Mit 20 war Maria H. zum zweiten Mal schwanger. Da hatte sie gerade eine Ausbildung begonnen und wohnte mit ihrem Kind bei ihrer Mutter. Das Baby hätte sie aus ihrer mühsam erkämpften Normalität katapultiert. Sie konnte es nicht behalten. Aber sie wollte es zur Welt bringen. So wie Hanna W.: Ende 20, erfolgreich im Beruf. Ein Kind wollte sie nie. Als sie trotz Verhütung schwanger wurde und es erst im siebten Monat erfuhr, musste alles schnell gehen. Maria H. und Hanna W. versteckten ihren Bauch und entschieden sich für eine vertrauliche Geburt.

Mirjam Dauscher erinnert sich lebhaft an ihr erstes Gespräch mit Hanna W. "Sie war fassungslos über ihre unerwartete Schwangerschaft", sagt die Geschäftsführerin der Nürnberger Beratungsstelle von Pro Familia. "Und dann ist sie wütend zu mir gekommen", ergänzt Heidi Winter-Schwarz, Leiterin der Schwangerenberatung im Caritasverband Nürnberg.
Die beiden Fachfrauen sitzen in Dauschers Büro und tauschen ihre Erfahrungen über das erste Jahr mit einem neuen Gesetz aus: Am 1. Mai 2014 trat es "Zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt" in Kraft.

Ausgesetzt oder getötet

In Deutschland werden jährlich 20 bis 35 Kinder direkt nach der Geburt ausgesetzt oder getötet, hinzu kommt eine Dunkelziffer. Das ergab die Studie "Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland", die 2012 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums durchgeführt wurde. Das neue Gesetz ist die Konsequenz dieser traurigen Wirklichkeit. Es soll Frauen helfen, die ihre Schwangerschaft verdrängen oder verstecken, es soll heimliche Geburten außerhalb von medizinischen Einrichtungen verhindern sowie Fälle von Gewalt an Neugeborenen.
"Frauen, die anonym bleiben wollen, werden jetzt vom regulären Hilfesystem besser erreicht. Das ist ein zusätzlicher Baustein für einen wirksamen Lebensschutz", sagt Bayerns Familienministerin Emilia Müller. Ihr Ministerium finanziert die Fortbildung der Beratungsfachkräfte in den Schwangerschaftsberatungsstellen. Drei Jahre lang werden jetzt Nutzen und Auswirkungen des neuen Gesetzes begleitet und anschließend überprüft.

Aus Angst geschwiegen

2014 brachten 58 Frauen in Deutschland ihre Kinder vertraulich zur Welt. Die Betroffenen geben ihre Identität nur einmalig gegenüber der Beraterin preis, die zur Geheimhaltung verpflichtet ist. Zur Einführung des Gesetzes wurden pro Bundesland zwei Fachkräfte für die Beratung zur vertraulichen Geburt geschult. Eine von zweien in Bayern war Heidi Winter-Schwarz. Vier Frauen hat sie 2014 in Nürnberg im Kontext "vertrauliche Geburt" begleitet, darunter Maria H. und Hanna W.. "Frau H. hatte furchtbar Angst", sagt Winter-Schwarz. "Niemand durfte von ihrem Baby erfahren. Aber sie hat sich bewusst für die Schwangerschaft entschieden." Nach der Geburt hat Winter-Schwarz ihre Klientin in der Klinik besucht. "Sie hatte das Kind schon freigegeben. Sie saß gefasst da, hat mir die Vornamen für das Baby und ein paar Infos für die Adoptiveltern gesagt."

33. Woche: plötzlich schwanger

Noch schwieriger war der Fall von Hanna W., die nach der Mitteilung ihrer bestehenden Schwangerschaft in der 33. Woche aus allen Wolken fiel. "Weder die Frau noch der regelmäßig besuchte Arzt haben etwas bemerkt", sagen Dauscher und Winter-Schwarz. "Aber das kommt immer mal wieder vor." Nach der Beratung entschied sich die werdende Mutter innerhalb einer Woche für eine vertrauliche Geburt. "Alles musste so schnell gehen. Da sind auch wir an unsere Grenzen gestoßen." Allein die Organisation, bei der die Beraterinnen mithalfen: Weil der Arbeitgeber nichts von der Schwangerschaft wissen sollte, ließ sich die junge Frau krankschreiben, für die Entbindung und die Zeit danach nahm sie Urlaub.

Klinken sind vorbereitet

Für die Kliniken ist eine vertrauliche Geburt generell kein Problem. Sie können die medizinische Betreuung normal abrechnen, sofern ein Herkunftsnachweis vorliegt. "Ob früher die anonymen oder jetzt die vertraulichen Entbindungen, bei uns waren es mal vier, mal sechs, immer aber unter zehn solcher Geburten pro Jahr", sagt Peter Petrich, Sprecher des Nürnberger Klinikums. Er bedauert es, dass immer wieder Frauen ohne Beratung zur Entbindung auftauchen - damit versagen sie sich die vorausgehende psychosoziale und medizinische Betreuung. Beides bekommen die Betroffenen aber auch dann, wenn sie überraschend an der Anmeldung stehen. Die Klinik informiert eine Beratungsstelle und das Jugendamt. "Die Anonymität der Frau bleibt in jedem Fall gewährleistet", sagt Petrich.

