• Untersuchung zu fränkischem Missbrauchspfarrer veröffentlicht
  • Bischof Hanke unter Druck - trotz "verbrecherischer Vergangenheit" nicht reagiert
  • "War ein großer Fehler": Priester wurde in Schwabacher Altenheim übergriffig - keine Warnung aus Bistum
  • Taten "aktiv vertuscht": Bistum half bei Flucht nach Afrika - Generalvikar wurde vor Ermittlungen gewarnt

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission (UAK Eichstätt) hat am Donnerstag (24. November 2022) ihren Zwischenbericht zu dem fränkischen Missbrauchspriester veröffentlicht, der vor der Polizei nach Afrika geflohen war - und nach der Verjährung in einem Schwabacher Seniorenheim wieder übergriffig wurde. Dieser zeigt schockierende Details der Vertuschung durch die Kirche. Gleichzeitig musste der aktuelle Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke schwere Versäumnisse einräumen. 

Geschlechtsverkehr mit 12-jährigem Mädchen - fränkischer Pfarrer schon vor Weihe "auffällig"

Den Stein des Anstoßes hatte der Fidei-Donum-Bericht vom August 2022 gegeben, in dem Missbrauchsfälle durch im Ausland eingesetzte Priester untersucht worden waren. Hier war auch ein Absatz zu dem Priester aus Mittelfranken enthalten. Der Bericht scheine aber "tatsächlich nur an der Oberfläche zu kratzen", so die UAK. Die Akten des Bistums Eichstätt zeichneten ein "viel weitreichenderes Szenario" nach. Der Priester soll etwa laut einem damaligen Haftbefehl zwischen 1966 und 1969 fünf Mädchen und Frauen im Alter von neun bis 17 Jahren missbraucht haben. 

Mit einer 12-Jährigen, so die Polizei, soll der Geistliche 1966 Geschlechtsverkehr gehabt haben. Die weiteren Vergehen, welche dem Haftbefehl zufolge alle Opfer betrafen: "Das Betasten der Scham und Küssen der Brüste der Kinder und Jugendlichen und das Zwingen zur manuellen sexuellen Befriedigung." In anderen Schriftstücken habe man jedoch noch "Aussagen und Andeutungen von Vorgesetzten zu weiteren Missbrauchsfällen" gefunden. Daraus schließt die UAK, dass es zur damaligen Zeit insgesamt zehn Missbrauchsopfer gegeben habe. 

"Bereits während seiner Studiums- und Seminarzeit zeichneten sich Auffälligkeiten im Verhalten" des Pfarrers ab, heißt es im Bericht. Trotzdem wurde er 1956 zum Priester geweiht. "Gebe Gott, daß dieser Wille auch immer stark genug ist", hieß es im Personalakt - gemeint sei damit die Kraft des Geistlichen, "sich zurückzuhalten", gewesen. Eine "ganze Reihe von Dokumenten" zeige, dass sexuelle Übergriffe "spätestens seit 1967 innerhalb der Führungskräfte des Bistums Eichstätt bekannt gewesen sein mussten", so die UAK. Hier war der Pfarrer im Treuchtlinger Gemeindeteil Gundelsheim und in Wittesheim, wenige Kilometer entfernt, tätig. 

Missbrauchspfarrer wird in Kloster im Kreis Kitzingen geschickt - dann kommt der Haftbefehl

Als Reaktion schickte das Bistum den Täter demnach zunächst zu einem "Kur-Aufenthalt" im Allgäu. Doch nach der Rückkehr in seine Pfarreien habe er weiter missbraucht. Nachdem im Januar 1969 parallel polizeiliche Ermittlungen gegen den fränkischen Pfarrer aufgenommen wurden, sollte dieser ins Kloster Münsterschwarzach (Landkreis Kitzingen) - wo auch der Wallenfelser Pfarrer Dieter S. wenige Jahre zuvor "wieder zur Besinnung" kommen sollte. Einen Monat vor dem Erlass des öffentlichen Haftbefehls wurde der Eichstätter Generalvikar Pfeiffer laut Akten durch "einen Vertrauten" insgeheim vor den Ermittlungen gegen den Priester gewarnt. Dieser befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Münsterschwarzach.

Von 1969 bis 1973 hielt sich der Missbrauchspfarrer dann trotz internationalem Haftbefehl in Tansania auf. Aus den Akten geht hervor, dass der Geistliche bereits ab dem ersten Jahr durchgehend Geld von der Kirche erhielt - zunächst wohl über eine Vollmacht seiner Schwester auf ein Postscheck-Konto, später über Spenden, etwa aus und nach Münsterschwarzach. Ab 1974 habe sich der Pfarrer dann in Brasilien aufgehalten, wo er in der Gemeinde Itumbiara tätig gewesen sei - hier und in Afrika seien bisher keine Missbrauchsfälle bekannt, heißt es. 1984 kehrte er demnach zurück nach Deutschland und wurde wieder im Bistum München-Freising eingesetzt.

