Bundesjugendspiele gibt es in Deutschland mittlerweile seit 64 Jahren. Eine wahre Institution, die seit einigen Tagen aufgrund einer Petition zumindest öffentlich zur Debatte steht. Bei den Schulleitern und Sportlehrern im Landkreis ist dies jedoch nicht der Fall. Maren Ibe ist Sportlehrerin an der Adam-Riese-Schule in Bad Staffelstein: "Das ist ein gesunder Wettbewerb. Die Kinder wollen ihre Ergebnisse erzielen und sich untereinander messen", sagt sie und fügt an: "Die Dame, die das fordert, ist wohl ganz unsportlich."

Lydia Münch unterrichtet seit mehr als 20 Jahren am Gymnasium Burgkunstadt. Die stellvertretende Schulleiterin ist nicht nur Sportlehrerin, sondern auch Sportpädagogin. Die Erfahrungen eines sportlichen Wettbewerbs sind ihrer Meinung nach sehr wichtig für die Kinder: "In Schulen sollte man auch lernen, zu verlieren. Sport ist nicht schlecht, um die soziale Kompetenz zu schulen." In der Pflicht sieht sie aber auch die Lehrer. Diese müssten die Kinder auch entsprechend im Sportunterricht auf die Bundesjugendspiele vorbereiten. "Von Null auf Hundert ist immer doof", sagt sie.


Freiwilliger Sporttag eine Option?

Auch in der Durchführung der Disziplinen können die Lehrer Einfluss nehmen, indem sie beispielsweise bei Lauf-Wettbewerben die Kinder leistungsgerecht aufteilen. Demütigungen oder Mobbing aufgrund schlechter Leistungen bei den Bundesjugendspielen hat Lydia Münch noch nicht mitbekommen. "Vielleicht hat die Frau selbst mal eine schlechte Erfahrung gemacht beziehungsweise ihr Kind - da können Mütter schon mal zu Wölfinnen werden." Ein freiwilliger Sporttag anstelle der Bundesjugendspiele wäre laut Lydia Münch zwar eine denkbare Option, aber organisatorisch nur schwer umsetzbar. Dem pflichtet auch der Schulleiter Thomas Meier bei: "Es ist ja gerade auch mal schön, wenn die ganze Schule auf den Beinen ist." Auch er sehe die Bundesjugendspiele nicht als öffentliche Demütigung der Schwächeren, sondern vielmehr als zusätzliche Belohnung der sportlichen Schüler. Lydia Münch kann das bestätigen: "Viele Kinder haben keine Einser in Mathe, bekommen aber dafür eine Ehrenurkunde", sagt sie. "Die Kinder sind da stolz drauf und werden dadurch auch animiert, lebenslang Sport zu treiben."

An der Ivo-Hennemann-Grundschule in Bad Staffelstein sei der Wettkampfgedanke eher zweitrangig, erklärt Schulleiter Roland Christeiner. Trotzdem wird die Verleihung der Urkunden im Rahmen eines kleinen Schulfestes gebührend gefeiert. "Ich habe nicht das Gefühl, dass sich da irgendein Kind benachteiligt fühlt", sagt er. Als Inklusionsschule sei ein ordentlicher Umgang untereinander sowieso eine Selbstverständlichkeit.




Wie kam es zur Diskussion um die Bundesjugendspiele?


Initiatorin Christine Finke aus Konstanz hat die Diskussion ins Rollen gebracht. Die Stadträtin und freiberufliche Journalistin widmet sich privat als Bloggerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Begründung Vor rund einer Woche setzt Christine Finke auf Twitter die Nachricht ab, dass ihr Sohn weinend mit einer Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele heimkomme - und sie deshalb eine Petition zur Abschaffung erwäge. Der Wettbewerb mit Teilnahmezwang und starkem Wettkampfcharakter sei nämlich nicht mehr zeitgemäß.

Petition Zwei Tage später steht ihre Online-Petition "Bundesjugendspiele abschaffen!" an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im Netz und sammelt binnen drei Tagen über 5000 Unterschriften. Sie entfacht auch eine heftige, teilweise sehr emotionale Diskussion um die 1951 eingeführten Bundesjugendspiele - insbesondere in den Sozialen Medien, aber auch bundesweit in großen Zeitungen.

