An diesem kalten November-Nachmittag wärmt die bereits tief stehende Sonne nur wenig, als sich Noah Möller auf die Tartan-Bahn im Städtischen Stadion in Bad Staffelstein begibt. Den ICE nach Berlin, der in Sichtweite zur Leichtathletik-Anlage mit der moosbewachsenen 400-Meter-Bahn vorbeirauscht, beachtet Noah Möller nicht. Er läuft konzentriert auf der sauberen Innenbahn zum Aufwärmen zwei Runden, dehnt sich und geht dann zum Lauf-Abc über. Das alles geschieht unter den Blicken seiner Trainer beim TSV Staffelstein, Marion Fischer und Kurt Herbicht.

Das Paar Herbicht (71) und Fischer (59), das auch beim TV Schwürbitz Kinder trainiert, hat den Zwölfjährigen unter seine Fittiche genommen. Herbicht und Möller sind aus dem selben Holz geschnitzt. Während der Schwürbitzer Herbicht seit über fünf Jahrzehnten seine Runden auf nationalen und internationalen Bahnen zog und noch immer bei Senioren-Welt- und Europameisterschaften zieht, steht Möller erst am Beginn einer womöglich erfolgreichen Karriere als Leichtathlet.

2020 auf Rekordjagd

Seine Trainer trauen ihm die durchaus zu. "Er hat den Biss und den Willen an die Spitze zu kommen", sagt Herbicht und bestätigt seinem Schützling echte Wettkampfstärke. Die zeigte der Zwölfjährige erst Mitte Juli in einem seiner Rennen in diesem an Wettbewerben armen Corona-Jahr in Erfurt. Dort lief Möller über 800 Meter in 2:19,80 Minuten in oberfränkischer Rekordzeit zum Sieg und auf Platz 2 der deutschen Bestenliste seines Jahrgangs 2008. "Das war schon cool in einem so riesigen Stadion bei toller Atmosphäre zu laufen und zu gewinnen", sagt Noah. Gegen den in der Bestenliste vor ihm liegenden Konkurrenten ist Möller bereits zweimal gelaufen. "Einmal hat er und einmal ich gewonnen. Ich habe schon den Ansporn auf Platz 1 zu kommen, bin aber auch stolz, auf dem zweiten Rang zu liegen", schätzt der Schüler seine Leistung schon wie ein Routinier ein. In diesem Jahr unterbot er zudem die oberfränkichen Rekorde der M12 über 1000 und 2000 Meter deutlich. Sein Ehrgeiz, das bestätigen auch seine Trainer, ist ungebrochen. "Ich möchte, wenn möglich, bei Olympia laufen", sagt Möller in Erinnerung an seinen Wettbewerb in Erfurt.

Auf welcher Distanz, lässt sich jetzt noch nicht sagen. "Im Alter von 15 legt man sich auf eine Strecke fest", weiß Herbicht. Sein Schützling kann sich zwischen 800 und 3000 Meter alles vorstellen. "Auch über die Hindernisse. Das macht Spaß."

Sein Vater Benjamin, der ihn zum Training gebracht hat, erzählt vom Besuch der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Nürnberg. "Da war er vom 3000-Meter-Hindernis-Rennen begeistert, als Felicitas Krause alle in Grund und Boden gelaufen hat."

Im Fußball bester Torschütze

Noahs Lauftalent liegt wohl auch ein wenig in den Genen. "Ich hab es über 1000 Meter bis zu den bayerischen Schulmeisterschaften geschafft", sagt Benjamin Möller und grinst. Er trainiert seinen Sohn im U13-Fußballteam des TSV Staffelstein. Dort ist er mit Abstand der erfolgreichste Torschütze. "Aufgrund seiner Schnelligkeit und seiner Durchsetzungsfähigkeit", weiß Vater Möller, der aber die Leichtathletik als Priorität 1 betrachtet. Sorgen um die schulischen Leistungen seines Filius', dessen Talent bereits in der Grundschule entdeckt wurde, müsse er sich nicht machen. "Da ist er ähnlich ehrgeizig wie im Sport." Noah dazu: "Das läuft ganz gut. Meine Noten liegen zwischen 1 und 3." Sein Lieblingsfach im Meranier-Gymnasium Lichtenfels - es verwundert nicht - ist Sport.

Dass es ohne Fleiß auch keinen Preis zu gewinnen gibt, müssen Vater und Trainer dem Zwölfjährigen nicht extra sagen. Herbicht muss das Lauftalent eher bremsen, denn das will möglichst alle Wettbewerbe bestreiten, die angeboten werden. "Noah startet bei Volksläufen in seiner Altersklasse und dann oft gleich danach noch im Hobbylauf", berichtet Herbicht. Im Corona-Jahr war dies jedoch nicht das "Problem", denn die meisten Wettbewerbe fielen aus. Marion Fischer diskutiert mit Noah über die Wettkampfplanung. "Wir wollen ihn nicht zu früh ausreizen", sagt die ehemalige Marathonläuferin (Bestzeit 3:28 Stunden).

