Einen genauen Treffpunkt mit einem
Wanderschäfer auszumachen, ist in der Regel gar nicht so leicht. "Irgendwo bei Schammendorf, Sie finden mich schon", sagte Felix Steinhagen am Telefon. So einfach wie angenommen war die Suche dann allerdings nicht. Dichter Waldwuchs verdeckte die Sicht auf die steilen Hangflächen mitten im Jura, in der Nähe von Weismain. Erst als die Autoscheiben herunter gelassen waren, ist ein weit entferntes Blöken und "Mäh" wahrnehmbar. Die Fährte war aufgenommen, die Schafherde fünf Minuten später erreicht. Dort wartet Felix Steinhagen bereits mit seinen beiden Hütehunden und seinem Smartphone in der Hand. Das verschwindet aber schnell in seiner riesigen Manteltasche. Langer Mantel, traditioneller Hirtenstab und ein großer, grüner Jagdhut, der weit ins Gesicht gezogen ist: Erst als man direkt vor dem Schäfer steht, kann man in sein noch überraschend junges Gesicht blicken.


Leidenschaft stärker als guter Rat

Felix Steinhagen ist erst 26 Jahre alt. Auf sein Alter angesprochen, entgegnet er jedoch: "Naja, so jung ist das wirklich nicht mehr." Er nimmt das wohl deswegen so wahr, weil er bereits seit gut zehn Jahren im Berufsleben steht. In Nordrhein-Westfalen ist er auf der elterlichen Schäferei aufgewachsen und hat sich schon sehr früh für seinen Wunschberuf entschieden. "Ich war nicht dumm und sogar recht gut in der Schule", sagt er. "Aber ich habe in der achten Klasse gemerkt, dass mir die Schafe wichtiger sind." Zu dieser Zeit täuschte er dann schon mal Bauchschmerzen vor, um der Schule fern zu bleiben und stattdessen die Geburt von kleinen Lämmern mitzuerleben. Trotz seiner ausgeprägten Leidenschaft hat ihm sein familiäres Umfeld sogar vom Beruf abgeraten. "Mein Vater hat rumgemosert und zu mir gesagt, ich solle lieber was Gescheites lernen", sagt er. Vater und Opa warnten den 26-Jährigen immer wieder vor dem geringen Verdienst und der knappen Freizeit. "Sicher hätte ich auch ein leichteres Leben mit mehr Geld haben können, aber Geld ist für mich eher Nebensache", sagt er. 2005 begann er seine Ausbildung zum Schäfer, sechs Jahre später machte er die Zusatzqualifikation zum Tierwirtschaftsmeister.


Aufregender Jahresbeginn

Während der Wanderschäfer über seine Berufsmotivation redet, hat er nebenbei das Geschehen seiner kompletten Schafsherde zu jeder Zeit gut im Blick. Wenn ein Schaf vom geplanten Weg abkommt, regeln das seine Hunde mit einem leichten Biss in den Nacken. Verletzt werden die Schafe dabei aber nicht. Und immer wieder hallt ein vorwurfsvolles "Chiaaara" durchs Tal, wenn die Hündin die Tiere mal etwas unsanfter anpackt.
Hinter dem Wanderschäfer liegen einige aufregende Monate. Nachdem er über Jahre angestellt war, machte er sich zu Jahresbeginn im mittelfränkischen Uehlfeld bei Neustadt a.d.Aisch selbstständig. Im Februar wurde er zudem zum ersten Mal Vater einer Tochter.

