Das "dezente Kugelschreiber-Design" des Ladymodells täuscht gewaltig. Wer es mit dem Pfeffer-Sprühstift "SDG-Defense" zu tun bekommt, der hat ein Problem. Gezielt eingesetzt, reicht ein Sprühstrahl aus, um jeden Angreifer sekundenschnell außer Gefecht zu setzen: Die Augenschleimhäute fangen an zu brennen, es folgt ein Tränenausbruch, schließlich werden die Atmung und andere Reflexe blockiert, versprechen die Hersteller der offiziell als "Tierabwehr"-Sprays deklarierten Sprühdose. Die Polizei ist dagegen skeptisch; solche Sprays vermittelten nur ein Gefühl der scheinbaren Sicherheit.

Dennoch: Ob Pfefferspray, ohrenbetäubende Mobilsirenen oder Elektroschocker - die Hersteller und Händler machen spätestens seit den Kölner Silvesterübergriffen gute Geschäfte mit Selbstschutzprodukten, und hoffen auf der am Freitag eröffneten Nürnberger Jagd- und Sportwaffenmesse IWA Outdoor Classics auf weiter steigende Umsätze. Bei der Firma F.W. Klever ("Ballistol") im niederbayerischen Aham etwa blickt man noch immer mit gemischten Gefühlen auf das Geschäftsjahr 2016 zurück. "Zur absoluten Hochzeit Anfang und Mitte 2016 hätten wir rund um die Uhr produzieren können", berichtet Firmensprecher Jürgen Eichbauer. Das Problem aber waren die Zulieferer, etwa von Kappen, Dosen, Sprühköpfen. "Diese waren längst am Limit ihrer Kapazitäten angekommen."

Das Unternehmen hatte noch vor sechs Jahren rund 600.000 Dosen Verteidigungsspray hergestellt. Schon 2015 waren es dann eine Million. Und allein im ersten Quartal 2016 hatte das Unternehmen bereits Bestellungen von 1,5 Millionen.


"Explodierender Markt"

Von einem "explodierenden Markt" im Vorjahr berichtet auch der Hersteller von Pfefferspray, CS-Reizgas und Elektroschockern, die Firma KKS-Produkte, im baden-württembergischen Malsch. "Extrem hoch" sei die Nachfrage 2016 bis kurz vor Fasching gewesen, erinnert sich Firmensprecherin Manuela Behrendt. Man musste zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Wer sich etwa als Frau vor Angreifern schützen will, braucht dazu nicht mal mehr in einen Waffenladen zu gehen. Die Drogeriekette dm hat seit Juni 2016 Pfefferspray im Sortiment. Wie alle diese Produkte, die den Wirkstoff Capsaicin der Chili-Schote enthalten, werden sie auch bei dm als "Tierabwehrsprays" angeboten; diese fallen in Deutschland nicht unter das Waffengesetz, in anderen Ländern schon.


Trügerische Sicherheit

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht derweil die Entwicklung skeptisch. Das von manchen Pfefferspray-Anbietern suggerierte Gefühl der "Sicherheit zum kleinen Preis" sei trügerisch, warnte ein GdP-Sprecher. Es sei die Frage, ob hinterrücks Überfallene es überhaupt schafften, ausreichend schnell in ihre Tasche zu greifen und das Pfefferspray zielgerichtet zu versprühen. Außerdem: Pfefferspray-Nutzer brächten sich unter Umständen selbst in Gefahr, wenn ihnen der Täter das Spray entreiße und es dann auf sie richte. Eine Pfefferspray-Attacke könne auch dazu führen, dass Täter brutale Gewalt anwendeten, die sie zunächst gar nicht geplant hätten.