Manchmal droht Lebensgefahr

Dauscher und Winter-Schwarz sind froh über das neue Gesetz. "Die Frauen haben eine Entscheidungsmöglichkeit und sind rechtlich abgesichert." Das ändert nichts daran, dass den Beraterinnen die Fälle der heimlichen Schwangeren an die Nieren gehen. "Diese Frauen sind in einer ausweglosen Situation", sagt Dauscher.
Dass sie ihre Kinder nicht behalten wollen, habe unterschiedlichste Gründe. Wenn religiöse oder kulturelle Hintergründe im Spiel sind, könne eine ungewollte Schwangerschaft für die Frau sogar Lebensgefahr bedeuten.

Und trotzdem: "Es ist erstaunlich, wie gefasst die Frauen sind", sagt Dauscher. "Es fasziniert mich, wie sie diese schwere Situation bewältigen." Und wie sie es schaffen, ihren Bauch zu verstecken. Das geht: mit entsprechender Kleidung und psychischer Unterdrückung der Wölbung. Und vielleicht auch, weil das Umfeld nicht so genau hinsieht. Hinsehen will.

Ein Talisman fürs Baby

Wie bei Maria H. Ihre Mutter hat vom zweiten Enkelkind nichts mitbekommen. Ihre Tochter gab dem Baby einen Talisman mit. Solche Gesten rühren Winter-Schwarz. "Über die Adoptionsvermittlungsstelle kann ich die Geschenke der Mütter an die den Adoptionseltern weiterleiten. Wenn ich die Familien besuche und sehe, dem Kind geht es gut, kann ich beruhigt abschließen." Auch Hanna W. hat ihre Schwangerschaft heimlich zu Ende gebracht. Die Adoptionseltern hatten denselben Namen für das Baby ausgesucht wie die Mutter. "Das war schön für Frau W.", sagen Dauscher und Winter-Schwarz. "Aber später bekam sie Schuldgefühle."

Die Entscheidung, das Kind wegzugeben, hat sie nicht in Frage gestellt. Doch sie zweifelte an der Berechtigung, ihr Leben einfach so weiterführen zu dürfen. Sechs Wochen nach der Geburt brach Hanna W. den Kontakt zu den Beraterinnen ab.

Mag sein, dass ihr das Leben trotzdem noch einmal Kontakt mit diesem Thema beschert: Die zur Adoption frei gegebenen Kinder können mit 16 Jahren ihre Herkunft erfahren.

Hilfsangebote für Schwangere in Not

Beratung: Anlaufstellen für die betroffenen Frauen und die Steuerung des Verfahrens zur vertraulichen Geburt sind die Schwangerschaftsberatungsstellen. Von den Fachkräften der 151 Beratungsstellen in Bayern wurden bisher 91 zur Beratung bei vertraulicher Geburt geschult, Ende März soll in jeder Beratungsstelle eine Fachkraft zur Verfügung stehen.

Hilfetelefon:
Unter der Nummer 0800/4040020 bekommen Schwangere in Not anonym, kostenlos, in mehreren Sprachen und rund um die Uhr Hilfe.

Internet: Unter www.geburt-vertraulich.de gibt es alle Infos zum Thema samt Broschüren und Adressen von Beratungsstellen. Über das Portal ist auch eine E-Mail- sowie eine Einzelchat-Beratung möglich. Infos zur vertraulichen Geburt gibt es außerdem auf der Seite des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) unter www.bafza.de.

Vertrauliche Geburt: So funktioniert das Verfahren

Laut Gesetz ist die vertrauliche Geburt eine Entbindung, bei der die Schwangere ihre Identität nicht offenlegt, sondern in einer Schwangerschaftsberatungsstelle Angaben zur Erstellung eines Herkunftsnachweises macht. Vor- und Zuname, Geburtsdatum und Anschrift werden von der Beraterin überprüft, notiert und in einem versiegelten Umschlag verwahrt.

Die Mutter gibt sich ein Pseudonym aus Vor- und Familiennamen und wählt einen Mädchen- und Jungennamen für das Kind aus. Die Beratungsstelle meldet die Frau unter ihrem Pseudonym bei einer Klinik oder Hebamme an und informiert das Jugendamt über die vertrauliche Geburt, um die Inobhutnahme in die Wege zu leiten. Sämtliche Kosten übernimmt der Bund.

Nach der Entbindung bekommt das Kind einen Vormund und wird die Beratungsstelle über die Geburt informiert. Die Beraterin vermerkt Geburtsdatum und -ort auf dem Umschlag und übermittelt diesen mit dem Herkunftsnachweis an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA). Es ergänzt den Namen des Kindes auf dem Umschlag. Die Geburt wird am Standesamt registriert.

Das Adoptionsverfahren wird eingeleitet. Bis zum Adoptionsbeschluss kann sich die Mutter noch für ein Leben mit dem Kind entscheiden, muss aber ihre Anonymität aufgeben. Das Familiengericht entscheidet unter Berücksichtigung des Kindeswohls.

Mit 16 Jahren kann das Kind Einsicht in den Herkunftsnachweis beim BAFzA nehmen. Wenn die Mutter zu ihrem Schutz aus wichtigen Gründen weiter Anonymität beantragt, werden diese vom Familiengericht geprüft.


Kommentar: Respekt für die Mütter

Was es bedeutet, ein Kind wegzugeben, kann man sich nur ansatzweise vorstellen. Umso mehr verdient es Respekt, wenn eine Frau diese Entscheidung bewusst und verantwortungsvoll trifft, treffen muss. Auch das und nicht nur die daraus resultierende Adoption sollten gesellschaftlich anerkannt werden. Das neue Gesetz geht in diese Richtung und war längst überfällig: Es schafft Rechtssicherheit für Mütter und Kinder. Im besten Fall verhindert es kriminelle Verzweiflungstaten - und ermöglicht Leben.