Das Jahr 2014 war für die Kirche in Deutschland eigentlich ein eher ruhiges. Es gab keine neuen Skandale oder große negative Schlagzeilen in den Medien. Doch ausgerechnet in diesem Jahr ist die Zahl der Kirchenaustritte bundesweit deutlich angestiegen. Die evangelische Landeskirche in Bayern zählte 30 600 Austritte im vergangenen Jahr - 2013 waren es lediglich 18 900. Auch die katholische Kirche verlor mehr Kirchenmitglieder als in den Vorjahren. Zurückzuführen ist dies unter anderem auf eine kleine Änderung der Kirchensteuer, die jedoch keine Erhöhung darstellt. Ab dem 1. Januar 2015 wird die Kirchensteuer auf Kapitalerträge von den Banken automatisiert eingezogen. Und das führt bei den Menschen oft zu Verunsicherungen, auch im Landkreis Lichtenfels.

Dekan Johannes Grünwald vom Evangelisch-Lutherischen Dekanat Michelau: "Es ist der evangelischen Kirche trotz großer Anstrengungen nicht gelungen, den betroffenen Gemeindegliedern zu vermitteln, dass diese Änderung keine Kirchensteuererhöhung darstellt."

Verzerrte Wahrnehmung

Ein Problem laut Grünwald war, dass nicht die Kirche selbst, sondern die Banken die Kunden über die Änderung informiert haben. Bedingt dadurch war der Schwund an Kirchenmitgliedern auch im Dekanat Michelau größer als gewöhnlich. Insgesamt sind im vergangenen Jahr 134 Menschen aus den dazugehörigen Gemeinden ausgetreten - in den Vorjahren waren es rund 90 Personen.

Auch im katholischen Dekanat Lichtenfels sind die Folgen der neuen Steuerregelung zu spüren. Dekan Michael Schüpferling: "Geld und Kirchensteuer spielen immer eine Rolle und sind für manche am Ende der entscheidende Grund zum Austritt." Weitere Ursachen für die vermehrten Austritte sieht Schüpferling in der verzerrten Wahrnehmung der Kirche in der Öffentlichkeit. "Insbesondere die jungen Menschen können oft nicht das Gute an der Kirche sehen, da sie in den Medien nur etwas von Skandalen und Untreue mitbekommen", sagt Dekan Schüpferling.

Fehlende Bindung bei Jugend

Jeden Kirchenaustreter schreibt Schüpferling persönlich an und sucht den Dialog. "Jeder Austritt tut weh, schließlich verliert man jemanden aus der Glaubensgemeinschaft", sagt er. Immerhin ein Drittel der Menschen melden sich bei der Gemeinde zurück und geben die Gründe für den Austritt preis. Bei etwa der Hälfte ist die Kirchensteuer der Grund.

Um die Austrittszahlen in Zukunft im Rahmen zu halten, wünscht sich die evangelische Pfarrerin Anne Salzbrenner aus Lichtenfels vor allem einen Wandel bei der jungen Generation: "Leider gelingt es uns nicht, junge Menschen in der Kirche zu halten - viele treten direkt nach ihrer Ausbildung aus", sagt Salzbrenner. Verbesserungsbedarf sieht sie vor allem in der Qualität des Religionsunterrichts an Schulen: "Viele Religionslehrer haben heute kaum mehr Kontakt zu Kirchengemeinden - das sollte unbedingt verbessert werden." Insbesondere in den höheren Klassen verlieren die Jugendlichen den Bezug zur Kirche. "Junge Menschen haben oft das Gefühl, dass die Kirche nicht für sie da ist, und bisher haben wir noch keine Möglichkeit gefunden, wie wir diese Leute motivieren können", sagt Anne Salzbrenner.

Um die Jugend wieder zu mobilisieren, müssen laut Schüpferling neue Wege eingeschlagen werden. "Junge Leute sind nicht glaubenslos, sind aber über den klassischen Weg schwerer zu erreichen", sagt er. Seiner Meinung nach müsse man mehr auf die moderne Technik und kirchliche Seiten im Internet setzen.

Gerhard Möckel, katholischer Pfarrer in Weismain, sieht die Entwicklung differenziert. Es gebe immer noch einen Unterschied zwischen Stadt und Land. "Auf dem Land ist die Welt schon noch etwas anders, hier sieht man nach wie vor viele junge Familien und Kinder in den Kirchen", sagt Möckel. Doch auch für die Katholische Pfarrei St. Martin in Weismain sind acht Kirchenaustritte im Jahr 2014 verhältnismäßig viele. Der Hauptgrund dafür sei auch hier die neue Steuerregelung.

Konjunktur sichert Erträge

Insgesamt habe sich die Bedeutung der Kirche laut Anne Salzbrenner über die Jahre stark gewandelt. Früher als die Gemeinden meist noch deutlich kleiner waren, habe die Kirche stärker zum Leben dazugehört. "Heutzutage wird die Kirche immer mehr als Dienstleister wahrgenommen, was sie zum Teil ja auch ist. Aber das ist eben längst nicht alles", sagt die Pfarrerin.

Die langfristigen Konsequenzen der vermehrten Kirchenaustritte sind noch nicht absehbar. Aktuell gibt es für die Gemeinden im Landkreis noch keine finanziellen Einschränkungen. Verantwortlich dafür ist die aktuell gute Konjunktur in Deutschland mit Rekordbeschäftigung und steigenden Löhnen. Roland Neher, katholischer Pfarrer in Lichtenfels, erklärt: "Die erfreulichen Steuereinnahmen für Herrn Schäuble sind auch für die Kirchen erfreulich. Wie lange noch, weiß keiner", sagt er. Langfristig seien die Entwicklungen durch Geburtenrückgang und sinkende Nachfrage nach Taufen jedoch besorgniserregender.