Störche können Rätsel aufgeben: Vor einiger Zeit markierten Forscher einen Storch mit einem Peilsender, um so seine Flugrouten und seine Aufenthaltsorte herauszufinden. Alles verlief nach Plan, der Sender funktionierte und sie konnten seine Reise nach Afrika nachvollziehen. Was die Forscher dann aber stark wunderte war, dass der Storch einfach nicht mehr zurück kam.

Sie sahen, dass er sich nur in einem kleinen Bereich aufhielt. Man beschloss also, der Sache auf den Grund zu gehen. Vor Ort angekommen, fanden die Forscher schnell des Rätsels Lösung: Ein Eingeborener fand den Sender so schön, dass er ihn dem Storch abnahm und sich selbst um den Hals legte - als Schmuckstück.

Zukunft der Störche ungewiss


Gerd Glätzer, Zweiter Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz in Lichtenfels, lacht, als er die Geschichte erzählt, obwohl ihm beim Thema Störche eigentlich nicht zum Lachen zumute ist. Denn obwohl die Zahl der Störche in Bayern leicht steigt, blickt er skeptisch auf die Zukunft der Vögel.

Derzeit sind im Landkreis Lichtenfels etwa neun Störche unterwegs, drei Pärchen und drei Jungtiere. Letzte stammen allerdings alle von einem Paar, die anderen beiden haben im vergangen Jahr nicht für Nachwuchs gesorgt. "Obwohl die Zahl steigt, ist die Reproduktionsrate zu gering", sagt Glätzer. Um den Bestand zu erhalten, müsste ein Storchenpärchen mindestens zwei Junge pro Jahr bekommen.

Dass es hier trotzdem mehr Störche gibt, erklärt sich dadurch, dass viele Zuwanderer aus Regionen mit besseren Brut- und Nistbedingungen zu uns kommen, sagt Glätzer. Die Störche kommen vorwiegend aus Polen. Dort gibt es über zehn Mal so viele Störche wie bei uns.

Schlaraffenland für Störche


"Das Nahrungsangebot ist dort wesentlich besser. In Polen gibt es Sümpfe, wenn der Storch da reinhüpft, dann steht er bis zum Knie in Fröschen", sagt Glätzer. Hier müsse Adebar nach Mäusen suchen. Etwa 16 Stück braucht ein Tier täglich - nur um zu überleben. Wenn keine Mäuse verfügbar sind, dann steigt der Storch meist auf Regenwürmer um. Davon vertilgt er zwischen 500 und 700 am Tag. Die Erde, die sie mit den Würmern aufnehmen, speien sie unverdaut wieder aus.

Im Jahr 1910 gab es noch 9000 Störche in Deutschland. Im Laufe der Jahre sank ihre Zahl auf 3000 im Jahr 1988 - vor allem aufgrund der Zerstörung ihres Lebensraumes und klimatische Veränderungen. Heute sind es zwischen 4000 und 5000.

Pseudowissen war verbreitet


"Vor 400 Jahren wusste man noch nicht einmal, dass Störche im Winter nach Süden fliegen", sagt Glätzer. Allgemein war das Wissen um Vögel damals noch dürftig. Beispielsweise war die Annahme verbreitet, dass sich Schwalben für einen Winterschlaf im Schlamm vergraben. Von den Störchen wusste man nur: Sie sind in der kalten Jahreszeit nicht da.

Dann fand man Störche, die einen Pfeil im Gefieder stecken hatten. "Die Verwunderung war groß, denn in Deutschland schießt doch niemand mit Pfeil und Bogen auf Störche", so Glätzer. Als man die Pfeile untersuchte, stellten die Menschen fest, dass sie fremdartig verziert waren. Daraus schlossen sie: Die Störche müssen im Winter in einem anderen Land sein - wo man offensichtlich auf sie schießt.

Der Zug gen Süden ist für den Storch ein gefährliches Unterfangen. Viele sterben, weil sie auf dem Weg Stromleitungen berühren. "Ich vermute auch, dass Windkraftanlagen dem Storch zusetzen werden", sagt Glätzer. Auch Anbauflächen für Pflanzen, die in Biogasanlagen landen sollen, bedrohten den Storch. "Die Pflanzen werden häufig gegen Insekten behandelt. Grundsätzlich bedeutet der Anbau einen Verlust von Nahrungsflächen."
Trotz der positiven Entwicklung in den vergangenen Jahren ist Glätzer skeptisch. "Aus den genannten Gründen glaube ich, dass bald der Punkt erreicht ist, an dem es wieder abwärts geht." Stromleitungen, so sagt er, würden ja auch mehr und nicht weniger.