Gefängnis hatte er nicht mehr zu befürchten - denn 1976 waren die Taten nach damaligem Recht bereits verjährt. Doch dort sei er "mit den dortigen Verhältnissen" nicht zurechtgekommen, weshalb man dem Mann, der laut Generalvikar "einen leidvollen Weg gehen musste", den Versetzungswunsch erfüllte. So landete der Missbrauchspfarrer dann in der Gemeinde Roßtal im Kreis Fürth, wo er laut Akten "Jungen im Sexualkundeunterricht explizite, nicht altersgemäße Fragen gestellt und diese nach eigenem Geschlechtsverkehr befragt" habe. "Zur freundlichen Kenntnisnahme" habe ihm die Kirche daraufhin die Richtlinien für Familien- und Sexualerziehung in den bayerischen Schulen zugeschickt. 2003 habe der Markt Roßtal ihm die Bürgermedaille verliehen. 

Eichstätter Bischof wusste von Missbrauch - doch Geistlicher durfte in Schwabacher Seniorenheim bleiben

2005 wurde der Pfarrer in den Ruhestand versetzt. Doch im Anschluss war er weiter für das Bistum Eichstätt tätig, nämlich im Seniorenheim St. Willibald in Schwabach, das vom Caritasverband für die Diözese Eichstätt e.V. betrieben wird. Hier hat er laut Caritas 2011 und 2012 sexuelle Übergriffe gegenüber Mitarbeiterinnen und Seniorinnen begangen. Wie das Bistum nun in einer Mitteilung einräumte, wusste der heutige Bischof Georg Maria Hanke zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es in der Vergangenheit sexuellen Missbrauch durch den Priester gegeben hatte. 

2010 habe er dazu "erste Gespräche" geführt, wird Hanke zitiert. Doch personalrechtliche Konsequenzen zog er nicht - so konnte der Geistliche weiter ungehindert in Schwabach praktizieren. Er müsse "selbstkritisch anmerken", dass er damals "sofort hätte reagieren müssen", zitiert ihn das Bistum. Hanke habe sich "nicht vorstellen können", dass "von einem Täter auch in hohem Alter in einem Seniorenheim noch Gefahr ausgehen kann". Der "Umfang des Grauens war mir nicht bekannt. Das war ein großer Fehler, aus dem ich schmerzhaft gelernt habe", so Hanke weiter.

Und so wurden die neuen Missbrauchsfälle im Schwabacher Seniorenheim wohl hauptsächlich intern "behandelt". Die "damalige Verbands- und Einrichtungsleitung" habe Maßnahmen eingeleitet, "damit der Hausgeistliche nicht mehr alleine Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohner hatte", so die Caritas in einer Mitteilung. Gleichzeitig habe man auf einen Auszug aus seiner Dienstwohnung im Nebengebäude "hingewirkt". Von 2012 bis 2014 gab er dann Aushilfsgottesdienste in Heroldsbach (Landkreis Forchheim), laut Erzbistum Bamberg allerdings ohne Seelsorgeauftrag, hieß es aus Bamberg. 

Druck auf Bischof Hanke wächst - Erzbistum Bamberg "nicht über verbrecherische Vergangenheit informiert"

Von 2014 lebte der Missbrauchspfarrer schließlich in Bamberg, 2016 verstarb er im Alter von 86 Jahren. Nach einer internen "gesonderten Aufarbeitung" könne man mitteilen, dass das Bistum Eichstätt dem Erzbistum Bamberg nicht mitteilte, dass der Priester in dessen Verantwortungsbereich gezogen war - auch zu den Missbrauchsfällen sei das Bistum weder von Hanke noch von anderen Verantwortlichen informiert worden. "Dass das Bistum Eichstätt nicht über die verbrecherische Vergangenheit des Priesters informiert hat, zeigt eine Schwachstelle in unserem System, die wir umgehend beheben müssen", wird der Eichstätter Generalvikar Michael Alberter zitiert. 

"Die kirchenrechtlichen Vorgaben wurden bei der Führung der Personalakten nicht hinreichend umgesetzt", so Alberter weiter. Nun habe man veranlasst, dass "Personalakten nochmals gesichtet und entsprechend den Vorgaben geordnet werden müssen". Außerdem kündigt Alberter eine Beschleunigung der "geplanten Neuorganisation der Personalverwaltung" an. Konsequenzen für das eigene Amt kündigt der Eichstätter Bischof in der Mitteilung nicht an. Doch dass die Suche nach weiteren Betroffenen erst 12 Jahre nach dem Zeitpunkt begonnen hat, als Hanke nach eigenem Bekunden von Taten des Pfarrers erfuhr, dürfte den Druck auf ihn stark erhöhen.

Wie die Aufarbeitungskommission berichtet, habe es etwa 2014 ein Gespräch zwischen dem Priester und einer "Unabhängigen Ansprechperson" zu "Anerkennungsleistungen" für eines seiner Opfer gegeben. Auch 2018, als die Personalakten für die MHG-Studie gesichtet wurden, gingen Hanke und das Bistum nicht an die Öffentlichkeit. Das "Verhalten der Verantwortlichen der älteren sowie jüngeren Vergangenheit" soll jetzt von der UAK in einem Rechtsgutachten behandelt werden. Auch die Rolle des Klosters Münsterschwarzach bei der Vertuschung soll tiefer untersucht werden. 

Zum Thema: Jugendlichen jahrelang sexuell missbraucht - fränkischer Pfarrer erhält Predigt-Verbot