• Prozess um "Drachenlord": Nun stehen seine Gegner im Fokus
  • Mehrere Verfahren gegen Schaulustige in Neustadt a.d. Aisch verhandelt
  • YouTuber war zuvor zu Bewährungsstrafe verurteilt worden
  • Mobbing und viele Vorwürfe: 32-Jähriger liefert sich seit Jahren Streit mit Hatern

Der Streit zwischen dem YouTuber "Drachenlord" und seinen Gegnern hat erneut die Justiz beschäftigt. Das Amtsgericht im mittelfränkischen Neustadt an der Aisch verhandelte im Mai in zehn Verfahren gegen mehrere Schaulustige wegen Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten vor dem ehemaligen Haus des Videobloggers in Altschauerberg.

Update vom 02.06.2022: Mehrere Gegner von YouTuber Drachenlord vor Gericht

Bei den neuen Verfahren sei es hauptsächlich um Körperverletzungen gegen den "Drachenlord" gegangen, teilte ein Gerichtssprecher am Donnerstag mit. "Da jedes Verfahren individuell behandelt werden muss, war der Ausgang auch sehr unterschiedlich."

In einem Fall sei eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung ausgesprochen worden. Außerdem habe es Verurteilungen zu Geldstrafen gegeben. Ein Verfahren sei gegen eine Geldauflage eingestellt worden, weil der Angeklagte ebenfalls verletzt worden sei. Die Verfahren sind nach Angaben des Gerichts teilweise noch nicht rechtskräftig abgeschlossen.

Der "Drachenlord" streitet sich seit Jahren mit seinen Gegnern, den sogenannten Hatern, im Internet. Immer wieder tauchten diese in der Vergangenheit vor seinem Haus im Dorf Altschauerberg auf, um ihn zu provozieren. Die Polizei musste über Jahre meist mehrmals täglich wegen Ruhestörung, Sachbeschädigung, Körperverletzung und anderer Anzeigen ausrücken. Das Haus hat der YouTuber inzwischen verkauft und ist weggezogen.

Doch auch der "Drachenlord" wurde nach gegenseitigen Beschimpfungen gewalttätig und musste sich wegen mehrerer Fälle vor Gericht verantworten. In der Berufungsverhandlung verurteilte ihn das Landgericht in Nürnberg im März zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig, nachdem die Staatsanwaltschaft die Revision gegen das Urteil zurückgenommen hat.

Ursprüngliche Meldung vom 25.03.2022: Revision im Drachenlord-Prozess eingelegt

Der Rechtsstreit um den umstrittenen YouTuber "Drachenlord" geht in die nächste Runde: Gegen ein Urteil in zweiter Instanz vom vergangenen Mittwoch (23. März 2022) hat die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt, wie die Anklagebehörde am Freitag (25. März 2022) mitteilte. Nun muss einer der beiden in Nürnberg angesiedelten Senate des Bayerischen Obersten Landesgerichtes entscheiden. Das Landgericht in Nürnberg hatte den 32-Jährigen am Mittwoch zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr wegen gefährlicher Körperverletzung und anderer Straftaten verurteilt. Außerdem muss er eine Geldauflage von 2500 Euro zahlen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten gefordert. Das Amtsgericht Neustadt an der Aisch hatte in erster Instanz im vergangenen Oktober zwei Jahre Haft ohne Bewährung verhängt.

"Drachenlord" vor Gericht: Staatsanwaltschaft geht in Revision

Der "Drachenlord" streitet sich seit Jahren mit seinen Gegnern im Internet und in der realen Welt. In mehreren Fällen wurde er nach gegenseitigen Beschimpfungen handgreiflich. Vor Gericht gab er unter anderem zu, einen Mann vor seinem Haus mit einer Taschenlampe attackiert und einen anderen in den Schwitzkasten genommen und auf den Kopf geschlagen zu haben.

Tausende Menschen folgen dem "Drachenlord" im Internet - viele davon, weil sie ihn verachten und sich lustig über ihn machen. Seit Jahren überschütten sie den YouTuber mit Hass-Kommentaren und mobben ihn. Aber auch dieser befeuert den Streit, indem er immer wieder auf die sogenannten Hater eingeht.

