Der Streit um die neue Vergütungsregelung der Notärzte führte Anfang des Jahres in Augsburg und Nürnberg bereits zu ersten Konsequenzen: Notarztdienste wurden über mehrere Stunden nicht besetzt, weil keiner der dortigen Ärzte sich freiwillig zum Dienst bereit erklärte. Die seit dem 1. Januar gesetzlich neu geregelte Notarztvergütung betrifft ebenso die 35 aktiven Notärzte des Landkreises Lichtenfels und sorgt für Unzufriedenheit.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) sowie die Krankenkassen haben sich hinsichtlich der Bereitschaftszeiten von Notärzten auf eine Grundvergütung geeinigt, welche die bisherige Bereitschaftspauschale ablöst. Die Bereitschaft der Notärzte nachts und am Wochenende soll darüber hinaus mit einem Zuschlag entlohnt werden. Die Einsatzvergütung wurde hingegen gekürzt und richtet sich nunmehr nach der Zahl der behandelten Patienten pro Einsatz. Es wird nicht mehr nach der Leistung der Notärzte und deren Einsatzdauer bezahlt.

Ländliche Standorte stärken

Mit dieser finanziellen Neuregelung bezwecke die KVB Notarztstandorte im ländlichen Raum, die verhältnismäßig geringere Einsatzzahlen vorweisen, zu stärken, so Wolfgang Simon, Leiter des Zweckverbandes für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Coburg.

Dies bestätigt Tobias Eismann, der Einsatzleiter Rettungsdienst im Kreis Lichtenfels: "Es ist bestimmt sinnvoll, da man mit der Vergütungsregelung eine gewisse Gleichberechtigung der verschiedenen Standorte anstrebt."
Peter Sefrin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte (AgBN) sieht die Neuregelung jedoch zwiespältig: "Die Reform war zwingend erforderlich. Aber in der Form, in der sie nun existiert, ist sie nicht für alle Kollegen günstig."

Zwar habe man durch die Erhöhung der Grundvergütung Standorte mit wenigen Einsätzen im ländlichen Raum attraktiver gemacht, gleichzeitig aber ein anderes Problem geschaffen: Notärzten an Standorten mit vielen Einsätzen habe man das Geld deutlich gekürzt. Der Landkreis Lichtenfels ist ein solcher. Von den beiden Notarztstandorten Lichtenfels und Burgkunstadt aus wurden im Jahr 2013 laut der Statistik des Zweckverbandes für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Coburg insgesamt knapp 5000 Einsätze im Kreis Lichtenfels gefahren. Die Zahlen von Januar bis einschließlich September 2014 lassen auf ein ähnliches Ergebnis schließen.

Die AgBN sei überrascht, dass die Gesamtvergütung so stark reduziert wurde. "Das wäre zu verkraften gewesen, wenn andere Bereiche nicht gleichermaßen stark beschnitten worden wären", betont Sefrin. Vor allem für Zweit- und ehrenamtliche Notärzte sei die neue Vergütung nicht mehr attraktiv.

Denn die bisherige Bereitschaftspauschale wurde zwar von vier auf 13 Euro pro Stunde tagsüber erhöht und von acht auf 16 Euro nachts. Durch die Kürzung der Einsatzvergütung von 91 auf 45 Euro pro Patient am Tag und von 111 auf ebenso 45 Euro in der Nacht ist die Erhöhung der Grundvergütung nicht wirklich gewinnbringend. An den Standorten Lichtenfels und Burgkunstadt, an denen sich die Zahl der Notarzteinsätze nachts auf vier bis fünf beläuft und am Tag um das Fünf- bis Sechsfache ansteigt, ist die Neuregelung daher gravierend.

Notärzte bleiben der Arbeit fern

"Ich hoffe, dass es dazu führt, dass bestimmte Standorte dauerhaft rund um die Uhr besetzt werden können", fährt Wolfgang Simon fort. Denn vor der neuen Regelung habe es bereits Probleme gegeben, ländliche Standorte zu vermitteln. Ob die Probleme damit beseitigt werden können, werde sich laut Eismann noch herausstellen.

Peter Sefrin meint: "Viele Notärzte wollen unter diesen Bedingungen nicht mehr fahren. Einige werden künftig auch komplett abspringen. Das kann problematisch werden." Wie viele Notärzte pro Einsatz benötigt werden, sei abhängig von der jeweiligen Schadenslage, erklärt Wolfgang Simon. In der Regel komme jedoch nur ein Notarzt zum Einsatz. Das werde sich durch die neue Vergütungsregelung nicht ändern, so Simon. Peter Sefrin betont, dass die Neuregelung keine Auswirkungen auf zukünftige Patienten habe: "Das betrifft nur die Notärzte, nicht den Notarztdienst nach außen."

Ob Notärzte unterm Strich mehr oder weniger verdienen, sei laut Tobias Eismann ein reines Rechenexempel. "Es ist ein guter Ansatz, aber alle Wege führen nach Rom. Ob das der richtige Weg ist, wird sich noch zeigen", sagt er.

Désirée Torday, Notärztin am Klinikum Lichtenfels, zeigt sich in dieser Hinsicht gelassen: "Als nebenberufliche Notärztin steht das Geld bei mir nicht im Vordergrund. Ich mache die Arbeit primär aus einer gewissen Motivation heraus. Ich kann mich also nicht beklagen."