Wer von der Friedenslinde aus in südöstlicher Richtung durch den Wald wandert, findet nach etwa 500 Metern am Wegesrand ein eigentümliches Monument: einen Sandsteinblock, auf dem ein Obelisk aus dem gleichen Material ruht. Der Sockel ist beschriftet: VON GREYERZ RUHE, und der Aufsatz trägt eine Jahreszahl in römischen Ziffern: MDCCCXLI (= 1841).

Aufzeichnungen über die Errichtung dieses rund zweieinviertel Meter hohen Denkmals finden sich nicht. Der Lichtenfelser Bauunternehmer und Heimatforscher Hans Diroll meinte 1938, ein örtlicher Forstmeister verberge sich hinter dem Namen Greyerz. Doch die Lichtenfelser Forstbehörde wurde im Jahr 1841 von Johann Baptist Schuster (1780-1854) geleitet.

Der Müllerssohn aus Litzendorf bei Bamberg hatte als Forstwart in Langensendelbach und als Revierförster in Zeil am Main und Steinwiesen Berufserfahrung gesammelt und mehrere Jahre das Forstamt von Vilseck in der Oberpfalz geführt, bevor er 1828 als Forstmeister nach Lichtenfels versetzt wurde. Hier wirkte er, immer weniger zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, bis zu seiner Pensionierung Ende 1850.

Patrizierfamilie in Bern

Die Greyerzruhe erinnert an den Vorgesetzten Schusters: den Bayreuther Forstinspektor Gottlieb von Greyerz. Er entstammte einer seit dem 14. Jahrhundert nachweisbaren Patrizierfamilie in Bern. Gottlieb von Greyerz wurde am 29. März 1778 in Steffisburg bei Thun, südlich von Bern, geboren, wo sein Vater Emanuel Daniel Gottlieb von Greyerz (1743-1818) als evangelisch-reformierter Pfarrer wirkte. Nach dem Schulbesuch in Bern studierte er in seiner Heimatstadt die Rechte, bis er 1798 als schweizerischer Artillerieleutnant gegen die Franzosen kämpfte. Da er nicht mit einer Anstellung im Schweizer Staatsdienst rechnete, wechselte er zur Forstwissenschaft, die er von 1798 bis 1800 in Heidelberg und Göttingen studierte. Im Anschluss absolvierte er eine praktische Forstlehre in Herzberg am Harz und erwarb forstliche Praxis in verschiedenen deutschen Regionen.1804 trat Greyerz als Oberförster von Stoffenried (heute Gemeinde Ellzee) bei Günzburg in Schwaben in den bayerischen Staatsdienst. Diese Anstellung bot ihm die Basis für eine Familiengründung: Er hielt um die Hand der erst 15-jährigen Clara Forster (1789-1839) an, deren Familie damals in Ulm lebte. Zur Welt gekommen war sie in Mainz als Tochter des berühmten Natur- und Völkerkundlers Georg Forster (1754-1794), der an der zweiten Weltumseglung von James Cook teilgenommen hatte.

Eine ungewöhnliche Frau

Greyerz heiratete Clara Forster am 9. Mai 1805 in Göppingen. In das Stoffenrieder Forsthaus zog neben der jungen Frau ihre Mutter Theresia Huber (1764-1829) ein, eine ungewöhnliche Frau: Als Tochter eines Professors der alten Sprachen in Göttingen geboren, in zweiter Ehe mit dem Schriftsteller und Redakteur Ludwig Ferdinand Huber (1764-1804) verheiratet, Mutter von zehn Kindern, erlangte sie als Verfasserin von Romanen, Erzählungen und Reisebeschreibungen, als Übersetzerin und als Redakteurin des "Morgenblatts für gebildete Stände" eine herausragende Rolle im deutschen Geistesleben ihrer Zeit.

Anfang 1807 wurde Greyerz nach Günzburg versetzt und zum Oberförster befördert. Als sich 1809 die Tiroler unter der Führung von Andreas Hofer gegen die seit 1806 währende bayerische Herrschaft erhoben, kämpfte der kriegserfahrene Greyerz als Mitglied der bayerischen Forstschützenkompanie. 1828 erinnerte er, um eine Bewerbung zu unterstreichen, seine Vorgesetzten an seine "im Jahr 1809 durch Ertheilung einer goldenen Civilverdienstmedaille gnädigst anerkannt geleisteten Dienste gegen das em-pörte Tyrol".

