"Das Blaue sind die Stromleitungen", deutet Claus Essmeyer, Geschäftsführer der Essmeyer Baulogistik GmbH, deutet auf den Bebauungsplan und die unzähligen, gestrichelten Linien, die entlang der Straße Am Stadtturm eingezeichnet sind. "Und zusätzlich zu diesen ganzen Kabeln haben wir die alten Kanäle und die alte Wasserleitung", fügt der Diplom-Ingenieur hinzu, während er auf die ausgehobene Stelle in der schmalen Gasse hinter dem Stadtturm zuläuft.

In etwa einem Meter Tiefe schlängeln sich dort die verschiedensten Kabel, Leitungen und Rohre aller Durchmesser und Farben. "Im gesamten Bereich wird die komplette Wasserleitung mitsamt den Hausanschlüssen erneuert. Teilweise werden dafür die Keller neu angebohrt. Und zusätzlich werden noch die Abwasserkanäle in diesem Gebiet komplett erneuert", zählt Claus Essmeyer die Aufgaben auf, die es für ihn und sein Team zu bewältigen gilt.

Hochwertiger Granit-Belag

Die Baumaßnahmen finden im Rahmen des Projekts "Außenanlagen der Alten Darre" statt und umfassen den Stadtturm und die Straße Am Stadtturm, besser bekannt als Drosselgasse. Seit Anfang Oktober wird die komplette Drosselgasse - vom Stadtturm bis Obere Badegasse - saniert. Ist die Erneuerung der Leitungen und Rohre abgeschlossen, wird die schmale Straße anschließend mit einem hochwertigen Granit-Belag aus geschnittenen Granitsteinen gepflastert. Die Baustelle stellt die Firma Essmeyer Baulogistik GmbH, die die Arbeiten durchführt, gleich vor zwei Herausforderungen.

Herausforderung Nummer eins ist das bereits angesprochene Wirrwarr aus Wasser-, Gas- und Kanalrohren, Telekom- und Glasfaserkabeln, Erdungsbändern der Blitzableiter, einer Trasse von elf Bayernwerk-Kabeln inklusive eines 20-kV-Bündels, unbekannten Hausanschlusskanälen, Dachrinnenfallrohren sowie Hausanschlusskabeln.

"Es ist alles drin, was man sich denken kann", fasst Claus Essmeyer zusammen. Wer die Drosselgasse kennt, weiß: Auf der stellenweise nur knapp zwei Meter breiten Straße ist der Platz für solch ein Kabel- und Rohraufgebot äußerst knapp bemessen. Unter dem Bündel aus Leitungen und Kabeln in der Mitte der Straße befindet sich zusätzlich ein knapp 50 Zentimeter großes, uraltes Tonrohr aus den Anfängen der Kanalisation. "Das verläuft im Bogen unter der Alten Darre durch. Das muss logischerweise älter sein als das Gebäude", stellt Claus Essmeyer fest.

Im Inliner-Verfahren

Ein Austausch des Rohres ist also unmöglich. Die Lösung ist ein sogenanntes Inliner-Verfahren, welches in diesem Fall für die Rohrsanierung genutzt werden kann. Claus Essmeyer erklärt das Vorgehen: "Der Kanal wird mit einem Schlauch ausgekleidet. Das ist ein Glasfaserschlauch mit Harz getränkt, der im Rohr aufgeblasen und mit einer UV-Lampe ausgehärtet wird."

Herausforderung Nummer zwei ist die historische Bausubstanz. Damit sind nicht nur die Fundamente der angrenzenden Häuser gemeint, die aus Denkmalschutzgründen nicht freigelegt werden dürfen, sondern auch das, was unter der Asphaltdecke zu Tage kommt. Um etwaige historische Funde durch die Bauarbeiten nicht zu beschädigen und angemessen zu dokumentieren, finden die Kabel- und Rohrfreilegungen unter archäologischer Begleitung statt. "Die Archäologen sind immer mit dabei gewesen, wenn wir hier gegraben haben", versichert Claus Essmeyer. Etliche Zeugnisse der Staffelsteiner Stadtgeschichte konnten so im Zuge der Baustelle verzeichnet werden. Für den Geschäftsführer der Essmeyer Baulogistik GmbH gab es dabei ein klares Highlight: eine mittelalterliche Straße durch den Stadtturm in etwa einem Meter Tiefe. Eine solche war von den Wissenschaftlern bereits vermutet worden, doch erst die Grabungen brachten Gewissheit. "Der Bogen des Stadtturms ist ja eigentlich nicht hoch. Ein großer Planwagen hätte da früher gar nicht durchgepasst. Staffelstein muss früher also viel tiefer gewesen sein. Die Straße, auf die wir gestoßen sind, liegt ungefähr einen Meter tiefer. Das muss dann das alte Niveau vom Stadttor gewesen sein", gibt Claus Essmeyer die Erkenntnisse der Archäologen wieder. Tatsächlich zeigt der Querschnitt am Rad der Baugrube deutlich eine schwarz verfärbte Schicht, die auf Reste des verheerenden Stadtbrands von 1684 hindeutet. Anstatt Asche und Schutt abzutransportieren, wurden diese damals eingeebnet, um darauf wiederum neue Gebäude zu errichten. Über Hunderte von Jahren hinweg ist Bad Staffelstein durch diesen Schutt und Abfall quasi in die Höhe gewachsen. Neben der mittelalterlichen Straße durch den Stadtturm wurden in der Drosselgasse außerdem eine Sandsteinstraße, Reste von Ziegelsteinen und ein Fundament aus knallroten Sandsteinen entdeckt. Die rote Verfärbung der Steine weist auf Feuereinwirkung hin, so dass diese ebenfalls aus der Zeit des Stadtbrands stammen könnten.

Was uns rote Steine sagen

Auch in dem Teilabschnitt der Stadtmauer dahinter finden sich mehrere dieser roten Steine. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Mauer an dieser Stelle zerstört und später wieder neu aufgebaut wurde. Die Wissenschaftler fotografieren und kartieren all diese Funde, bevor sie mit einer Schicht Sand bedeckt werden und wieder im Erdreich verschwinden. Eine in die Straße eingelassene Glasplatte zur Begutachtung der Funde wäre zwar umsetzbar, ist allerdings bis jetzt von städtischer Seite aus nicht vorgesehen.

Diese vielen baulichen Schwierigkeiten erfordern ein vorsichtiges, gewissenhaftes Arbeiten. Claus Essmeyer lobt seine Mitarbeiter, die auf diesem schwierigen Terrain "Chirurgenarbeit" leisten. Bis die anspruchsvollen Arbeiten rund um die "Alte Darre" abgeschlossen werden können, wird es also noch eine Weile dauern.

Derzeit wird die Baustelle winterfest gemacht, so dass die Drosselgasse über Weihnachten bis Anfang nächsten Jahres für Fußgänger wieder begehbar sein wird. Je nach Witterung und Corona-Situation gehen die Bauarbeiten im Januar weiter. Nach Abschluss der Tiefbauarbeiten kann gegen März mit dem Pflastern begonnen werden. Bis dahin arbeiten sich Claus Essmeyer und sein Team mit kleinen Baggern, Radladern aber auch viel Handarbeit durch das Labyrinth aus Kabeln, Rohren und archäologischen Zeugnissen.