Meinung Der Deutsche Sportlehrerverband positioniert sich mit Präsident Michael Fahlenbock pro Bundesjugendspiele - wenngleich er ablehnt, vom Ergebnis Zensuren abzuleiten. Der Tageszeitung "Welt" sagte er in dieser Woche, er halte die Spiele samt Wettbewerbscharakter für richtig - sofern sie wie ein Sportfest gesehen und Schüler systematisch auf die einzelnen Disziplinen vorbereitet würden. Michael Fahlenbock zufolge ist zu berücksichtigen, dass nur Schulen "wirklich alle Heranwachsenden" treffen.

Meinung: Pro und Contra Abschaffung der Bundesjugendspiele
Pro: Sarah Dann, Redaktionsvolontärin, findet, die Spiele sind überholt: "Von der ersten bis zur vierten Klasse kam ich in den Genuss dieser im besonderen Maße pädagogisch wertvollen Schulbank-Alternative. Vier ehrwürdige Teilnehmerurkunden staubte ich ab.

An Tagen, an denen es durchschnittlich 35 Grad hatte - mindestens und im Schatten versteht sich. Schützende dunkle Flecken waren im baden-württembergischen Osterholzstadion aber nicht zu finden, schon gar nicht am Tag der Bundesjugendspiele. Aber wer rechnet im Juli, im Sommer, schon mit einer Temperaturexplosion?! Den Wetter- oder vielmehr Planungskapriolen irgendwelcher Minister sei dank, fuhren deshalb 99 Prozent der Eltern am Morgen der Bundesjugendspiele ihre Schützlinge sicherheitshalber mit dem Auto ins Stadion ... der Buckel zum Sportplatz hinauf sollte die Mitschüler schließlich nicht schon vor den Wettkämpfen ins Schwitzen bringen.

Noch fürsorglicher waren nur die Eltern, denen es morgens am Telefonhörer selbst die Schweißperlen auf die Stirn trieb: "Also meine Lisa, die hat heute Kopfschmerzen. Ganz starke. Wirklich." Bauchschmerzen waren es wohl eher, ... waren es aber vielleicht auch schon im Jahr zuvor.

Die Wertlosigkeit von Teilnehmerurkunden keimt im Konzept sogenannter Sport-"Spiel"-Tage. Es "soll auf eine Frühspezialisierung und Einengung in ein zu starres Regelwerk verzichtet werden", heißt es offiziell. Deshalb wird der Einsatz - ob beim Sprinten oder Springen - in der brütenden Hitze nach Tabellen bewertet, aha. Im Ernst: Auf die Plätze, meckern, los! Gegen einen einzelnen Tag, der kindlichen Bewegungsdrang in Leistungstabellen zwängt. Für ein Bewegungsprojekt, das beim Thema "Ernährung" im Heimat- und Sachunterricht beginnt und Trainingserfolge im Sportunterricht erlaubt. "

Contra: Christian Holhut, Redakteur, findet die Bundesjugendspiele sinnvoll: "Es gibt nicht die fetten Jugendlichen, die mit Fastfood vor der Glotze sitzen. Es gibt sie natürlich, aber eben nicht nur. Denn wie Spaß am Lesen oder Appetit auf gesunde Ernährung ist eben auch Freude an Bewegung und fairem Wettkampf zum großen Teil Erziehungssache. Verabschieden wir uns hier von der Idealvorstellung, die sei flächendeckend so auch gut gegeben. Es mangelt hierzulande oft daran. An vielem. Zu oft. Nicht ohne Grund beklagen Lehrer häufig, dass sie sich notgedrungen immer mehr um das zu kümmern hätten, was Eltern nicht leisten wollen oder können.

