Seinen Mannschaftskameraden ist es egal, auf welcher Position sie eingesetzt werden. Cenk Akcakoca dagegen keineswegs, er will "immer vorne am Netz spielen". Kein Wunder - aufgrund seiner enormen Sprungkraft erzielt der 13-Jährige für das Regens-Wagner-Volleyballteam jede Menge Punkte. Beim Turnier für oberfränkische Förderschulen in Altenkunstadt, das auch Fußball umfasste, wurde einmal mehr deutlich, dass geistige Behinderung und sportliches Talent keinen Widerspruch darstellen.

Wie eine Weltmeisterschaft

"Für unsere Schüler ist das Turnier ein echter Höhepunkt, auf den sie lange hinfiebern. Wie die Weltmeisterschaft für einen Bundesligaspieler", beschreibt Lehrer Tobias Fürst, der mit einem Zettelstapel in Händen nur Zeit für einen kurzen Blick auf das Geschehen in der Kordigasthalle hat.
Fürst ist der Organisator den Turniers, das im Wechsel von den verschiedenen Förderschulen Oberfrankens mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung und nun erstmals seit zehn Jahren wieder von der Regens-Wagner-Burgkunstadt ausgerichtet wird. Er muss 18 Mannschaften mit 150 Sportlern von Einrichtungen aus dem gesamten Bezirk unter einen Hut bekommen.
Kundige Beobachter bemerken sofort, dass es sich um eine "WM" mit modifizierten Regeln handelt. Die Jugendlichen pritschen und baggern nicht auf dem Volleyballfeld, sie fangen und werfen den Ball. Das ist aber auch schon der einzige Unterschied zum Lehrbuch. Tobias Fürst erklärt: "Noch vor kurzem habe wir Ball-über-die-Schnur gespielt, jetzt nähern wir uns immer mehr dem Regelsport an Schulen an". Deshalb wurde beim Turnier auch mit einem nahezu in Normhöhe gespannten Netz gespielt, die Drei-Kontakte-Vorgabe berücksichtigt, bis der Ball dieses überquert, und wie bei beim "echten" Volleyball gezählt.

Individuelle Förderung

"Es gibt durchaus eine Entwicklung beim Sportunterricht", meint Fürst, der an der Regens-Wagner-Schule auch Sportstunden gibt. Während früher die Fürsorge und die Bewegung im Allgemeinen im Vordergrund stand, werden begabte Schüler nun individuell gefördert. Vor allem hinsichtlich Feinmotorik oder Taktik, wo naturgemäß Defizite vorhanden seien, motiviert der Pädagoge die Jugendlichen, sich selbst verbessern zu wollen. Der pädagogische Aspekt werde dabei nicht außer acht gelassen: "Das Miteinander, Fairness und gegenseitige Rücksichtnahme spielen nach wie vor eine große Rolle."

Mannschaftsgeist verinnerlicht

Fürst freut es, wie die Burgkunstadter Schüler nicht nur mit sportlichen Leistungen begeistern, sondern auch den besagten Mannschaftsgeist verinnerlicht haben. Auf den Feld gibt es unter den sechs Ballkünstler keinerlei Streitigkeiten, in der Spielpause berichten sie stolz, dass die erst seit diesem Jahr bestehende Neigungsgruppe Volleyball eigens für den Wettbewerb wöchentlich trainierte, um Aufschläge und Positionen zu üben. "Dass jeder oft an den Ball kommt, sei das Schöne an Volleyball", findet Angelina Bauriedl. Doch ist sie ebenso ehrlich wie Teamkollege Antonio Schreiter, der ergänzt: "Noch lieber würde wir aber alle Fußball spielen." Leider fehlte den Regens-Wagner-Sportlern dafür eine Handvoll Spieler.

Lichtenfelser mit genügend Fußballern

Dieses Problem kennt Martina Musmann-Jäger nicht. Die Konrektorin der Lichtenfelser Maximilian-Kolbe-Schule sitzt einen Steinwurf von der Halle entfernt am Spielfeldrand und feuert ihre Schützlinge beim Fußballturnier an, denen mit dem ersten Sieg im letzten Spiel ein versöhnlicher Abschluss gelingt. Allerdings ist die Mannschaft nicht in Bestbesetzung angetreten, einige Sportler befanden sich am Mittwoch bei den "Special Olympics" in Passau, weshalb in Altenkunstadt Neunt- und Erstklässler gemeinsam kickten.
Die Teilnahme an zwei parallelen Veranstaltungen zeigt: In dem Caritas-Förderzentrum, das dem Heilpädagogischen Zentrum angeschlossen ist, wird Sport dank Trainingsmöglichkeiten im eigenen Haus oder in umliegenden Schulen schon seit Jahren groß geschrieben. Musmann-Jäger zufolge gehören Laufgruppen, Basketball und Tischtennis ebenso zum Angebot wie Schwimmen, Ballsport und Leichtathletik. Sogar eine Skilanglaufgruppe gab es bereits.
"Fußball hat aber eindeutig den höchsten Stellenwert. Die Hälfte der Schüler sind Fans von Bayern München oder dem 1. FC Nürnberg", verrät die Konrektorin, weshalb die seit Schuljahresbeginn existierende Neigungsgruppe Fußball großen Zulauf hat.

Laufgruppen beliebt

Auch wenn Regens Wagner in punkto Sportstätten nicht ganz so gut bestückt ist wie die Einrichtung in der Kreisstadt und sie deshalb auch der Gemeinde Altenkunstadt dankbar für die Bereitstellung des Turniergeländes ist - auch Sabine Schubert kann bestätigten, dass der Stellenwert des Sports bei den Menschen mit Behinderung immer mehr steigt. Laufgruppen seien in Burgkunstadt ebenso beliebt wie die Offene-Hilfen-Fußballstunden, die Tanz-Neigungsgruppe und der Sportbereich im Außengelände, wo unter anderem Basketball gespielt wird. Was die Regens-Wagner-Gesamtleiterin mit Wohlwollen sieht, schließlich gelte für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen, dass Sport gut tut und einen wichtigen Ausgleich zum Alltag bietet.
Schubert ist gerade auf dem Weg zur Siegerehrung, wo sie der Hainbrunnenschule Forchheim (Volleyball A), Lebenshilfe Kronach (Volleyball B) und der Bertold-Scharfenberg-Schule Bamberg (Fußball) Pokale überreichen wird. Hier wird deutlich, wie wichtig den Jugendlichen der Wettbewerb ist.

"Keiner freut sich so schön wie unsere Schüler"

Der ausgelassene Jubel der Regens-Wagner-Spieler über den zweiten Platz beim Volleyball belegt zudem Tobias Fürsts Antwort auf die Frage, was das Besondere am Behindertensport sei: "Keiner freut sich so schön wie unsere Schüler", schmunzelt er, während die drei Mädchen und Jungs den Pokal in die Höhe recken - ganz so wie bei einer Weltmeisterschaft eben.