Die Schwürbitzer gehörten über Jahrhunderte zur katholischen Pfarrei Marktgraitz. Dies galt nach der Glaubensspaltung nicht bloß für die Katholiken, sondern ebenso für die evangelischen Schwürbitzer. Zwar besuchten sie den Gottesdienst in den benachbarten evangelischen Kirchen. Aber der katholische Pfarrer von Marktgraitz taufte die Kinder der Protestanten und traute die evangelischen Paare, und alle Toten fanden ihre letzte Ruhe auf dem Kirchhof von Marktgraitz.

Ein alteingesessener Schwürbitzer, der Ahnenforschung betreiben will, muss seine evangelischen Vorfahren also in den katholischen Pfarrmatrikeln von Marktgraitz suchen. Man verstand eine Pfarrei nämlich als für einen bestimmten Raum zuständig, das heißt: für alle in diesem Raum lebenden Christen. Dass ein katholischer Pfarrer auch für Protestanten zuständig war wie der Marktgraitzer in Schwürbitz oder Michelau, war so ungewöhnlich nicht. Umgekehrt kam es genauso vor, dass z. B. der evangelische Pfarrer von Schney der Geistliche für die im Dorf lebenden Katholiken war.

Das Toleranzedikt von 1803

Daran änderte auch das Toleranzedikt von 1803 nichts. Der bayerische Kurfürst, der 1802 das Fürstbistum Bamberg seinem Land einverleibt hatte, verfügte im Januar 1803, dass künftig Katholiken, Lutheraner und Reformierte in Bayern einander gleichgestellt seien. Für die evangelischen Schwürbitzer bedeutete das zunächst nicht viel. Sie blieben der katholischen Pfarrei Marktgraitz zugeordnet. Zwar wurde durch Verfügung des bayerischen Kurfürsten vom 5. Dezember 1803 im nahen Michelau eine evangelische Pfarrei geschaffen, doch sie war einstweilen nur für Michelau selbst zuständig. Ohnehin ließen die gesetzlichen Vorgaben eine Änderung der Pfarrzugehörigkeit in der Regel nur dann zu, wenn die Pfarrei vakant war; man wollte einem amtierenden Pfarrer nicht zumuten, dass ihm mit der Auspfarrung eines Teils seiner Gemeinde Einkünfte entzogen würden.

1809 hätte sich eine solche Gelegenheit geboten. Die Schwürbitzer Protestanten wollten in die Kirchengemeinde Michelau aufgenommen werden und wandten sich an den dortigen Dekan Dr. Ernst Anton Clarus - doch die Sache führte nicht zum Erfolg, ebenso wie der nächste Anlauf 1814. Weiterhin taufte der katholischen Pfarrer die Kinder der evangelischen Schwürbitzer, und wenn einer von ihnen starb, wurde er auf dem Friedhof um die katholische Pfarrkirche von Marktgraitz beigesetzt. Auch der Pfarrerwechsel in Marktgraitz 1819 ging ungenutzt vorüber. 1823 jedoch griff das Dekanat Michelau die Angelegenheit an, unterstützt vom protestantischen Konsistorium Bayreuth, der für die evangelische Kirche zuständigen Staatsbehörde. Man beklagte, "daß die zu Schwürbitz wohnenden 200 Protestanten theils zu Michelau, theils zu Obristfeld, theils aber auch in dem zur Sachsen Hildburghausischen Pfarrey Sonnenfeld gehörigen Filial Weidhausen ihren Gottesdienst suchen, wodurch dieselben dann [...] unter sich in keiner kirchlichen Gemeinschaft stehen". Weil sie sich "bald zu dieser, bald zu jener Kirche, je nachdem es augenblickliche Neigung oder Abneigung fordert, halten", seien sie "ohne alle spezielle Seelsorge".

Tendenz nach Michelau

Um dem abzuhelfen, sollten die Schwürbitzer Protestanten der Pfarrei Obristfeld oder Michelau zugewiesen werden. Die Mehrheit der Schwürbitzer tendierte - einleuchtend angesichts der Nähe - nach Michelau. Nur wollten sie einen eigenen Friedhof anlegen. Das fand die Unterstützung der Behörden, zumal der - damals noch mitten im Dorf um die Kirche gelegene - Michelauer Friedhof sich als zu beengt erwies.

Schwierigkeiten machten die Michelauer. Gegen einen Anschluss der Schwürbitzer an die evangelische Pfarrei Michelau hatten sie nichts - aber nur dann, wenn die neuen Gemeindeglieder die Schulden mittragen würden, die durch den Pfarrhausbau 1805/07, durch den Kirchenbau 1817/19 und durch die Dotierung der Pfarrstelle 1804 aufgelaufen waren. Außerdem sollten sich die Schwürbitzer an der Finanzierung der Michelauer Schule beteiligen, obwohl sie eine eigene Schule hatten. Das alles wollten die Schwürbitzer Protestanten nicht, denn sie hatten ja zu allen Lasten der Pfarrei Marktgraitz beigetragen, etwa zur Einrichtung einer Kaplansstelle im späten 18. Jahrhundert oder zum Pfarrhausbau 1815/16.