Wie konnten die Streitereien so eskalieren?

Doch wie konnte der Streit so eskalieren? Begonnen hatte alles 2014, als der Blogger seine Adresse in einem seiner Videos nannte und seine sogenannten Hater aufforderte, zu ihm zu kommen. Und das taten diese auch. Sein Wohnort kam seitdem nicht mehr zur Ruhe. Nahezu täglich machten sich Schaulustige zu "Mobbing-Wallfahrten" - wie es der Kölner Internetanwalt Christian Solmecke nennt - in das mittelfränkische Dorf Altschauerberg auf. Immer wieder musste die Polizei wegen Ruhestörung, Hausfriedensbruchs und anderer Anzeigen ausrücken.

"Es handelt sich hier um eine neue Form der Gruppendynamik, die sich im Laufe der Zeit verselbstständigte", erklärt Solmecke. Ihm sei weltweit kein weiterer Fall bekannt, der über so viele Jahre eine solche Dimension angenommen habe.

"Der Fall ist so herausragend, weil er kein Ende nimmt", meint auch Medienwissenschaftler Christian Gürtler von der Universität in Erlangen. Der Youtuber steuere selbst viel dazu bei. "Er geht immer auf die Hater und ihre Kommentare ein, wohingegen sich die Hater auch bemühen, ihn immer wieder zu provozieren."

"Opfer und Täter zugleich": Hass und Mobbing gegen YouTuber

Die Aussagen der Opfer vor Gericht, die sich zum Teil in anderen Verfahren selbst wegen Vergehen verantworten müssen, zeigten das deutlich. Viele fuhren betrunken nach Altschauerberg und lockten den "Drachenlord" mit lauten Beschimpfungen oder durch Randale an seinem Zaun aus dem Haus. In einem im Prozess gezeigten Video ist zu hören, wie sie dadurch planen, "ihn in den Knast zu bringen." Der Blogger ist zu dem Zeitpunkt schon wegen Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Die Richterin bezeichnete ihn bei der Urteilsbegründung deshalb als Täter und Opfer zugleich. "Dieses Verfahren ist ein trauriges Beispiel dafür, welche Folgen Hass und Mobbing im Internet haben", sagte sie.

Der Blogger Sascha Lobo bezeichnete das Urteil damals als "empörend". Der "Drachenlord" sei "ein Opfer, das unsagbar gequält wurde und dem nichts blieb, als sich zu wehren", schrieb er in seiner Online-Kolumne beim "Spiegel". Der Fall zeige: "Wenn ein Tausende Köpfe starker Hassmob im Netz beschließt, eine Person fertig zu machen - kann die Bundesrepublik dem nichts entgegensetzen. Schlimmer noch - der Hassmob ist durch die Unwissenheit und den Zynismus von Staatsorganen und der medialen wie sozialmedialen Öffentlichkeit in der Lage, den Staat zum Komplizen zu machen."

Haus des Drachenlords abgerissen

Sein Haus hat der 32-Jährige inzwischen an die Gemeinde verkauft und ist weggezogen. Doch auch danach tauchten immer wieder Hater dort auf, um Fotos zu machen oder Innenansichten zu filmen, wie auf einem Telegram-Kanal zu sehen ist. Die Gemeinde ließ das Haus nun abreißen. Zumindest in Altschauerberg könnte damit Ruhe einkehren.

Um den "Drachenlord" ist es dagegen alles andere als still geworden. Er reist jetzt mit seinem Auto umher und postet davon Videos - und auch jetzt beobachten ihn die Hater, teilen auf Telegram Fotos von seinem Auto und versuchen, seinen Aufenthaltsort herauszufinden.

"Es gleicht einer Verfolgungsjagd", meint Gürtler. Ein Ende ist seiner Ansicht nach nicht in Sicht. "Es wird nicht aufhören, bis er aufhört zu streamen", sagt der Experte. Ähnlich sieht es Solmecke: Man dürfe nicht vergessen, dass er als Youtuber mit Aufmerksamkeit sein Geld verdiene, sagt er. Die Provokation sei auch Teil seines Geschäfts.