Wegen der rasant steigenden Infektionszahlen sind die Intensivstationen in Bayern massiv überlastet. "Wir sind sicherlich nicht in einer Triage-Situation, dass wir uns entscheiden müssten, wen wir noch behandeln und wen nicht. Aber wir sind tatsächlich in einer massiven Überlastungssituation", sagte der Nürnberger Intensivmediziner Stefan John, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin.

Es müssten aber viele Patientinnen und Patienten verlegt werden und könnten mitunter nicht so schnell behandelt werden wie sonst üblich. Notärzte müssten oft lange telefonieren und weite Strecken fahren, um einen Platz auf einer Intensivstation zu finden. Bei einem Herzinfarkt zum Beispiel könne jedoch jede Zeitverzögerung Leben kosten.

Bayerns Intensivstationen überlastet: Suche nach freien Betten dauert immer länger

Bayern ist derzeit das Bundesland mit den meisten Corona-Patienten, wie aus dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hervorgeht. Am Freitag (12. November 2021) befinden sich 684 Erwachsene mit Covid-Erkrankung auf den Intensivstationen (Stand: 06.15 Uhr). Insgesamt liegt die Zahl der Intensivpatienten bei 2.817. Dieser Wert ist zwar beispielsweise in Nordrhein-Westfalen wesentlich höher, allerdings gibt es im Freistaat durchschnittlich weniger freie Betten. Pro Standort sind derzeit im Schnitt 1,5 Intensivbetten frei - der niedrigste Wert in ganz Deutschland. Die Zahl der Corona-Infizierten steigt indes weiter: Das Robert-Koch-Institut meldet am Freitag eine Inzidenz von 454,9 für Bayern. Von den zehn Landkreisen mit den höchsten Inzidenzwerten liegen neun im Freistaat. Drei bayerische Landkreise haben inzwischen einen Wert von mehr als 1.000.

Laut John sei die Stimmung auf den Intensivstationen "wirklich schlecht", vor allem beim Pflegepersonal. "Es sind natürlich auch die, die am Bett stehen, die immer wieder im Vollschutz schwitzend stundenlang den Patienten betreuen müssen", sagte der Intensivmediziner im Gespräch mit der dpa. "Wenn dann ungeimpfte Patienten kommen, ist der Unmut oft groß, weil es eben vermeidbar gewesen wäre."

Die Divi warnt auch im Rest von Deutschland vor einer Überlastung der Intensivstationen durch Covid-19-Patienten. "Wenn sich diese Dynamik fortsetzt, können wir sehr bald nur noch Notfall- und Covid-Patienten behandeln. Das müssen wir dringend verhindern", sagte Divi-Präsident Gernot Marx dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Divi warnt: "Wir brauchen Verbesserungen"

Er fordert sofort deutliche Verbesserungen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf den Intensivstationen. "Die Teams, allen voran die Pflegekräfte, brauchen endlich ernsthafte Unterstützung", sagte Marx. "Zum Beispiel: Nacht- und Wochenendarbeit sind ab sofort steuerfrei. Wir brauchen Verbesserungen, die jetzt und sofort spürbar sind."

Eine Impfpflicht sieht Marx dennoch kritisch. "Als Divi sind wir dagegen, denn wir müssen die Menschen überzeugen, nicht verpflichten", sagte er mit Blick auf Forderungen nach einer Impfpflicht für das Gesundheitswesen. "Sonst ziehen sich die Zweifler noch weiter zurück aus der Gesellschaft. Große Kampagnen wären jetzt wünschenswert."