Das Landgericht Lichtenfels - Vorläufer des Amtsgerichts und des Landratsamts - hielt die Einwände der Schwürbitzer für berechtigt. Der Landrichter sah eher die Schwierigkeit, dass die Michelauer Kirche zu klein sei; man werde wohl eine zweite Empore einziehen müssen, natürlich auf Kosten der evangelischen Schwürbitzer. Wenngleich das Landgericht die Michelauer Forderungen für ungerechtfertigt, jedenfalls für übertrieben hielt, blieben die Michelauer stur. Die Schwürbitzer erklärten sich bereit, 200 Gulden für den Einbau von Emporen zur Verfügung zu stellen. Was an Geld übrigbleibe, solle der Kirchenstiftung zufallen. Auch wollten sie die Hälfte zum Bau und Unterhalt des Schulhauses beitragen, weil darin der Mesner seine Dienstwohnung hatte. Die Michelauer aber beharrten auf ihrer Forderung.

Die Güte der Schwürbitzer werde, so bemerkte der Landrichter, "durch den unbeugsamen Starrsinn der Michelauer [...] vereitelt". Dem Konsistorium erschien "der Trotz der Michelauer Gemeinde [...] unbegreiflich", und die Regierung in Bayreuth verurteilte, dass sie "ebenso sonderbare als unbillige Bedingungen" stellten. Über ein Jahr ging ins Land. Die Fronten waren verhärtet. Da rief der Michelauer Ortsgeistliche seine Gemeinde zusammen und beschwor sie, doch einzulenken. 200 Gulden seien für die armen Schwürbitzer viel Geld, und zum Schulhausbau würden sie ebenfalls beitragen. Vor allem aber sei es "den christlichen und religiösen Gesinnungen und Grundsätzen, die man bisher bey hießiger Gemeinde wahrzunehmen geglaubt hat, ganz zuwider, ihre eigenen Glaubensgenossen auf eine so kalte unnachbarliche und lieblose Weiße zurückzustosen und sich dadurch in einem für ihre Ehre sehr ungünstigen und nach-theiligen Lichte zu zeigen."

Die Michelauer geben nach

Außerdem brächten die künftigen Beiträge der Schwürbitzer, etwa für Reparaturen an Kirche oder Pfarrhaus, Vorteile für Michelau. Die eindringliche Rede verfing, und die Michelauer gaben nach - allerdings nicht ganz. Die angebotenen 200 Gulden sollten nicht zweckgebunden sein, sondern nach Gutdünken verwendbar. Einstweilen seien ja neue Kirchenstühle noch nicht vonnöten. Außerdem müssten Schwürbitzer zu allen künftigen Lasten für Kirche, Pfarrhaus und Schule beitragen. Nun war der Weg von seiten Michelaus frei, wenn auch der Lichtenfelser Landrichter warnte, man müsse die Bedingungen genauestens festhalten, um "den äußerst streitsüchtigen Michelauern zu ferneren Streitigkeiten alle Gelegenheit abzuschneiden". In dieser Situation legte sich das Erzbischöfliche Ordinariat Bamberg quer. Denn die Pfarrei Marktgraitz war besetzt, der 1819 eingeführte Pfarrer war noch im Amt. Er würde, so wandte der Generalvikar ein, ebenso wie der Marktgraitzer Mesner in seinen Einkünften beeinträchtigt, falls die fast 250 Schwürbitzer Protestanten abgetrennt würden. Denn sie hatten für Taufen, Trauungen oder Beisetzungen dem katholischen Pfarrer Gebühren zu entrichten, die einen Teil seines Einkommens ausmachten. Eine Einbuße könne man ihm nach dem Prinzip der Besitzstandswahrung nicht zumuten; man müsse also das nächste Freiwerden der Pfarrstelle abwarten. Nun war guter Rat teuer. Das bayerische Innenministerium empfahl, man solle den Pfarrer eben wegbefördern. Doch löste sich die Sache anders: Eine Nachforschung in den Akten ergab, dass die Schwürbitzer ihren Antrag auf Auspfarrung schon 1809 und 1814 gestellt hatten, also lange vor Dienstantritt des amtierenden Marktgraitzer Pfarrers, der folglich mit diesem Einnahmenverlust von vornherein hatte rechnen müssen. Nun endlich, drei Jahre, nachdem der Antrag gestellt war, verfügte König Ludwig I. von Bayern am 10. Juli 1826: "Die protestantischen Einwohner des Orts Schwürbitz sind von der katholischen Pfarrey Markt Graiz aus- und in die protestantische Pfarrey Michelau einzupfarren." Alles schien klar - doch nun erhob sich erneut Widerspruch aus Michelau.

Beitrag zu den Gebäuden, recht und schön, aber die Schwürbitzer müssten auch noch etwas zum "Pfarrstock", also zu der Stiftung beitragen, aus deren Erträgen der Ortsgeistliche besoldet wurde. Der Lichtenfelser Landrichter stöhnte: "Die Michelauer Gemeinde, welche sich durch Starrsinn und Eigennutz auszeichnet, ist, wie sichs in mehreren Fällen gezeigt, nie in der Güte zu einen Entschluß zu bewegen, die vernünftigsten Vorstellungen, die eindringendste Beredsamkeit finden keinen Eingang." Die Schwürbitzer waren der Sache leid. Sie schickten Vertreter zur Regierung nach Bayreuth und forderten, man möge die Sache entweder entscheiden oder, falls das nicht gelinge, sie einer anderen Kirchengemeinde zuweisen.

Dabei dachte man sicherlich an Obristfeld, zumal der dortige Pfarrer schon wiederholt erklärt hatte, seine Gemeinde würde die Schwürbitzer Protestanten ohne jegliche Forderung in den Pfarrverband aufnehmen. Erst im Juni 1827 gelang es dem Landgericht, Einigkeit zwischen Schwürbitz und Michelau herzustellen. Erst jetzt gehörten die evangelischen Schwürbitzer endgültig zur Pfarrei Michelau.