Es war eine Gerichtsverhandlung in einem ungewöhnlichen Fall. Der Angeklagte ein bis dato völlig unbescholtener junger Mann. Der Vorwurf unterlassene Hilfeleistung und Diebstahl. Er lastet um so schwerer, weil jenes Tun oder Nichttun in der Einsamkeit einer Mainacht in Bad Staffelstein bald grell ins Licht der Öffentlichkeit kommen sollte. Auch wenn es für die Justiz keine Rolle spielte, wer da am Boden lag und wem da die Geldbörse weggenommen wurde, dass es der damalige Landrat Reinhard Leutner war, ist der Grund, warum die Geschichte wohl keinem im Landkreis verborgen blieb. Es gab ein Urteil gestern am Amtsgericht und weder für die Staatsanwältin noch für Richter Armin Wagner einen Zweifel daran, dass sich der 20-Jährige, der zwischenzeitlich aus Ausbildungsgründen seinen Wohnsitz in ein anderes Bundesland verlagert hat, sich schuldig gemacht hatte. "Weglaufen war überhaupt keine Hilfe", unterstrich Wagner. Jemanden vor den Stufen zur Tür seines Hauses regungslos auf dem Rücken liegen sehen - da hätte der junge Mann, der zu jener Zeit als nächtlicher Dienstleister unterwegs war, etwas tun müssen. Vielleicht an der Tür klingeln und warten, bis sich im Haus etwas regt, vielleicht die 110 anrufen, und wenn's anonym gewesen wäre - diese Möglichkeiten zählte der Richter auf. Und dass sich der Vorbeikommende Gedanken über einen möglichen Unglücksfall, eine Notlage, gemacht hatte, zeigte seine eigene Schilderung. Er habe im Schein der Taschenlampe nach Verletzungen bei dem am Boden Liegenden geschaut, nichts gesehen (weil da äußerlich nichts zu sehen war) und ein schnarchendes Geräusch vernommen. Er habe gedacht, da schlafe einer seinen Rausch aus. Dann will er noch seinen Vater angerufen und um Rat gefragt haben. "Liegen lassen" soll der Rat gelautet haben.

Dann war da noch der Geldbeutel


Der junge Mann scheine mit der Situation überfordert gewesen zu sein, mutmaßte die Sozialpädagogin der Jugendgerichtshilfe, die Reiferückstände bei ihm ausmachte. Heute würde er es anders machen, war seine eigene Einlassung vor dem Jugendrichter. Wagner ging bei der Aufarbeitung des Geschehens behutsam vor. Das tragische Schicksal Reinhard Leutners, der in jener Nacht eine Hirnblutung hatte und bis heute unter den Folgen zu leiden hat, könne dem 20-Jährigen nicht angelastet werden. Wohl aber, eine mögliche Hilfeleistung nicht erbracht zu haben. Und dann war da noch die Sache mit Leutners Geldbeutel. Den will der junge Mann nur an sich genommen haben, um ihn sicherzustellen und am nächsten Tag abzugeben. Die Polizei war aber schneller bei ihm zu Hause. Damit manifestierte sich der Vorwurf einer Diebstahlsabsicht, die der Verurteilte bis zuletzt bestritt. "Eine Schutzbehauptung", meinte die Staatsanwältin, zumal der Beschuldigte erst abweichende Angaben über den Fundort der Geldbörse gemacht hatte. Den Fund als solchen glaubte man ihm, denn an der Kleidung Leutners gab es keine DNA-Spuren, die auf ein Hinfassen das jungen Mannes hätten schließen lassen. Er muss sich nach dem Urteil zehn Monate der Aufsicht eines Betreuungshelfers unterstellen und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Dabei werde Rücksicht auf seine Ausbildung genommen, betonte der Richter, der von einem "Denkzettel" sprach. Aufgrund seiner angespannten finanziellen Situation wird er nur bis 100 Euro an den Gerichtskosten beteiligt.