Wenn der Sommer mit all seinen Gemütlichkeiten und Vorzügen langsam schwindet und der Herbst Einzug hält, sinkt bei vielen Menschen die Stimmung. Die Tage werden kürzer und draußen wird es immer kälter. Viele verbringen dann ihre freien Stunden in den eigenen vier Wänden – eventuell auf dem gemütlichen Sofa mit einer warmen Tasse Tee.

Aber der Wechsel von Sommer zu Herbst kann auch gesundheitliche Folgen haben. Der sogenannte Herbstblues ist keine Kleinigkeit. Ärzte sprechen von einer saisonal-affektiven Störung. Es handelt sich dabei also nicht um eine Depression. Dennoch sollte man einen Arzt aufsuchen, wenn plötzlich Schlafstörungen auftreten, erklärt Dr. Nedal Al-Khatib.

Der Psychiatrie-Chefarzt des Bezirksklinikums Obermain in Kutzenberg erklärt weiter: "Mehr oder weniger Appetit mit starken, unbeabsichtigten Gewichtsschwankungen sind ein weiteres Signal, dass der Betroffene einen Arzt aufsuchen sollte. Wir reden von zehn Kilo mehr oder weniger innerhalb von einem etwa sechswöchigen Zeitraum." Ein weiteres Anzeichen könnten Konzentrationsstörungen sein.

Sollte ein Facharzt dann aufgrund der vorliegenden Beschwerden eine depressive Verstimmung diagnostizieren, bestünden viele Behandlungsoptionen: Selbsthilfegruppen, Veränderung der Verhaltensweisen oder im Fall einer manifesten Depression auch die Verschreibung von Medikamenten.

Bei einem einfachen Stimmungsknick ist der Gang zum Arzt jedoch nicht notwendig.

Wie entsteht der Herbstblues?

Weil die Tage kürzer werden, bekommt man gewöhnlich auch weniger Licht ab als im Sommer. Deswegen produziert der Körper weniger Serotonin. Der Botenstoff ist zuständig für Stimmung, Antrieb, Emotionen und den Schlaf-Wach-Rhythmus. Fehlt er, sinkt die Stimmung und die Müdigkeit steigt. Das heißt, will man nicht in ein Stimmungstief fallen, sollte man versuchen, etwa eine halbe Stunde am Tag in die Sonne zu gehen, um sich die tägliche Dosis Tageslicht abzuholen.

Macht man das nicht und hält sich während der ohnehin dunklen Jahreszeit viel drinnen auf, produziert der Körper viel Melatonin, das in der Nacht für einen guten Schlaf sorgt. Bekommt der Körper zu wenig Licht, wird das Hormon auch am Tag produziert und macht müde und träge. Durch das fehlende Licht wird die innere Uhr durcheinander gebracht. Die lässt den Menschen unter anderem wissen, wann es Zeit fürs Bett ist.

Das heißt, der Griff zum Kaffee kann kurzzeitig helfen, nachhaltig ist es aber sinnvoller, raus an die frische Luft - die auch für einen Serotoninanstieg sorgt - und vor allem ans Licht zu gehen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob der Tag gerade typisch herbstlich verhangen ist. Die notwendige Dosis bekommt man so auch.

Gegen die Verstimmung im Herbst helfen aber nicht nur Sonnenlicht und frische Luft. Dr. Al-Khatib empfiehlt beispielsweise viel Bewegung: "Einfach schön warm anziehen und regelmäßig einen Spaziergang machen, vielleicht sogar eine Wanderung. In unserer Umgebung gibt es ja jede Menge Möglichkeiten dazu."

Weiter empfiehlt er die Pflege sozialer Kontakte. So täten Gespräche mit Freunden den meisten Menschen gut – ob persönlich, per Telefon oder Skype.

"Auch eine ehrenamtliche Tätigkeit, etwa im Sportverein, beim Tierschutz oder als Schulweghelfer, hilft. Das geht auch in Zeiten von Corona, da alle Organisationen inzwischen ein Schutzkonzept vorliegen haben sollten. Es ist ein sehr gutes Gefühl, gebraucht zu werden", sagt der Chefarzt der Psychiatrie am Bezirksklinikum Obermain.

Beachtet man diese Hinweise, kommen die meisten gut durch Herbst und Winter. Aber nicht jeder geht gleich mit den kürzer werdenden Tagen um. Nach einer Vermutung des amerikanischen Psychiaters Michael Young spielt nicht nur die genetische Disposition eine Rolle, sondern auch die persönliche Einstellung. Neigt man dazu sich zurückzuziehen, weniger Antrieb zu haben oder manches Tief auch mal schwerer zu nehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, im Herbst in ein Stimmungsloch zu fallen.

Es gilt also, aufmerksam zu sein, wenn der Herbst kommt. Licht, Luft und Leute helfen einem dabei, die Stimmung hoch zu halten und sich nicht von dem trüben Wetter unterkriegen zu lassen.

Zudem ist eines stets gewiss: Auch Herbst und Winter werden vergehen und an deren Ende wartet das Frühjahr – mit Frühlingsgefühlen und wiedererweckten Lebensgeistern.