?

Beim Einsatz am Mittwoch setzte die Polizei Pfefferspray, Hunde und Schlagstöcke ein. Neun Beamte wurden verletzt, fünf Menschen festgenommen. Das harte Eingreifen der Polizei sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Nach Einschätzung von Jörg Weißgerber, Projekt-Koordinator beim Berliner Peco-Institut, der während des Vorfalls an der Schule war, trifft die Polizei eine Mitschuld. Es sei von den Beamten nicht versucht worden, die Situation zu entschärfen.

Bei dem Gerangel fielen auch jene Worte, die dem Afghanen möglicherweise noch zum Verhängnis werden könnten. Als Polizisten ihn von einem von Demonstranten umstellten Streifenwagen in ein in der Nähe stehendes Polizeifahrzeug bringen wollten, habe er wütend gerufen: "Ich bin in einem Monat wieder da. Und dann bringe ich Deutsche um". Dies werde von mehreren Polizisten bezeugt, sagte der Nürnberger Polizeidirektor Hermann Guth.

Entsetzt zeigte sich darüber Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Wer sich so äußere, dürfe keine Perspektive in Deutschland haben und habe jegliche Aussicht auf Duldung selbst verspielt.


Abschiebung weiter möglich

Asef N. muss die vergangenen Stunden erst noch verdauen. Vor dem Amtsgericht zündet er sich eine Zigarette an. Er sei nach allem, was geschehen sei, noch zu aufgeregt, um selbst etwas zu sagen, bittet sein Anwalt um Verständnis. Außerdem: Das Damoklesschwert der Abschiebung schwebt weiterhin über ihm, wie Regierungspräsident Thomas Bauer am Donnerstag deutlich machte. N. müsse damit rechnen, beim nächsten Abschiebeflug dabei zu sein.

Der junge Flüchtling, der Anfang 2012 nach Deutschland kam, sei gut integriert gewesen, berichtet Dagmar Gerhard von der Nürnberger Flüchtlingsinitiative "Mimikri". Er mag Fußball, schwärmt für FC-Barcelona Superstar Lionel Messi. "Er ist ein netter Typ, kein Macker, total sympathisch", beschreibt ihn ein Mitschüler.

Der Wunsch des 20-Jährigen, Schreiner zu werden, war spätestens seit März geplatzt: Zu diesem Zeitpunkt hatte die Ausländerbehörde N. die Arbeitserlaubnis entzogen. Dabei hatte er nach "Mimikri"-Angaben bereits drei Angebote von Ausbildungsbetrieben - an diesem Freitag sollte er eine Art Aufnahmeprüfung bei einem Ausbildungsbetrieb absolvieren. "Trotz der Ereignisse will er die Prüfung auch machen", sagt sein Anwalt.

Was die Täuschungsvorwürfe in dem Fall angeht, so sieht das die Flüchtlingshilfsorganisation "Mimikri" naturgemäß anders. Man habe ihm dabei geholfen, die für eine Aufenthaltsgenehmigung notwendigen Ausweisdokumente zu beschaffen. Das könnte letztlich nach Meinung des Vereins sogar der Grund für die Abschiebung gewesen sein. Denn: Nur Flüchtlinge, deren Identität geklärt ist, können abgeschoben werden.

Makaber findet Anwalt Michael Brenner die Umstände, die letztlich dazu geführt haben, dass Asef N. nicht am Abend in einem Flugzeug Richtung Afghanistan saß. Wegen des Anschlags auf die deutsche Botschaft in Kabul war der Flug kurzfristig abgesagt worden. "Nur dadurch konnte mein Mandant noch einem Ermittlungsrichter vorgeführt werden, sonst wäre er weg gewesen."