Pia Schmidt (Name geändert) hat schon in allen möglichen Branchen gearbeitet - als Köchin, als Tischlerin, im Büro, als Friedhofsgärtnerin. "Ich hab sogar schon Gräber ausgehoben", erzählt die 40-Jährige. Sie ist sich nicht zu schade anzupacken. Mit einer Festanstellung klappte es trotzdem nie, mal sagte man ihr, sie sei zu jung, mal, sie sei zu alt. Mit Jobs und Hartz IV hält sie sich über Wasser. Im Moment ist sie Ein-Euro-Jobberin. "Ich bin froh, dass ich diese Stelle habe", sagt sie. "Mir geht es nicht um den einen Euro. Ich möchte etwas zu tun haben, eine Beschäftigung."

Leichter reingerutscht als gedacht

Ähnlich geht es Brigitte Müller (Name ebenfalls geändert). "Ich habe immer gearbeitet. Nur herumsitzen, das wäre nichts für mich." Dennoch war auch sie sieben Jahre lang auf Hartz IV angewiesen. "Man rutscht da leichter rein, als man denkt." Nachdem Müller über 25 Jahre in ihrem erlernten Beruf gearbeitet hatte, machte sie sich im Bereich Hotel und Gastronomie selbstständig. "Ich wollte das ausprobieren, ich mag die Herausforderung", sagt die 57-Jährige. Nach sechs Jahren verkaufte der Eigentümer die Immobilie, die sie gemietet hatte, ihr Mietvertrag wurde nicht verlängert. "Ich stand vor dem Nichts, war plötzlich Hartz IV-Empfängerin. Das war schon bitter."

Nicht wirklich sinnvoll

Besonders störte sie, in einem Topf geworfen zu werden mit allen anderen Hartz IV-Empfängern. "Es gibt halt schon auch viele faule Säcke. Die, die noch nie gearbeitet und auch keine Lust dazu haben." Was sie ebenfalls störte, waren die Kurse, die sie im Namen der Weiterbildung absolvieren musste. "Bei meinem ersten Kurs war ich total motiviert. Hab' Stifte und Federmäppchen besorgt, am liebsten hätt' ich 'ne Schultüte gehabt." Doch die Ernüchterung folgte bald. "Wirklich Sinnvolles hab' ich da nicht gelernt. Die Teilnehmer haben auch viel zu unterschiedliches Vorwissen." Pia Schmidt hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Ich war in einem Computerkurs und hab mich gelangweilt, weil ich mich mit Computern auskenne, während andere kaum wussten, wo man ihn einschaltet." Von einem weiteren Fall kann Brigitte Müller berichten. "Eine gestandene Frau von 55 Jahren wollten sie in einen Kochkurs stecken!"

Die Zeugnisse und Zertifikate, die man durch diese Kurse erwerbe, interessierten Arbeitgeber kaum, so der übereinstimmende Eindruck von Müller und Schmidt. "Der einzige Effekt ist, dass man aus der Statistik raus ist." Wer eine Weiterbildungsmaßnahme absolviert, wird nämlich nicht der offiziellen Arbeitslosenzahl hinzugerechnet. "Diese Kurse kosten so viel, für das Geld sollte man lieber Stellen schaffen. Zu tun gäb's genug und Leute, die was tun wollen, gäb's auch", sagt Brigitte Müller. Sie selbst ist über einen Ein-Euro-Job zu einer Festanstellung gekommen: Seit drei Jahren arbeitet sie in einer sozialen Einrichtung in leitender Funktion. "Ich bin froh, diese Chance bekommen zu haben. Ich würde mir wünschen, dass auch andere die Chance bekommen."


"Die Lichtenfelser Zahlen sprechen für den Erfolg"


Das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt", kurz Hartz IV, wird weiterhin hitzig diskutiert. Sorgt es tatsächlich dafür, Arbeitslose möglichst schnell wieder im ersten Arbeitsmarkt zu integrieren? Ist Hartz IV ein Erfolgsrezept?

Zu einer solch plakativen Aussage möchte sich Wolfgang Franz, Leiter des Jobcenters für den Landkreis Lichtenfels, nicht hinreißen lassen. "Die Bewertung von Hartz IV ist eine politische Frage. Wir sind ausführendes Organ und wollen uns als solches neutral verhalten." Die Zahlen sprächen aber für den Erfolg von Hartz IV. Im Jahr 2005, dem Jahr der Einführung des neuen Gesetzes, gab es im Landkreis Lichtenfels 1762 Empfänger von Arbeitslosengeld II. Im Jahr 2014 waren es noch 753 - weniger als die Hälfte. "Natürlich spielen da auch andere Faktoren eine Rolle", so Franz. Der Arbeitsmarkt in der Region sei in den Jahren 2011 bis 2013 sehr aufnahmefähig gewesen. "Außerdem sind Empfänger des Arbeitslosengelds II verpflichtet, jede zumutbare Tätigkeit anzunehmen."

Seit 2005 ist das Hartz IV-Gesetz eine Dauerbaustelle. "Man hatte die Regelungen vereinfachen wollen und viele Pauschalen vorgesehen", erklärt Franz. Die Praxis zeigte, dass dies nicht immer zu Einzelfallgerechtigkeit führte. "Inzwischen gab es viele Gerichtsurteile und 70 Änderungen am Gesetz, das nun wieder sehr komplex und aufwändig ist. Hier würde ich mir wünschen, dass das Ganze wieder etwas übersichtlicher wird", so Franz.

Kein typischer ALG-II-Empfänger

Den typischen Hartz-IV-Empfänger gibt es nicht, so Franz. "Zu uns kommt der, dessen Arbeitslosengeld ausgelaufen ist und der noch keine neue Stelle hat. Zu uns kommen Familien, wo einer arbeitet, damit aber nicht vier ernähren kann. Zu uns kommen Studenten, die nach Abschluss des Studiums noch nicht sofort einen Job haben. Im Winter kommen Leute, die saisonbedingt arbeitslos sind, weil sie zum Beispiel auf dem Bau arbeiten. Und es kommen Leute, für die es aufgrund verschiedener Einschränkungen besonders schwer ist, eine Stelle zu finden." Das könnten etwa gesundheitliche Probleme sein, das Fehlen eines Führerscheins oder Fahrzeugs oder das Alter. Rund 40 Prozent der Arbeitslosen im Landkreis fallen in die Kategorie der Langzeitarbeitslosen. "Da dauert es oft lange, eine geeignete Stelle zu finden. Aber wir geben niemanden auf."