Bezirksheimatpfleger Günter Dippold atmet auf: Nach sage und schreibe 15 Jahren folgt nun Band 1 der Stadtgeschichte "Weismain - Eine fränkische Stadt am nördlichen Jura" auf den 1996 erschienenen Band 2. Doch was lange währt, ist gut geworden. Der Herausgeber der beiden dicken Bände ist ein stolz auf das gemeinsam Geschaffene.
Die Vorbereitungszeit habe sich gelohnt, denn entstanden sei ein Werk, das Maßstäbe setzt: "So ein Buch wird wahrscheinlich nie mehr einer über Weismain machen", sagt Günter Dippold. "In dieser Dichte haben selbst die Oberzentren Bamberg, Coburg und Bayreuth nichts Vergleichbares", fährt er fort. Denn an dem 432 Seiten starken, reich bebilderten Werk schrieben Wissenschaftler etlicher Disziplinen mit: Geologen, Literaturwissenschaftler, Biologen, Anthropologen, Historiker, Archäologen, Theologen, Volkskundler und Sprachwissenschaftler.
Doch was bietet Band 1 des Weismain-Buches dem Leser? Bei den Autoren handelt es sich ausschließlich um Frauen und Männer, die fachlich renommiert sind und/oder die schon über Weismain geforscht und geschrieben haben. Entstanden ist ein Kaleidoskop, das die vielen Facetten des Stadtlebens zeigt.
Hier nur einige der Themen: Friedrich Leitz hat einen erdgeschichtlichen Beitrag zur Geologie der Stadt verfasst, und Monika Wächter widmet sich der Vegetation des Weismainer Raums. Michael Hoppe unternimmt einen Streifzug durch die Vor- und Frühgeschichte, Olaf Röhrer-Ertl berichtet vom slawischen Gräberfeld und über anthropologische Untersuchungsergebnisse. Dieter George geht den Ortsnamen des Stadtgebietes nach, Richard Winkler beleuchtet die Rolle der Andechs-Meranier und Bernd Wollner beschreibt Überfälle, Nöte und Einquartierungen in den Kriegen der Neuzeit. Karlheinz Hößel beschreibt die Stadt im 19. und 20. Jahrhundert und Horst Tschernitschek geht auf die Gerichtsbarkeit ein. Josef Urban hat die Pfarr- und Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert erforscht, Alfons Motschenbacher geht auf die Pfarrei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein und Volkhart Borchert auf die evangelische Gemeinde. Hans Jürgen Wuschel schreibt über Juden in Weismain, Marlene Besold-Backmund recherchierte die Geschichte des Spitals und Elmar Kerner beschreibt den Bergbau am Kordigast zwischen 1850 und 1922.

Wissenschaftliche Kompetenz


Herausgekommen ist trotz der geballten wissenschaftlichen Kompetenz mit vielen Fußnoten ein Buch, das sich jedem Laien leicht erschließt und das durch die opulente Bebilderung seinesgleichen sucht.
"Die beiden Bände sind kein Schlussstein der Weismainer Geschichte, sondern ein stabiles Fundament", urteilt Günter Dippold und wählt bewusst ein sprachliches Bild aus der Baubranche. Das Werk wäre nämlich nie zustande gekommen, wenn sich nicht der Bauunternehmer Alois Dechant als Sponsor dahinter geklemmt hätte. Es sei höchst ungewöhnlich, dass sich ein Privatmann als Ideengeber, Anstoßender und Anschiebender so stark engagiere wie Alois Dechant es getan habe. Das sei Lokalpatriotismus im besten Sinn, lobt der Bezirksheimatpfleger, denn ohne den Mäzen Alois Dechant gäbe es das zweibändige Werk sicher nicht.
Dass der erste Band so viele Jahre nach Band 2 erschienen ist, liege an der Insolvenz der Dechant Bau-GmbH, fährt Günter Dippold fort. Als das Werk in den 1990er Jahren konzipiert wurde, habe sich herauskristallisiert, dass das Projekt nicht in einem Band zu realisieren sei. Auf über 900 Seiten und rund 700 Bilder war es angelegt worden. Deshalb hätten sich Herausgeber und Mäzen entschlossen, das Werk in zwei Bänden herauszugeben. Aus konzeptionellen Gründen habe man zuerst Band 2 in Druck gegeben. "Damals rechneten wir damit, in wenigen Jahren den Band 1 nachschieben zu können", sagt Günter Dippold, mit der Insolvenz habe keiner gerechnet.
Die Dechant Hoch- und Ingenieurbau GmbH & Co. KG förderte den nun erscheinenden Band 1 maßgeblich; weitere Zuschüsse kamen von der Oberfranken-Stiftung. Der subventionierte Preis für den druckfrischen Band liegt bei 30 Euro.
Das nun vorliegende zweibändige Gesamtwerk ist mehr als nur eine Stadtgeschichte oder eine Chronik. "Es fehlt im Grunde nichts", meint der Bezirksheimatpfleger, denn alle wichtigen Bereiche des Weismainer Stadtlebens seien berücksichtigt. Entstanden sei ein Werk aus einem Guss. Auf diesem Fundament könnten nun weitere Forschungen aufbauen - die Ausgangssituation dafür sei in Weismain weit besser als in den meisten anderen Orten.
Wie epochal die beiden Bände für die Stadt Weismain sind, umriss Günter Dippold so: "So ein Buch wird wahrscheinlich nie mehr einer über Weismain machen." Während Band 1 in Arbeit war, ging eine Rechtschreibreform über die Republik hinweg. Um die Einheitlichkeit des doppelbändigen Werks zu gewährleisten, entschlossen sich Herausgeber und Mäzen, die alte Rechtschreibung beizubehalten. Wer die Bände in 20 Jahren anschaue, dem sei es egal, ob es in der Rechtschreibung des ausgehenden 20. Jahrhunderts verfasst ist oder in der des beginnenden 21. Jahrhunderts, meint Günter Dippold.