Laufen und Moutainbiken

Zurzeit stehen keine Wettkämpfe auf dem Programm, sondern Training. Für sich zu Hause trainiert Möller drei- bis viermal wöchentlich. "Dann laufe ich zwischen fünf und zehn Kilometer. Manchmal auch nur vier, dann aber Vollgas. Dazu kommt ein Intervall-Lauf und regelmäßiges Dehnen", sagt Noah, der daneben noch auf sein Mountainbike steigt und aus Bad Staffelstein den Staffelberg hoch- und runterfährt - mit Helm und Rückenprotektor, betont er.

Bei den Einheiten mit Herbicht und Fischer stehen vor allem Stil-Verbesserungen mit dem Lauf-Abc im Vordergrund und Körperstabilisierungsübungen. Wenn es wieder Richtung Wettkämpfe gehe, "werden wir an seiner Kurventechnik arbeiten, um schnell und aufrecht auf die Gerade zu kommen", sagt Herbicht. Auch Renntaktik ist für den Zwölfjährigen noch ein Thema. "Er rennt immer Vollgas", sagt sein Vater. Über längere Distanzen ist Noahs Tempohärte am Ende jedoch ein Vorteil. "Am Ende eines 1500-Meter-Laufes noch hohes Tempo zu gehen, können nur wenige in seinem Alter", so Herbicht, weiß aber, dass sein Athlet noch ein Zeitgefühl entwickeln müsse. "Aber das lernt er schon noch", sagt der 71-Jährige.

Bedenken, dass das Talent, je höher es nach oben geht, die Luft dünner und die Konkurrenz stärker wird, die Motivation verliert, hat Herbicht nicht. "Er will. Wenn er am Ball bleibt, ist er in fünf, sechs Jahren in der deutschen Spitze." Herbicht kennt aber viele Talente, die unter Druck, der im Leistungssport entsteht, leiden und sich vom Leistungssport verabschieden. Dann benötige der Athlet Vertrauen seines Trainers, was aber nicht alles Auswahltrainer schenken.

Für Noah Möller steht demnächst der ausgefallene Nominierungslehrgang für den E-Kader im Bezirk an, ehe der Sprung in die weiteren Förderkader im Bayerischen Leichtathletikverbandes folgen soll. Die Landeskadertrainer haben Möller schon auf dem Radar. Einmal pro Woche müsste er dann im Leistungszentrum Fürth zum Training. Bis es soweit ist, kann der Gymnasiast - so es die Corona-Pandemie zulässt - noch einige Pokale und Medaillen gewinnen und die in der Vitrine zu Hause anschauen. Und vielleicht kommt ja eines Tages eine Medaille bei nationalen oder gar internationalen Meisterschaften hinzu.

Keine Rennen mehr für Herbicht

Noah Möllers Jugendtrainer Kurt Herbicht hat entschieden, seine Läuferkarriere nach 55 Jahren zu beenden. "Ich werde in Zukunft noch ein paar Läufe auf Kreis- und Bezirksebene nach Lust und Laune bestreiten und mich mehr auf das Nachwuchstraining beim TV Schwürbitz und TSV Staffelstein konzentrieren", sagt der gebürtige Schwürbitzer, der erst als 17-Jähriger mit dem Laufen begann, nachdem er Fußball gespielt hatte.

In seiner Karriere bestritt Herbicht über 2200 Rennen, von denen er 1600 gewann. Die herausragenden Erfolge waren Seniorenweltmeister über 800 Meter, zweimal Europameister mit der Mannschaft, viermal Vize-Europameister, 54-mal deutscher, sechsmal süddeutscher und 225-mal oberfränkischer Meister. "Eigentlich wollte ich schon mit 50 aufhören", sagte der 71-Jährige am Rande des Trainings mit Noah Möller. Viele seiner Zeiten stehen noch in den Bestenlisten ganz oben. Die über die 5000 Meter (14:25 Minuten) hätte Addisu Tulu Wodajo vom TV 48 Coburg im 2016 mit 14:28 Minuten fast unterboten. Hier ein Auszug seiner Bestzeiten: Marathon 2:21:07 Stunden, Halbmarathon 1:06:22 Stunden, 10 000 Meter 30:01 Minuten, 10 Kilometer Straße 30:15 Minuten, 3000 Meter 8:14 Minuten, 1500 Meter 3:53 Minuten, 1000 Meter 2:26 Minuten, 800 Meter 1:50,5 Minuten, 400 Meter 52,0 Sekunden.

In Oberfranken legte Herbicht eine beispiellose Erfolgsserie hin, als er 18 Jahre lang keinen Wettkampf in den Disziplinen Berg-, Straßen-, Crosslauf oder auf der Bahn verloren hat. "Manchmal kann ich im Nachhinein die von mir erzielten Zeiten und Erfolge nicht glauben", sagt der Ausnahmeläufer, der in Michelau zu Hause ist. Von seiner Erfahrung soll nun der Nachwuchs in Schwürbitz und Bad Staffelstein profitieren - und das ist gut so.