Deshalb ist am Sport in der Schule ebenso wenig zu rütteln wie an Mathe oder Deutsch. Denn: Jedes Kind braucht dieselben Chancen und Möglichkeiten, unabhängig von seiner Herkunft, seinem Zuhause oder aktuellen Fähigkeiten. Entsprechend vonnöten ist die Leistungserfassung. Es braucht eben auch die Chance, sich mit anderen zu messen - genauso wie in allen Fächern in der Schule, in anderen Lebensbereichen oder -phasen, sobald individuelle Stärken und Schwächen zum Vorschein kommen. Der Fingerzeig in Richtung "unsensibles Lehrpersonal", wesentliches Element der Petition, zeigt doch, wo der Fehler liegt: nicht im sportlichen Wettkampf, sondern sobald es maßgeblichen Personen im Umfeld der Kinder an Kompetenzen mangelt.

Und damit sind hier nicht nur die Lehrer gemeint. Natürlich sind die Bundesjugendspiele gut vorzubereiten, nicht am heißesten Tag des Jahres durchzuprügeln, jeder Teilnehmer ein Sieger - und die Schwächen von Kindern generell ernst zu nehmen. Wer aber Defizite in diesem Bereich zum Anlass nimmt, alle Kinder ein Stück mehr in Watte zu packen vor der Lebenswirklichkeit, arbeitet am eigentlichen Problem vorbei."


Stimmen aus dem Netz:
Auch auf inFranken.de und auf den zugehörigen Facebook-Seiten wird das Thema heiß diskutiert. Hier eine Auswahl an Stimmen:

Das-geschriebene-Wort: "Ich finde eintägige Bundesjugendspiele total sinnlos. Wenn man mal bedenkt, wie häufig in der Schulzeit die Sportstunden ausfallen (...) und man die Kinder fast unvorbereitet in diesen Wettkampf schickt und daher Urkunden nicht nur mit Können sondern auch mit Glück zugewiesen werden."

Yvonne Guzik Ives: "Ich bin ja schon ein paar Jährchen aus der Schule raus, aber die besten Erinnerungen hab' ich an die Bundesjugendspiele, und zwar nicht wegen des Sportteils, ich glaub', ich hab's höchstens mal zu ner Siegerurkunde geschafft (...), sondern die Kameradschaft, das ,Abhängen‘ mit den Anderen, einfach der SPASS, einen Tag ohne Unterricht zu haben."

Uschi Veit"Ich erinnere mich mit Freuden an die Bundesjugendspiele. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Kameradschaft darunter gelitten hat."

LuciferSam: "Wenn der Klassenzusammenhalt Mist ist, macht es natürlich keinen Spaß. Aber dann werden die Schwächeren nicht nur bei den BJS gemobbt, sondern immer."



Hintergrund: Wie kam es zur Diskussion um die Bundesjugendspiele?
Initiatorin Christine Finke aus Konstanz hat die Diskussion ins Rollen gebracht. Die Stadträtin und freiberufliche Journalistin widmet sich privat als Bloggerin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier geht's zu ihrem Blog.

Begründung Vor rund einer Woche setzt Christine Finke auf Twitter die Nachricht ab, dass ihr Sohn weinend mit einer Teilnehmerurkunde der Bundesjugendspiele heimkomme - und sie deshalb eine Petition zur Abschaffung erwäge. Der Wettbewerb mit Teilnahmezwang und starkem Wettkampfcharakter sei nämlich nicht mehr zeitgemäß.

Petition Zwei Tage später steht ihre Online-Petition "Bundesjugendspiele abschaffen!" an Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) im Netz und sammelt binnen drei Tagen über 5000 Unterschriften. Sie entfacht auch eine heftige, teilweise sehr emotionale Diskussion um die 1951 eingeführten Bundesjugendspiele - insbesondere in den Sozialen Medien, aber auch bundesweit in großen Zeitungen und Portalen. Hier geht's zur Petition.

Meinung Der Deutsche Sportlehrerverband positioniert sich mit Präsident Michael Fahlenbock pro Bundesjugendspiele - wenngleich er ablehnt, vom Ergebnis Zensuren abzuleiten. Der Tageszeitung "Welt" sagte er in dieser Woche, er halte die Spiele samt Wettbewerbscharakter für richtig - sofern sie wie ein Sportfest gesehen und Schüler systematisch auf die einzelnen Disziplinen vorbereitet würden. Fahlenbock zufolge ist zu berücksichtigen, dass nur Schulen "wirklich alle Heranwachsenden" treffen. hol