Jeden Tag im Zimmer sitzen und nichts tun, das kommt für den 34-jährigen Elham Rahmany aus Afghanistan nicht in Frage. Der Asylbewerber nutzt seine Zeit und geht täglich in den Keller der Gemeinschaftsunterkunft, in dem sich seine Werkstatt befindet. Mehr als einige alte Autoreifen, einen Stift und ein großes, spitzes Messer als Werkzeug benötigt er nicht. Mit dem Stift zeichnet er geschickt eine Skizze oder ein Muster auf den Reifen und dann kommt das scharfe Messer zum Einsatz. Nach nur einer Stunde konzentrierter Arbeit hat er aus dem Reifen eine Blumenvase, Ameisen oder andere Figuren geschnitzt.


Blumenvasen aus Reifen

Als Elham Rahmany vor zwei Jahren nach Weismain in die Asylbewerberunterkunft kam, machte ihm anfangs die Langeweile zu schaffen. Da er kein Geld für teures Material hatte, probierte er, etwas aus alten Reifen zu fertigen. Nachdem es ihm gelang, daraus schöne Figuren zu fertigen, kreierte er immer wieder neue Objekte.
Die Weismainer sind von seinen Werkstücken sichtlich angetan. Das Gelände rund um das Asylbewerberheim verschönern seine Kunstwerke. Auch vor dem Bürogebäude der Baufirma Dechant Hoch- und Ingenieurbau stehen zwei von ihm geschaffene Blumenvasen aus Reifen mit bunten Blumen. Viele der Figuren schenkt er seinen Freunden und Leuten, die ihn unterstützen.

"Ich liebe Arbeit", sagt Elham strahlend. Auch aus Holz schnitzt er schöne Objekte, doch fehlt ihm aber das erforderlich Werkzeug dafür. "Richtige Werkzeuge würden mir die Arbeit vereinfachen", sagt er und schaut traurig auf seine Reifen. Auch Häkeln und Stricken könne er, erklärt der 34-Jährige und zeigt eine selbst gehäkelte Wintermütze. Wenn es regnet, greift er zur Wolle und knüpft daraus schöne Armbänder.


Die Schrecken der Flucht

Vor 16 Jahren ist Elham Rahmany aus Afghanistan geflohen, als eine Bombe das Haus der Familie zerstört hatte. "Die Flucht war das Schlimmste, was ich in meinem Leben erlebt habe", berichtet er. Er sei gefangen genommen und gefesselt in einem dunklen Lagerraum festgehalten worden. Noch schlimmer als die Angst um sein Leben sei die Ungewissheit über das Schicksal seiner Eltern und Brüder gewesen. Voller Verzweiflung habe er die Tür seines Gefängnisses eingetreten und sei mit gefesselten Händen geflohen. Nachdem es ihm gelang, die Fesseln zu lösen, habe er sich auf die Suche nach seinen Eltern gemacht. Gefunden habe er sie jedoch erst nach mehreren Jahren.

Über Pakistan floh Elham Rahmany schließlich nach Moskau. Den größten Teil der Strecke bewältigte er zu Fuß - sei es bei Regen oder Schnee. Manchmal habe er ein Fahrrad auf einem Schrotthaufen gefunden, so dass er einige Kilometer damit fahren konnte. Selten habe ein Autofahrer angehalten und ihn mitgenommen. Von Moskau aus ging es weiter in Richtung Ukraine. Er konnte sein Glück kaum fassen, als ihn dort ein Geschäftsmann freundlich aufnahm, ihm Arbeit und ein Zimmer besorgte. Nach zwei Jahren habe er dort nicht mehr bleiben können und seine Flucht bis nach Deutschland fortgesetzt. Schließlich kam er vor zwei Jahren in der Weismainer Gemeinschaftsunterkunft unter.


Albträume bis heute

Obwohl er jetzt in Sicherheit ist, leidet der 34-Jährige noch unter den Folgen der Verfolgung und der Flucht. So habe ihm ein Taliban-Kämpfer mit dem Gewehrkolben ins Gesicht geschlagen, wodurch er vier Zähne verlor. Auch ein Ohr wurde durch die Schläge verletzt, so dass er seitdem nicht mehr gut hört. Die traumatischen Erlebnisse rauben Elham noch immer den Schlaf: Jede Nacht wacht er nach zwei Stunden auf, weil ihn Albträume quälen. Wie ein Film laufen in seinem Kopf die Bilder ab - von Menschen, die geschlagen, erstochen, gefesselt und mit dem Messer getötet wurden. Wenn er nicht schlafen kann, versucht er sich mit Zigaretten zu beruhigen oder mit einer handwerklichen Beschäftigung. Auch der Glaube gebe ihm Kraft. Trotz seiner schlimmen Erfahrungen liebe er das Leben sehr, betont er.

"Die Menschen haben mich hier in Weismain warmherzig aufgenommen und helfen auch sehr viel", sagt Elham dankbar. Seitdem könne er wieder lächeln. Dankbar sei er auch für viele kleine Gesten, wie die Couch vom Sperrmüll. Besonders gefreut hat er sich über die Chance, bei der Baufirma Dechant ein Praktikum zu machen. Freuen würde er sich, wenn ihm jemand Werkzeug für seine Handarbeiten zur Verfügung stellen könnte oder über Pflanzen, um den Garten der Asylbewerberunterkunft zu verschönern.