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Würzburg
Geschichte

Bombenhagel auf Franken: 26.000 Tote

Totaler Krieg in Franken. In Nürnberg hieß das Luftkrieg. 59 Fliegerangriffe gab es allein in der Frankenmetropole bis Kriegsende, die meisten davon in den letzten vier Kriegsmonaten . 6.000 Nürnberger verloren ihr Leben, 13.000 wurden verletzt, 351.000 obdachlos.
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Die nach dem verheerenden Angriff vom 2. Januar 1945 zerstörte Nürnberger Altstadt. Im Hintergrund die Türme der Lorenzkirche.  Fotos: Stadt Nürnberg
Die nach dem verheerenden Angriff vom 2. Januar 1945 zerstörte Nürnberger Altstadt. Im Hintergrund die Türme der Lorenzkirche. Fotos: Stadt Nürnberg
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Franken vor 70 Jahren - im Frühjahr 1945: An den Endsieg glauben nur noch einige eingefleischte Nationalsozialisten. Zwischen Aschaffenburg und Hof sehnt die Mehrheit der Bevölkerung den Frieden herbei. Dabei kommt gerade in diesen Wochen der Krieg erst so richtig in die Region. Und er kommt aus der Luft. Harald G. Dill informiert in seinem Buch "Der Luftkrieg über Nordostbayern" darüber, warum die fränkischen Städte in der Prioritätenskala der alliierten Bomberkommandos vom Ausweich- zum Hauptziel emporgestuft wurden.



Die Alliierten rückten vor, die Luftwaffen infrastruktur der Deutschen war zusammengebrochen.

Der vormals strategische Bombenkrieg erhielt in den letzten Monaten des Kriegs damit ein mehr und mehr taktisches Kalkül. Der Vormarsch der eigenen Truppen sollte unterstützt, die Moral des Gegners gebrochen werden. Was am besten durch die Bombardierung größerer Städte erreichbar war.

 

 

1943 mussten die Alliierten bei Luftangriffen auf den Rüstungsstandort Schweinfurt noch erhebliche Verluste hinnehmen. Damals - es war am 14. Oktober - wurden 60 fliegende Festungen abgeschossen, 600 Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben oder wurden gefangen genommen. 1945 gab es diese Luftabwehr nicht mehr.

Im Rhein-Main-Gebiet um Aschaffenburg kam es in Vorbereitung der Bodenoffensive zu heftigen Luftkämpfen.

Aschaffenburg selbst wurde angegriffen, Tieffliegerangriffe von US-Jagdflugzeugen sorgten auch unter der ländlichen Bevölkerung für Verluste. Nichts und niemand war mehr sicher in den letzten Kriegswochen. Trauriger Höhepunkt: Die Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945: 5.000 Menschen starben in einer Stadt, in der tagelang Feuer wüteten. 90 Prozent der Innenstadt wurden zerstört. Die verstümmelten Leichen von Frauen, Kindern und Greisen türmten sich im zerstörten Dom zu Bergen auf. Auf Nürnberg fielen im Frühjahr 1945 mehr Bomben als in drei Kriegsjahren zuvor.
 

In der Frankenmetropole kamen die Menschen praktisch kaum mehr aus den Luftschutzkellern heraus.

Ein Angriff folgte dem anderen. Bomben fielen nahezu überall. Bis zuletzt auch in Schweinfurt, in Fürth, Ansbach, Bayreuth, Bamberg, Coburg. Nicht überall in der gleichen Intensität wie in Nürnberg, wo bei einem Fliegerangriff schon mal 1000 Bomber am Himmel auftauchten. Am 20. April standen die Amerikaner in Nürnberg. Der Luftkrieg war zu Ende. 26.000 Menschen hatten ihr Leben verloren, Hunderttausende ihr Hab und Gut.

Zeitzeugen erinnern sich

"O Herr, wir sind verloren"

Viele Franken erlebten die letzten Wochen des Krieges in Kellern und Luftschutzräumen. Insbesondere die Nürnberger litten unter den ständigen Fliegerangriffen. Aber nicht nur die Städter. Oft traf es auch Dörfer im Umland. Bei Angriffen auf Schweinfurt waren auch Grafenrheinfelder, Sennfelder oder Schwebheimer bedroht.

 

Eine Grafenrheinfelderin: "Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind in den Keller gerannt. Die Babys haben geschrien. Auf einmal hat uns eine Druckwelle im Keller auf den Boden geworfen."

Eine Sennfelderin:"Wir saßen auf den Rüben. Die Menschen haben geschrien, geweint, gebetet. Eine Nachbarin rief unentwegt 'O Herr, wir sind verloren!' Hör dir das mal eine Stunde an, da wirst du verrückt."

Ein Würzburger Domkapitular: "Unter den Toten ist jedes Alter und Geschlecht vertreten, vom Säugling bis zum Greis. Es gibt unversehrte, blutige, zerquetschte, staubige, schwarze und verbrannte. Auch Teile von Leibern sind dabei..."

Eine Nürnbergerin:"Es rieselte und knirschte in den Backsteinen. Wir haben uns aneinander festgehalten. Ein Einbeiniger sagte, er wäre jetzt lieber im Schützengraben von 1914."

Ein damals junger Nürnberger: "Wir hasteten die Treppe des Bunkers hinauf ins Freie. Entsetzen lag in unseren Augen. Die Häuserzeile der Hagenstraße brannte lichterloh. Dachstühle stürzten in sich zusammen. Alles Entflammbare in der Stadt brannte. Wir atmeten Rauch und Staub."

Kommentar von Klaus Angerstein:

Nie wieder Krieg?

Nürnberg...Das war eine Stadt - und es ist eine Schutthalde." Alfred Kerr schrieb das nach einem Nürnberg-Besuch im Juli 1947. Da war der Krieg bereits zwei Jahre zu Ende. Aber 10,7 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt, den der Bombenhagel hinterlassen hatte, waren noch immer nicht beseitigt. Würzburg, Nürnberg oder auch Dresden, Hiroshima und Nagasaki, das sind Städtenamen, die für das unvorstellbare Grauen des Kriegs stehen. Für unendliches menschliches Leid, für Not und Elend.

Was lernen wir daraus? Nie wieder Krieg? Sollte man meinen. Aber stimmt das? Angesichts des Bomben- und Granatenhagels in ostukrainischen Städten, angesichts des unglaublichen Leids der Bevölkerung im Irak und in Syrien, muss der Verdacht aufkommen, dass wir aus den schrecklichen Ereignissen der Vergangenheit eben nichts gelernt haben. Oder zumindest nur sehr wenig. Nie wieder Krieg! Für mich war das offen gestanden zu einer unverrückbaren politischen Maxime geworden. Leitlinie für jeden politisch Handelnden. Mit Blick auf die jüngsten Ereignisse kommen mir da gewisse Zweifel.