In den letzten Jahren erlebt der Dichter Jean Paul (1763-1825) eine Renaissance. Besonders in seiner oberfränkischen Heimat wird er "wiederentdeckt". Seine Geburtsstadt Wunsiedel, seine frühen Wohnorte Schwarzenbach an der Saale und Joditz, seine späteren Wirkungsstätten Coburg und vor allem Bayreuth gedenken des berühmten Schriftstellers. Der Jean-Paul-Weg, der sich durch das östliche Oberfranken zieht, erschließt die Erinnerungsorte.

Auch wenn der Weg nicht bis zum Obermain führt, gibt es hier doch eine Beziehung zu Jean Paul: Denn in Schney amtierte als evangelischer Pfarrer zwei Jahrzehnte lang ein Neffe des Dichters, der seinem Onkel ein literarisches Denkmal gesetzt hat: Marian Johann Philipp Richter.

Am Gymnasium in Bayreuth

Der spätere Schneyer Seelsorger wurde am 30. Juni 1801 in Sparneck bei Münchberg geboren, wo sein Vater Johann Gottlieb Richter (1768-1850), der jüngere Bruder Jean Pauls, eine Stelle als Ratsschreiber und Steuereinnehmer innehatte. Später wirkte er als Landgerichtsregistrator in Münchberg. Jean Paul erwähnt beiläufig, sein Bruder besitze einen "Reichthum an Söhnen, aber an nichts anderem". Marian Richter besuchte das Gymnasium in Bayreuth, wo sein berühmter Onkel lebte. Anschließend studierte er in Erlangen Theologie. 1826 bestand er die Anstellungsprüfung vor dem Konsistorium Ansbach. Sein erster Einsatz als Geistlicher war eine Stelle als Vikar beim Küpser Pfarrer Johann Ferdinand Frauenholz (1774-1845), dessen Tochter Therese er später heiratete.

Die Pfarrstelle Schney wurde ihm 1828 auf Vorschlag des dortigen Schlossherrn Friedrich Graf von Brockdorff verliehen. Sie erlaubte es ihm, eine Familie zu gründen. Pfarrer Richter blieb 20 Jahre lang in Schney. Als er hier eintraf, befand sich das Kirchengebäude in einem trostlosen Zustand. Die Holzteile im Innern des Langhauses waren morsch, die Wand zum Weiher hin war aus dem Lot. Wegen Einsturzgefahr schloss das Landgericht Lichtenfels die Kirche 1833; die Gottesdienste mussten fortan in der Friedhofskapelle stattfinden. Für einen Neubau der Kirche hatten die örtlichen Porzellanfabrikanten Ignaz Kaufmann und Heinrich Nikolaus Eichhorn schon 1829 der Kirchenstiftung ein zum Abbruch bestimmtes Gebäude im Kloster Langheim verkauft, das sie einige Jahre zuvor erworben hatten.

6700 Quader für Schney

Die Schneyer ließen den Bau abtragen, transportierten die Steine aber nicht ab. Erst 1831 zwang das Landgericht sie, die rund 6700 Quader von Langheim nach Schney zu schaffen. Der Bamberger Zimmermann und Bautechniker Lorenz Madler (1796-1854) fertigte 1833 Pläne für einen Neubau der Kirche. Doch der Bauplatz war noch umstritten. Vier Orte waren im Gespräch: der Schlosshof, der Pfarrgarten, der Friedhof oder der althergebrachte Standort.

Um den stabilen Kirchturm nicht abbrechen zu müssen, entschied man sich nach langem Hin und Her, die Kirche nicht zu verlegen. 1837 wurde das alte Langhaus abgetragen und der Grundstein für den Neubau gelegt. Nach dreijähriger Bauzeit wurde er 1840 festlich eingeweiht. All diese Planungen und Baumaßnahmen fielen in die Amtszeit von Pfarrer Richter, der 1836 auch eine ausführliche, historisch angelegte Pfarrbeschreibung von Schney verfasste. 1848 bewarb er sich mit Erfolg um die Pfarrstelle in Busbach (an der B 22 zwischen Bayreuth und Hollfeld), da das dortige Einkommen höher war als in Schney.

Distriktsdekan von Roth

Vielleicht spielte daneben die Nähe zur Heimatstadt Bayreuth eine Rolle, wo noch sein Vater lebte. Dort gab es auch höhere Schulen für seine sechs Kinder. 1854 stieg Marian Richter zum Dekan von Seibelsdorf (heutiges Dekanat Kronach) auf, 1864 dann zum ersten Pfarrer und Distriktsdekan von Roth (Mittelfranken), wo er am 28. Februar 1866 im 65. Lebensjahr starb. Seine zweite Frau, eine mittelfränkische Pfarrerstochter, die er 1858 als Witwer geheiratet hatte, überlebte ihn um 26 Jahre. Pfarrer Richter hatte drei Töchter und vier Söhne, von denen einer im Säuglingsalter starb. Alle Kinder kamen im Schneyer Pfarrhaus zur Welt. Die älteste Tochter nahm einen Pfarrer zum Mann, ihre beiden Schwestern blieben unverheiratet. Der mittlere Sohn Hermann Richter (1839-1868) wurde Arzt in Mainbernheim. Der jüngste Sohn Heinrich Richter (1843-1903) eiferte dem Vater nach und wurde evangelischer Pfarrer. Der älteste Sohn Rudolph (1835-1919) studierte Jura in Erlangen und ging anschließend zur bayerischen Militärjustiz. Er avancierte zum Senatspräsidenten des Reichsmilitärgerichts in Berlin und wurde 1906 als "Ritter von Richter" in den persönlichen Adelsstand erhoben.

Von Pfarrer Marian Richter ist ein literarisches Werk überliefert. Es stammt aus seinen Schneyer Jahren. 1841 wurde in Bayreuth, nahe dem einstigen Wohnsitz des Dichters in der Friedrichstraße, ein lebensgroßes Denkmal für Jean Paul aufgerichtet. Es ist eine Arbeit des Münchner Bildhauers Ludwig Schwanthaler, berühmt als Schöpfer der riesigen "Bavaria" an der Theresienwiese. Zur Einweihung des Bayreuther Denkmals verfasste der Schneyer Pfarrer ein Gedicht, überschrieben "An meine Vaterstadt Bayreuth". Darin würdigt er in gravitätischen Versen seinen Onkel und die Bedeutung, die Bayreuth für ihn hatte. Die zweite der neun Strophen, gerichtet an die Stadt Bayreuth, lautet wie folgt: "Dich erkohr einst, Deutschlands edler Barde, Jean Paul, sich zum theuren Heimathland, In Dir fand er seines Pindus Warte, Wo den Flug der Muse nichts gebannt. Kurz nur sah'n ihn andres Städte weilen, Bald ihn zieh'n mit wehmuthsvollem Sinn; An Dich fesseln ihn mit Liebes-Seilen Mehr als zwanzig holde Lenze hin."

Durch den langjährigen Schneyer Pfarrer Marian Richter reiht sich auch Schney indirekt unter die Jean-Paul-Stätten in Oberfranken ein.