Manche Themen im Sportjournalismus muss man erst aufstöbern, andere kommen einem fast entgegen geflogen. Nina Ahlsdorf vom AC Lichtenfels ringt als einziges Mädchen des Vereins inmitten von 20 Jungs. Dieses Thema fliegt einem förmlich entgegen. Beim Jean-Foeldeak-Turnier in Michelau kommt es zu einer Spurensuche.
Sie wird bald 16, besucht die neunte Klasse des Lichtenfelser Gymnasiums und ist eigentlich ein Mädchen wie viele andere auch. Nina Ahlsdorf hat ihre Freundinnen Alina und Jule zum ersten Mal zum Ringen-Zuschauen eingeladen. Die zwei spielen Volleyball und Tennis und geben ehrlich zu: "So richtig was verstanden, wer wann wie gewinnt, haben wir nicht." Dass ihre Freundin Nina einen so mädchen-untypischen Sport betreibt, "das ist kein großes Thema bei uns."
Woanders schon.
"Du ringst? Wie kommt man denn dazu?", zitiert Nina die zwei häufigsten Fragen und erzählt von vielen erstaunten Gesichtern, denen sie begegnet und für die sie eher unspektakuläre Antworten parat hat, hinsichtlich des Männersports, den sie schon ihr halbes Mädchenleben lang betreibt: "Wie bei vielen anderen auch: über den Vater und den Bruder, die mich zum Ringen mal mitgenommen haben."
Die anderen Mädchen sind dort irgendwann wieder gegangen, die ehrgeizige Nina ist geblieben. Die Erklärung liefert Vater Jens: "Das ist ein hochkarätiges Training in Bezug auf Koordination und Motorik. Das hat ihr gefallen, und so ist sie auch besser geworden." Mit der Folge, dass er seine aktuelle Fünfte der deutschen Meisterschaften inzwischen einmal die Woche zum Stützpunkttraining des Bayern-Kaders nach Nürnberg fährt.

Trainieren nur mit Jungs


Daheim wird nur mit Jungs trainiert. Hemmungen? "Nein", findet Nina, "wir sind doch von klein auf daran gewöhnt. Und in der Dynamik der Aktion denkt man nicht daran, ob jetzt ein Junge oder ein Mädchen der Trainingspartner ist."
Dass in den Turnieren die Geschlechter ab dem zwölften Lebensjahr getrennt werden, ist für sie schon richtig so: "Dann haben die Jungs einen viel schnelleren Kraftzuwachs", den sie so für sich auch nicht unbedingt braucht: "Ein bisschen Muskeln möchte ich schon, aber nicht zu viele. Wichtiger ist, eine sportliche Figur zu bekommen und in Form zu bleiben."
Die Ringer-Jungs haben ihre Mädchen offenbar akzeptiert, so der Eindruck beim Jean-Foeldeak-Turnier mit seinen knapp 200 Teilnehmern aus ganz Bayern und Thüringen. Man flachst, man probiert in den Pausen einen Griff auf der Matte aus, nur, dass die Mädchen halt später bloß untereinander wettkämpfen. Allzu viele Turniere außer der "Bayerischen" und der "Deutschen" gibt es für sie nicht. Auch in Michelau müssen mal wieder die Gewichtsklassen 56 kg und 60 kg zusammengelegt werden, um wenigstens fünf Mädels für eine ordentliche Konkurrenz zu bekommen.
Nina Ahlsorf hat ein bisschen Pech: Sie ist mit ihren gut 55 Kilogramm zu leicht und wird am Ende Dritte. Den Kampf um "Silber" verliert sie etwas unglücklich, trotz eines 3:0-Vorsprungs zehn Sekunden vor Rundenende.

Erstaunlich reife Gedanken


Doch gerade in der Niederlage zeigt sich, dass Nina vielleicht doch nicht ganz so ist wie viele andere, weil sie schon ein paar erstaunlich reife Gedanken gefasst hat für ihre 15 Jahre: "Ich bin jetzt in einem Alter, wo man nicht mehr weint oder ausflippt. Vergeigt hab ich's ja selbst, und da ärgere ich mich still. Das Ringen hat mich gelehrt, dass man auch mal was einstecken muss."