Tobias Richter ist in Bayern kein Unbekannter. In rund vier Jahren soll der 52-Jährige als Geschäftsführer von National Express Rail für die S-Bahn in der Frankenmetropole zuständig sein. Die Entscheidung der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), das S-Bahn-Netz in der zweitgrößten Stadt im Freistaat nicht mehr der Bahn anzuvertrauen, sondern einem britischen Unternehmen, hatte in der vergangenen Woche für Aufregung gesorgt. Doch Richter kennt die Region Nürnberg gut. 1988 begann er hier seine Laufbahn bei der Bundesbahndirektion als Pressesprecher. Noch immer wohnt er mit seiner Familie in Eckental-Eschenau, 20 Kilometer nordöstlich von Nürnberg.

"Mir sind Leute suspekt, die ständig die Branche wechseln. Ich habe immer lieber Leute mit Erfahrung", sagt Richter. Er ist seit rund 30 Jahren Eisenbahner. Damals begann er sein Studium im Eisenbahnwesen. Danach war er fünf Jahre lang Sprecher der Bahn.
Er begleitete 1989 auch die Organisation der Flüchtlingszüge nach der Grenzöffnung. "Das war eine unheimlich spannende Zeit, in der ich öfter auch in der Direktion geschlafen habe", sagt der 52-Jährige. Später war er beteiligt an der Rettung der Gräfenbergbahn vor der Stilllegung.

Vorstand der Regentalbahn

2011 wurde Richter dann in den Bayerischen Wald geschickt, als Vorstand der Regentalbahn und Geschäftsführer der Vogtlandbahn. Hier arbeitete er mit dem heutigen BEG-Geschäftsführer Johann Niggl zusammen. "Ich war für den technischen Part zuständig, er für den kaufmännischen. Wir hatten eine enge und erfolgreiche Zusammenarbeit." Als der Freistaat die Regentalbahn an den britischen Arriva-Konzern verkaufte, hätten sich ihre Wege jedoch getrennt. Durch seine Bekanntschaft mit Niggl habe es seit dem Zuschlag für die Nürnberger S-Bahn "unhaltbare Unterstellungen" gegeben, sagt Richter. "Dabei haben wir uns über neun Jahre lang nicht mehr gesehen oder gehört."

In der Eisenbahnbranche kenne zudem ohnehin jeder jeden und man laufe sich auch immer wieder über den Weg. "Ich kenne auch fast alle von der DB Regio, zum Teil sind das noch Studienkollegen", sagt Richter. Ein führender Eisenbahner bezeichnete Richter als kompetenten und guten Organisator, der die Branche kenne wie kaum ein anderer. Auch Frank Hauenstein von der Bahngewerkschaft EVG sagt, mit Richter habe man bei der Regentalbahn "gute Gesprächsverhältnisse" gehabt.

Menschen sind ihm lieber

Vor seiner Tätigkeit bei National Express hatte sich der beurlaubte Bundesbahnbeamte Richter selbstständig gemacht und war im Güterverkehr tätig. Die Briten hätten ihn jedoch nicht lang fragen müssen, ob er in den Personenverkehr zurück will, sagt Richter. Menschen seien ihm immer lieber gewesen. "Container schreiben keine Beschwerdebriefe." Seit 2012 ist er Geschäftsführer bei National Express, erst in Düsseldorf, heute in Köln.

Richter ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit seinem 16. Lebensjahr wohnt er in Franken. Aufgewachsen ist er jedoch in Berlin - den Hauptstadt-Akzent hat er bis heute behalten. In Mittelfranken ist er nur am Wochenende.
Auch privat ist er ein Eisenbahnfan. "Ich kann auch nur Eisenbahn, ich kann nichts anderes. Ich habe schon Probleme, wenn mein Computer abstürzt", sagt er. Auf dem Dachboden steht eine große Modelleisenbahn und er sammelt alte Lokschilder. Sein aufwendigstes und teuerstes Hobby sind aber historische Eisenbahnfahrzeuge, die er zum Teil auf Schrottplätzen aufspürt und aufarbeiten lässt. Um die 30 habe er inzwischen, darunter "ein paar Reichsbahnwagen und einen Interzonenzug", der zwischen Westdeutschland und Westberlin unterwegs war. "Die hatten immer einen ganz bestimmten Geruch. Dieses Plastik-Flair will ich der Nachwelt erhalten." Schließlich sei er in Westberlin aufgewachsen, nicht weit weg von der Mauer.

Sein bekanntestes Sammlerstück ist wohl der Salonspeisewagen 10 242. Bis 1941 diente er Adolf Hitler als persönlicher Speisewagen. Anfang der 50er Jahre ließ Konrad Adenauer den Wohnbereich in einen Funkraum umbauen, der dann den Bundeskanzlern als Funkbegleitwagen diente. Er habe ihn mit Graffiti besprüht und eingeschlagenen Scheiben gefunden, erzählt Richter. Heute kann man den Wagen im Deutschen Dampflokomotiv Museum in Neuenmarkt anschauen.

Von Cathérine Simon, dpa