Das Besondere: Seine Lebensgefährtin Anna macht auch eine Ausbildung zur Schäferin und unterstützt ihren Mann bei vielen Arbeiten in der Schäferei. "Wir haben da eine gute Aufgabenteilung. Ich betreue die Schafe auf der Weide und sie macht die Büroarbeit und kümmert sich um die kranken Schafe zuhause", erklärt Felix Steinhagen. Nach getaner Arbeit fährt der Schäfer jeden Abend zurück nach Uehlfeld - immerhin 75 Kilometer - um sich auch ausreichend Zeit für seine junge Familie zu nehmen. "Mein Vater ist da ein gutes Vorbild, er hat fünf Kinder und hat sich trotz seiner Arbeit viel Zeit für uns genommen", erzählt der Schäfer. Dass Felix Steinhagen als frischer Vater rund um die Uhr gefragt ist, merkt man spätestens als sein Handy klingelt. Unabhängig von der Technik, kann er das vermeintliche Klischee des einsamen Schäfers nicht bestätigen: "Ich sehe und spreche eigentlich jeden Tag mit Menschen, an Feiertagen sind es mir manchmal sogar zu viele", sagt er.

Der 26-Jährige beginnt seinen Arbeitstag in der Regel um sieben Uhr mit Büroarbeiten. Ab neun Uhr kümmert er sich dann um seine Schafherde. Im Sommer ist er dabei teilweise bis um 22 Uhr auf den Beinen. Am Ende jedes Tages werden die Schafe über Nacht eingezäunt. Die Verbindung zu den Tieren bezeichnet er selbst als sehr intensiv. "Ich verbringe mit den Schafen immerhin mehr Zeit als mit meinem Kind", sagt er. "Ich stelle sie natürlich nicht über das Wohl meines Kindes, aber wichtig sind sie mir schon." Und langweilig wird es dem Schäfer mit seiner Herde ohnehin nie. Immer wieder gebe es auch Quertreiber, die dann schon mal die Hunde ärgern oder sich durch Hecken fressen. "Die Dinger können einen auch mal zur Weißglut bringen", sagt er mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Nicht zum Grinsen sind in der Regel die Einkünfte eines Schäfers. Diese liegen laut dem Schäfer schon nahe am Existenzminimum. Beschwerden hört man von ihm trotzdem keine. Bis zu 80 Prozent seines Einkommens bestehe aus Subventionen, die er für die Landschaftspflege durch die Schafe erhalte. Durch ihren Tritt und Verbiss schaffen die Schafe Bedingungen, die seltenen Pflanzen- und Tierarten das Überleben auf Dauer ermöglichen. Im Juragebiet gehöre der Apollofalter dazu. Die Schafe befreien Felsen vom dichten Bewuchs und erhalten damit einen wichtigen Lebensraum für den Schmetterling, so Steinhagen.


Verkauf von Wolle nicht lukrativ

Mit dem Verkauf von Wolle lasse sich heute kaum mehr Geld machen. Steinhagen: "Das deckt meist gerade mal die Unkosten." Auch der Preis für Lammfleisch sei aktuell mit rund 2,70 Euro pro Kilo vergleichsweise niedrig und durch günstige Importe sei der Verkauf nicht mehr wirklich lukrativ. Trotz alledem möchte Felix Steinhagen seine Arbeit als Schäfer nicht missen. "Die Schafe leben von mir und ich lebe von ihnen", sagt er und richtet seinen Blick hangaufwärts zu seiner Herde. "Wenn ich nicht raus gehe, habe ich kein Geld und die Schafe werden nicht satt."





Die Schäferwanderung




Wanderung Die Wanderung ist bereits ausgebucht. Es sind keine Anmeldungen mehr möglich. Treffpunkt ist am Samstag um 14 Uhr im Weismainer Kastenhof am Kirchplatz. Die Wanderung führt über Kalkmagerrasenflächen im Jura. Biologin Andrea Musiol vom Landratsamt erklärt dabei den Lebensraum und die Notwendigkeit der Schafbeweidung.

Schäferbesuch
Die Teilnehmer haben die Möglichkeit, sich bei Schäfer Felix Steinhagen über seine Arbeit zu informieren. Anschließend gibt es ein Picknick mit regionalen Spezialitäten von Schaf und Lamm. Die Veranstaltung endet um ca. 16.30 Uhr.