1818 stieg er zum Kreisforstinspektor des Oberdonaukreises auf. Damals waren die bayerischen Kreise (heute: Regierungsbezirke) nach Flüssen benannt. Der Oberdonaukreis entsprach weitgehend dem späteren Regierungsbezirk Schwaben. Als Kreisforstinspektor in Augsburg führte Greyerz die Aufsicht über die Forstämter der Regi-on; vorgesetzt war ihm der Kreisforstrat. Am 22. April 1829 versetzte König Ludwig I. von Bayern den sechsfachen Familienvater nach Bayreuth an die Regierung des Obermainkreises. In seiner Bayreuther Zeit trat Greyerz immer stärker als Fachautor hervor. Besonders durch seine Studien über die umfangreichen, ertragsschwachen Kiefernkrüppelbestände in Bayern und seine praktischen Vorschläge, wie man diesem Missstand abhelfen könne, machte er von sich reden. Er propagierte ein Kahlschlagsystem mit regelmäßiger Durchforstung und Beimischung anderer Baumarten. Ferner legte Greyerz rund 500 Tagwerk Versuchsflächen an und experimentierte mit dem Anbau verschiedener, auch ausländischer Baumarten; dabei empfahl er besonders die Österreichische Schwarzkiefer und die Strobe.

Erst spät Anerkennung gefunden

Während er zu Lebzeiten Ablehnung erfuhr, bestätigten Forstwissenschaftler des 20. Jahrhunderts seine Ansätze. Offenbar hatte Greyerz gesundheitliche Probleme: Schon 1817 kurte er in Bad Cannstatt, 1832 in Karlsbad. Im November 1841 versetzte der König den 63-jährigen Forstinspektor in den Ruhestand. Da der Lichtenfelser Gedenkstein aus dem gleichen Jahr stammt, dürfte er eine Art Abschiedsgeschenk an Greyerz gewesen sein.

Wie aber hatte er sich um Lichtenfels verdient gemacht? Hinweise darauf fehlen gänzlich. Man mag allenfalls spekulieren, dass der Lichtenfelser Forstmeister Schuster guten Grund hatte, seinen Vorgesetzten zu ehren. Obwohl Schusters Privatleben seit 1827 erheblichen Anstoß erregte, schritt die Regierung erst 1845 ein.

Und man munkelte über Jahre hinweg, der Lichtenfelser Forstmeister wirtschafte in die eigene Tasche - immerhin konnte er seine ehelichen und seine zehn (!) unehelichen Kinder reichlich ausstatten und "außerdem noch alljährlich kostspielige Bade- oder größere Vergnügungsreißen" unternehmen. Eine amtliche Untersuchung freilich wurde erst 1849 angestrengt. War die Greyerzruhe am Ende ein Dank dafür, dass Schuster während Greyerz' Amtszeit unbehelligt blieb?

Ministerium lehnt ab

Vielleicht aber war sie auch nur ein Zeichen der Anerkennung für die Meliorationsbemühungen des Forstinspektors.An sich hatten bayerische Beamte erst mit 70 Jahren das Recht, bei vollen Bezügen in den Ruhestand zu treten. Greyerz war erst 63 Jahre alt und bat den König, eine Ausnahme zu machen. Zum einen handle es sich bei ihm um einen "vermögenslosen Fami-lienvater von acht Kindern, wovon ein großer Theil noch unversorgt und die zwei jüngsten selbst noch unerzogen sind". Ferner habe er "dem Staat durch 37 Jahre treue Dienste geleistet". Doch das Finanzministerium wies die Bitte ab.

Nach einem halben Jahr zog Greyerz nach Erlangen. Im August 1843 beantragte er, auf unbestimmte Zeit in die Schweiz übersiedeln zu dürfen. In einer biografischen Skizze aus dem Jahr 1879 heißt es: "Alsdann zog er sich wieder in seine ihm stets theuer gebliebene Heimath nach Bern zurück." Dort habe er "die Leitung der Alleepflanzungen und deren Unterhaltung in der Umgebung von Bern sowie am Brienzer und Thuner See" übernommen. 1843 gehörte er zu den Mitgründern des Schweizerischen Forstvereins. Im Alter von 77 Jahren starb er am 16. Mai 1855 auf dem Breitenrein bei Bern "nach längerem schmerzlichen Leiden". Unter seinen Söhnen waren drei bedeutende Schweizer Forstleute, unter seinen Nachkommen auch namhafte Geistliche.